11.11. in Mainz: Warum ausgerechnet an diesem Tag?

Die Zahl 11 spielt in der Mainzer Fastnacht eine gewaltige Rolle. Doch warum ist das eigentlich so?

11.11. in Mainz: Warum ausgerechnet an diesem Tag?

In Mainz werden am heutigen Freitag wieder Tausende den 11.11. feiern. Auf einer Bühne vor dem Osteiner Hof wird um 11:11 Uhr schon mal für einen Tag Fastnacht gefeiert, obwohl der offizielle Kampagnenstart doch erst am 1. Januar erfolgt. Doch warum wird eigentlich am 11.11. gefeiert? Dazu hat Michael Bonewitz, Sprecher des Mainzer Carneval-Vereins (MCV) und Sohn von Fastnachtslegende Herbert Bonewitz, Fakten und Theorien zusammengetragen.

Der 11.11. werde vor allem deshalb gefeiert, weil er ein typisch närrisches Datum ist, so Bonewitz. Wohl keine Zahl ist für Närrinnen und Narrhalesen so wichtig wie die Elf. Bereits in der französischen Revolution (getreu dem Leitspruch „Egalité, Liberté, Fraternité“ = ELF/11) oder auch in der Bibel (eine Zahl mehr als die zehn Gebote und eine Zahl weniger als die zwölf Apostel) sei diese Zahlenkombination von Bedeutung gewesen – für die Fastnacht habe das Datum jedoch eine übergeordnete Symbolkraft. „Der 11.11. steht in der Fastnacht dafür, dass einer neben dem anderen steht, man in Einigkeit und Brüderlichkeit füreinander da ist und die gemeinsame Arbeit zum Gelingen des schönsten Mainzer Festes gewürdigt wird“, so MCV-Präsident Hannsgeorg Schönig.

„Der 11.11. steht in der Fastnacht dafür, dass einer neben dem anderen steht, man in Einigkeit und Brüderlichkeit füreinander da ist“ – Hannsgeorg Schönig

Ob Gardist, Feldmarschall oder Generalfeldmarschall, Trommler oder Fahnenschwenker: In der Fastnacht könne einer nicht ohne den anderen sein, jeder profitiere voneinander. „Das ist für mich die beste Deutung dieses besonderen Datums. Genau deshalb huldigen wir am 11.11. um 11:11 Uhr diesem 11. Tag im 11. Monat des Jahres“, sagt der MCV-Chef. „Wir machen an diesem einen Tag für kurze Zeit das närrische Fenster auf.“ Denn nach dem 11.11. folgt schon bald die Adventszeit, in der es eher ruhig und besinnlich zugeht. Erst im Januar nimmt die Saal- und später dann auch die Straßenfastnacht Fahrt auf.

Auch die 40 ist wichtig

Der 11. Tag im 11. Monat markierte schon immer den Auftakt zu einer Zeit, deren Höhepunkt die Woche vor Aschermittwoch ist. Denn der 11.11., an dem auch St. Martin gefeiert wird, liegt genau 40 Tage vor dem Winteranfang, der zeitlich fast mit Weihnachten zusammenfällt. Noch einmal 40 Tage trennen Weihnachten von Maria Lichtmess (markiert im Kalender den frühesten Fastnachtstermin), und rund weitere 40 Tage sind es dann bis Ostern. Ostern trennt wiederum 40 Tage von Christi Himmelfahrt, das einen neuen Jahresabschnitt einleitet. Nicht nur die Zahl 11 spielt also für Fastnachter eine wichtige Rolle: auch die 40 tut das. Die Zahl 40 findet sich auch im französischen Wort für die Fastnacht (carême) wieder, das aus „quarante“ abgeleitet wurde.

Hintergrund des 11.11. sei auch, dass es an Weihnachten bereits kurz nach dessen Festlegung im Jahr 354 eine vorangehende 40-tägige Fastenperiode gab. Vor deren Beginn aß man, wie vor der Karnevalszeit selbst, die später verbotenen Fleischvorräte. Für die Stadt Mainz ist der 11.11. ebenfalls von besonderer Bedeutung, weil der Heilige Martin Stadtpatron von Mainz ist. Das Martinsfest ist zwar älter als die Fastnacht und die Narrenzahl 11, dafür war die 11 aber schon im Mittelalter als magische Zahl bekannt. Als Primzahl, die nur durch sich selbst oder eins teilbar ist, bildet sie zusammen mit der Zahl 13, die allgemein als Unglückszahl gilt, einen sogenannten Primzwilling.

Sünden und Gebote

Sprachlich entwickelte sich die Elf aus dem althochdeutschen „einlif“ – was „Eins darüber“ bedeutet, also eins über zehn. Wie viele Zahlen wurde die Elf im Mittelalter mit Hilfe des Glaubens gedeutet. Die Heilige Schrift war der Schlüssel, um zu sehen, was gut und böse ist – und gab damit auch den Zahlen ihre Wertung. Die Elf kennzeichnete alle Menschen, die außerhalb der Sittengesetze standen – alle, die die Zehn Gebote überschritten hatten. Damit verwies die Elf allgemein auf die Sünde und die damit verbundenen Vorstellungen von Welt und Weltuntergang im Alten wie im Neuen Testament. Auf alten Kupferstichen und Gemälden des 16. und 17. Jahrhunderts mit Darstellung des Weltuntergangs oder des Jüngsten Gerichtes zeigen Uhren stets die elfte Stunde an.

Erst Mathias Joseph De Noel gab unter dem Eindruck der Französischen Revolution bei der Reform der Kölner Fastnacht der Elf eine neue Deutung: Eins neben Eins als Zeichen der Eintracht unter den Jecken.

Viel Platz für Interpretationen

Für die zentrale Bedeutung der Zahl 11 scheint es also mehrere Gründe zu geben: Ähnlich wie die Figur des Narren steht die 11 außerhalb der Normen, theologisch gesehen ist die Zahl um eins höher als bei den Zehn Geboten, unterschreitet aber um eins die Zahl der Jünger Jesu. Mit Eins über Zehn entzieht sich die Zahl Elf der kirchlichen Ordnung. Die Elf galt als Zahl der Maßlosigkeit, als teuflische Zahl; sie kennzeichnete alle Menschen, die sich außerhalb der festgelegten Sittengesetze begeben hatten. Dr. Dieter Degreif, Schriftführer der Mainzer Prinzengarde, hat über den Ursprung der närrischen Zahl geforscht. Da man im Mittelalter in jedem Menschen einen Narren sah, der die Zehn Gebote übertrat, „war die Zahl Elf geradezu das Kennzeichen der Narren.“

Eine weitere Deutungsmöglichkeit der Elf ist der närrische Charakter der Zahl, die rückwärts gelesen die gleiche Zahl ergibt und damit an die verkehrte Narrenwelt erinnern soll. Die Verbindung zum Patronatstag (Dom und Stadt) des St. Martin am 11.11. mit den wichtigen und volkshaften Märkten an diesem Tag (Ende des Wirtschaftsjahres, Pachttag, Stellenwechsel) könnte durchaus ebenfalls eine Rolle für die Narrenzahl spielen, das ist jedoch unbewiesen. Letztlich ist ein eindeutiger Herkunftsnachweis für die „Elf“ also gar nicht möglich. Im Kölner Karneval war und ist die „11“ ebenfalls häufig anzutreffen. Nach einem Bericht von 1826 konnten die Kölner aber schon damals weder Herkunft noch Bedeutung dieser Zahl erklären.

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