Wie gut funktionieren Mülltrennung und Recycling wirklich?

Kaum ein EU-Land entsorgt mehr Müll pro Person als Deutschland. Viele verlassen sich auf Mülltrennung und gutes Recycling. Aber ist das wirklich die Lösung?

Wie gut funktionieren Mülltrennung und Recycling wirklich?

Vor kurzem sorgte eine ARD-Dokumentation für Aufsehen. In „Die Recyclinglüge“ spüren die Autoren Müllmakler auf, die Plastikmüll illegal im Ausland in Gewässern entsorgen, Mafia-Netzwerke, die Geld mit Abfallschmuggel verdienen und Industriezweige, die sich an der Müllverbrennung bereichern. Die Doku zeigt, wie wenig Plastikmüll am Ende recycelt wird und wie groß das Müllproblem weltweit wirklich ist. Was bedeutet das für uns als Verbraucher?

Die Doku-Macher stellen viele richtige Fragen, findet der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND): Wieviel Plastik brauchen wir wirklich, welche Verantwortung tragen die Konzerne und können wir uns aus der Krise raus-recyceln?. „Was die Doku nicht leistet, ist das Problem in den deutschen Kontext einzuordnen“, so der BUND. Richtig sei, dass viel zu wenig stofflich recycelt werde und noch immer viel zu viel Plastik aus den gelben Säcken in Verbrennungsanlagen landen würde. Es gebe aber auch gut funktionierende Recycling-Anlagen in Deutschland, die keine Beachtung fänden. „So bleibt das Gefühl zurück, dass all das Sortieren nichts bringt. Dabei kann schlicht nur recycelt werden, was getrennt gesammelt wurde.“

Recycling in Mainz

Auch Ralf Peterhanwahr von der Stadt Mainz findet: „Mülltrennung ist ein wichtiger und zentraler Aspekt des Umweltschutzes.“ Der Inhalt des Gelben Sacks in Mainz werde lokal in der Sortieranlage in Gernsheim aufbereitet und die einzelnen Rohstoffe wie Metall und Plastik an die verarbeitende Industrie weitergegeben. Der Biomüll werde an die Biomasseanlage in Essenheim weitergegeben, wo Komposterde, Strom und Fernwärme daraus gewonnen werden. „Der Stoffkreislauf schließt sich dort optimal, da Privatpersonen sowie lokale Bauern die nährstoffreiche Erde wiederum für den eigenen Garten und Anbau nutzen können.“ Papier- und Glasprodukte würden recycelt. „Der dann verbleibende Restabfall wird durch einen kurzen und damit umweltschonenden Transportweg direkt hier in Mainz im Müllheizkraftwerk zur energetischen Verwertung überlassen.“

Probleme bei der Mülltrennung

Damit das funktioniert, müssen auch die Haushalte ihren Müll gut trennen. Das klappe im Durchschnitt gut. Aber: „Gerade beim Bioabfall gab es in den vergangenen Jahren Probleme mit zu vielen Störstoffen wie Plastik und kompostierbaren Beuteln.“ Das wirke sich schlecht auf die Qualität des Komposts aus. Um das zu vermeiden, kontrolliere man stärker. Wird die Tonne zu oft falsch befüllt, bekommen die Eigentümer ein Anschreiben mit Tipps. Hilft das nicht, wird die Biotonne eingezogen. „Im letzten Jahr wurden 3251 solcher Anschreiben an Eigentümer:innen/Hausverwaltungen verfasst - und letztlich 218 Biotonnen eingezogen“, sagt Peterhanwahr. Das seien Einzelfälle und zeige, dass das Anschreiben das Mülltrenn-Verhalten verbessere.

„Da Biomülltonnen bei falscher Befüllung nicht geleert werden, scheuen sich Hausverwaltungen, sie aufzustellen.“ - BUND Mainz

Der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) findet die Biomüllsituation in Mainz nicht optimal. „Da Biomülltonnen bei falscher Befüllung nicht geleert werden, scheuen sich Hausverwaltungen, sie aufzustellen. Probleme sind sicherlich die Bequemlichkeit und Überforderung, sich mit der korrekten Entsorgung auseinander zu setzen“, sagt die Mainzer Kreisgruppe auf Merkurist-Anfrage. Dennoch funktioniere die Trennung bei Biomüll, Glas und Papier zumindest besser als beim gelben Sack.

Auch im öffentlichen Raum gibt es Schwachstellen. So wird zum Beispiel der gesamte Müll aus öffentlichen Papierkörben in der Stadt als Restmüll verbrannt. „Die Papierkörbe im öffentlichen Raum dienen vorwiegend der schnellen Entsorgung von kleinen Abfällen, die unterwegs anfallen und damit diese nicht achtlos in die Umwelt geworfen werden“, sagt Ralf Peterhanwahr. Dort sehe man nicht die Chance, den Abfall zu trennen.

Deutsche Bahn als Vorbild für Städte?

Die Deutsche Bahn tut das zum Beispiel. In den Bahnhöfen stehen Mülltonnen, in denen die Fahrgäste ihren Abfall getrennt entsorgen können. Früher konnte man Plastik, Papier, Bio- und Restmüll voneinander trennen, 2021 wurde das System umgestellt, weil der Müll zu oft falsch eingeworfen wurde. Seitdem können die Fahrgäste nur noch Papier und Restmüll trennen. Entsorgungsunternehmen sortieren die Abfälle anschließend in Sortieranlagen, um Wertstoffe recyceln zu können. Laut einer Bahnsprecherin funktioniere das gut. „Durch die moderne Sortierung in Entsorgungsanlagen stehen jetzt mehr als 85 Prozent aller dorthin gelieferten Abfälle als sauber getrennte Wertstoffe (Metall, Kunststoff, Glas, etc.) für ein Recycling zur Verfügung“, so die Sprecherin auf Merkurist-Anfrage. Bisher seien nur 40 Prozent überhaupt der Sortierung zugeführt worden. Der Papiermüll werde wie gewohnt recycelt. Teurer sei das neue Entsorgungskonzept nicht.

Weitere Lösungsvorschläge

Auch der BUND hat Lösungsvorschläge. Es brauche mehr Aufklärung und Bewusstsein bei Verursachern und Verbrauchern. „Sowohl Verpackungen als auch die Waren an sich sollten eindeutig gekennzeichnet sein, wie sie korrekt entsorgt werden können“, heißt es aus der Mainzer Kreisgruppe. Dafür brauche es eine EU-weite Regelung. „Ein weiteres Problem ist, dass viele Plastikprodukte Stoffmischungen sind, die sich nicht mehr in ihre chemischen Einzelteile trennen lassen.“ Dadurch könnten zahlreiche Plastikprodukte nicht recycelt werden, sondern werden verbrannt oder in Länder mit hoher Armut verschifft. Auch dort solle die EU eingreifen. „Es muss günstiger werden, Plastikprodukte wieder in seine chemische Einzelbestandteile zu zerlegen, als diese immer neu aus Erdöl, Erdgas oder anderen chemischen Grundstoffen zu produzieren.“ Besonders effektiv könnte die Einführung einer bundes- oder EU-weiten CO2-Steuer von 180 Euro pro Tonne sein, so der Mainzer BUND. „Sozial abgefedert würde die Steuer durch das Klimageld, bei dem die kompletten Einnahmen aus der Steuer wieder an die Bürger*innen zurückgezahlt werden würde.“

Am Ende werden gutes Recycling und Mülltrennung aber dennoch nicht alle Probleme lösen. „Die Recyclinglüge“ kommt zu dem Schluss, dass die Politik große plastikproduzierende Konzerne stärker in die Verantwortung nehmen muss. Und dass es am besten ist, wenn Müll erst gar nicht entsteht. Das sieht auch der BUND so: „Der beste Müll ist der, den wir nicht produzieren. Das betrifft die gesamte Lieferkette, da auch dort schon Verpackungen für Lagerung und Transport gebraucht werden.“ Direkt in Mainz könnte die Stadt beispielsweise Restaurants dazu verpflichten, ein Pfand-System für ihre To-Go-Produkte einzuführen, oder einen Mainz-Cup für Kaffee. „Hier gibt es bisher leider nur Insel-Lösungen, die oft wegen der geringen Nutzung wieder untergehen.“

Tipps, um Müll zu vermeiden

Jeder Verbraucher selbst, kann dazu beitragen, dass weniger Müll entsteht. Umweltschutzverbände geben immer wieder Tipps. Hier findet ihr einige von ihnen:

  • Mehrwegprodukte statt Einweg kaufen - auch Joghurt und Milch gibt es zum Teil in Mehrwegverpackungen.

  • Unverpackte Produkte kaufen

  • Eigene Behälter und Taschen zum Einkauf mitnehmen

  • Nicht von XXL-Angeboten im Kühlregal verführen lassen, sondern nur kaufen, was man auch wirklich verbraucht. Haltbare Produkte kann man hingegen direkt in Großpackungen kaufen, um Müll zu sparen.

  • Reste verwerten

  • Leitungswasser trinken und Essen und Trinken für unterwegs von Zuhause mitnehmen

  • Pfandsysteme wie Recup und Rebowl für To-Go-Produkte in Anspruch nehmen

  • Lieber Kaffeebohnen- oder Pulver verwenden. Kaffeekapseln sind in den meisten Fällen reine Wegwerfprodukte

  • Wer einen Garten hat, kann Bioabfall und pflanzliche Gartenabfälle direkt vor Ort kompostieren.

  • Reparieren statt wegwerfen: Sowohl in Mainz als auch in Wiesbaden gibt es Repair Cafés, die dabei unterstützen.

  • „Bitte keine Werbung“-Aufkleber auf den Briefkasten kleben, um keine Werbung zu bekommen, die ohnehin im Müll landet.

  • Reinigungsmittel in Form von Tabs nutzen, die in Papier/Karton verpackt sind

Ihr habt weitere gute Tipps zur Müllvermeidung? Schreibt sie in die Kommentare.

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