Wie sicher sind Frauen nachts in Mainz?

Wenn nachts die Geschäfte geschlossen und die Straßen leer sind, bekommen einige Frauen schnell ein mulmiges Gefühl. Merkurist-Leser Stefan will deshalb in einem Snip wissen, wie es in Mainz aussieht: Müssen Frauen hier nachts Angst haben?

Wie sicher sind Frauen nachts in Mainz?

Nachts von der Bar nach Hause laufen, eigentlich kein Problem. Zumindest, wenn Bar und Wohnung nicht zu weit voneinander entfernt sind. Doch im Schatten der Nacht fühlen sich gerade Frauen oft nicht sicher und befürchten, belästigt zu werden. Eine Bürgerbefragung 2016 in Frankfurt ergab etwa, dass sich dort besonders Frauen abends unsicher in der Innenstadt fühlen. Denn auch wenn spätabends die Läden in der Innenstadt geschlossen sind, leer ist sie noch lange nicht: Aus den Bars und Clubs ertönen noch Stimmen, immer wieder mal laufen Feiernde und Nachtschwärmer durch die Straßen, einige sind betrunken. Leser Stefan will wissen, wie die Situation in Mainz aussieht: „Muss man als Frau Angst haben, nachts alleine durch Mainz zu laufen?“, fragt er in einem Snip.

Vergangenes Jahr 145 Sexualdelikte in Mainz

Laut Kriminalstatistik zum Jahr 2016 gab es 20.684 Kriminalfälle der Polizei im Stadtgebiet Mainz. Bei den meisten davon ging es um einfachen Diebstahl (4555 Fälle) oder Betrug (4545 Fälle). Die Fallzahlen für Körperverletzungen liegen bei 2333, wesentlich weniger sind es bei Raub- (115) oder Sexualdelikten (145). Von letzteren wurden vergangenes Jahr 155 Menschen Opfer - 134 davon waren weiblich, nur 21 männlich. „Bei manchen Delikten wie etwa exhibitionistischen Handlungen waren mehrere Personen betroffen, deshalb ist die Opferzahl insgesamt etwas höher als die Fallzahl“, erklärt Polizeisprecher Achim Hansen.

„Täter, die nachts hinter einem Gebüsch lauern, sind in Mainz Einzelfälle.“ - Achim Hansen, Polizei

Die Täter sind meistens Männer: 102 Tatverdächtige konnten bei den Sexualdelikten in Mainz ermittelt werden, nur zwei davon sind weiblich. Bei den Sexualdelikten habe es sich in 40 Fällen um Exhibitionisten gehandelt, die Polizei verzeichnete aber auch 32 Taten von Vergewaltigung oder sexueller Nötigung. „Die Opfer hatten in diesen 32 Fällen meistens eine Beziehung zum Täter oder kannten ihn“, so Hansen. Dementsprechend sei bei diesen Fällen die Aufklärungsquote mit 78 Prozent sehr hoch. „Täter, die nachts hinter einem Gebüsch lauern, sind in Mainz Einzelfälle“, sagt Hansen. „Frauen, die nachts in Mainz unterwegs sind, brauchen sich keine Gedanken zu machen.“

Hauptgefahr im nahen Umfeld

Auch beim Frauennotruf Mainz meldeten sich wegen sexueller Belästigungen auf der Straße nur selten Frauen und Mädchen. „Die Betroffenen, die hier anfragen, haben sexuellen Missbrauch in der Kindheit, Vergewaltigung, Belästigung am Arbeitsplatz oder ähnliches erlebt“, so Mitarbeiterin Anette Diehl. Das heiße aber nicht, dass es zu keinen anderen Vorfällen komme: „Sexuelle Belästigung auf der Straße gehört für viele 'zum Alltag' und wird nicht als Gewalt eingestuft.“ Viele Frauen würden die Übergriffe einfach hinnehmen, die Vorfälle würden nicht ernst genommen.

„Viele Frauen meiden als gefährlich geltende Orte, viele Mädchen verzichten auf öffentliche Feste und Events.“ - Anette Diehl, Frauennotruf

Auch Diehl sieht die größte Gefahr für sexuelle Belästigungen und Übergriffe im Bekanntenkreis von Frauen. „Die Hauptgefahr lauert im nahen Umfeld – in Familie, Freundeskreis, Universität, Arbeitsplatz“, sagt Diehl. Doch: „Die Angst davor lauert überall.“ Tatsächlich schränke die Angst vor sexuellen Übergriffen und sexualisierter Gewalt viele Frauen in ihrer Bewegungsfreiheit ein, so Diehl. „Viele Frauen meiden als gefährlich geltende Orte, viele Mädchen verzichten auf öffentliche Feste und Events“, sagt sie. „Sie sind im wahrsten Sinne des Wortes verunsichert.“

Wenn Frauen in der Stadt ein Angstgefühl bekommen, sich nachts unsicher oder verfolgt fühlen, sollen sie nicht zögern, die Polizei zu rufen, so Polizeisprecher Hansen. „Wenn ein Anruf erfolgt, dass jemand angepöbelt wird oder ähnliches, dann sind wir unterwegs dorthin“, sagt Hansen. Unsichere Frauen sollten sich vor dem Notruf nicht scheuen. „Lieber einmal zu viel anrufen, als zu wenig - wir machen in solchen Fällen niemandem einen Vorwurf.“

Frauennotruf: Gesellschaft muss sexuelle Gewalt ernst nehmen

„Frau oder Mädchen zu sein ist ein Sicherheitsrisiko an sich.“ - Anette Diehl, Frauennotruf

Laut Frauennotruf muss gerade gesellschaftlich noch viel getan werden, um die Sicherheit von Frauen zu verbessern. „Frau oder Mädchen zu sein ist ein Sicherheitsrisiko an sich“, so Diehl. Das machten Zahlen aus Studien zu Gewalt und Übergriffen deutlich. „Es ist absurd von Frauen zu erwarten, ihr Verhalten ständig an das Risiko anzupassen, anstatt das Risiko zu mindern.“ Es brauche Kapazitäten für Forschung, Öffentlichkeits- und Präventionsarbeit.

„In Mainz ist das nicht anders als überall – hier versuchen wir vom Frauennotruf mit verschiedenen Aktionen das Thema öffentlich zu machen und Frauen mehr Sicherheit zu vermitteln“, sagt Diehl. Auch Männer und Jungen sollen in die Verantwortung genommen werden, das Thema dürfe nicht bagatellisiert, sondern müsse ernst genommen werden. Seit Sommer gibt es im Frauenausschuss der Stadt Mainz eine Arbeitsgruppe, die dieses Thema angehen will und unter anderem den Frauennotruf als Fachstelle eingeladen hat.

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