Das Problem mit dem hellen Bodenbelag in der Boppstraße

Ein heller Bodenbelag soll das Mikroklima in der Mainzer Boppstraße eigentlich verbessern. Doch funktioniert das in der Praxis? Nur bedingt, lautet das Urteil von Experten.

Das Problem mit dem hellen Bodenbelag in der Boppstraße

Anfang Mai wurde die neugestaltete Boppstraße mit einer Feier eingeweiht (wir berichteten). Die Kosten für das Bauprojekt lassen sich auf rund 8,4 Millionen Euro beziffern.

Besonders auffällig sind der helle Bürgersteig sowie der Straßenbelag, und das hat einen guten Grund, wie eine Stadtsprecherin gegenüber Merkurist erklärt: „Die hellen Betonsteinplatten sind im Planungsprozess bestimmt worden. Sie sind imprägniert und sollen der Aufheizung im Sommer entgegenwirken.“ Der helle Belag reflektiere Wärmestrahlung besser als dunkles Material und trage damit vor allem im Sommer zu einem besseren Mikroklima bei.

Wissenschaftler stellten Methode auf die Probe

Wissenschaftler des Geographischen Instituts der Mainzer Johannes Gutenberg-Universität (JGU) sind für Merkurist nun der Frage nachgegangen, ob der helle Belag wirklich wie beabsichtigt zu einem verbesserten Mikroklima beiträgt. Dazu nutzten sie ein inzwischen weltweit führendes Computerprogramm, welches von den Forschern am Institut entwickelt wurde. Etliche Daten eines realen Hochsommertages wie Lufttemperatur, Sonnenstand, Luftfeuchtigkeit sowie örtliche Gegebenheiten können in das Programm eingegeben werden und wissenschaftliche Erkenntnisse liefern.

Mit Hilfe des Modells können die Wissenschaftler bestimmen, wie sich die gefühlte Temperatur und das Mikroklima an bestimmten Orten entwickeln können. Im Fall des hellen Bodenbelags in der Boppstraße ergibt sich aber ein Problem, wie einer der Wissenschaftler, der an der Untersuchung beteiligt war, im Gespräch mit Merkurist erklärt: „Helle Oberflächen heizen sich tatsächlich nicht so sehr auf wie dunkle. Allerdings reflektieren sie die eingehende Sonnenstrahlung stärker.“ Das bedeutet: Bei direkter Sonneneinstrahlung bekommt ein Fußgänger die Hitze von oben ab und erhält gleichzeitig die reflektierte Strahlung vom Gehweg. „Dieser Effekt sorgt dann dafür, dass die gefühlte Temperatur steigt, obwohl die eigentliche Lufttemperatur leicht reduziert wird“, so der Wissenschaftler.

Simuliert wurde im Modell ein beispielhafter Juli-Tag, dessen Daten in das System eingegeben wurden. Fazit: Gegen 11 Uhr ist der Anteil der reflektierten Sonneneinstrahlung wegen des hellen Bodenbelags und der geringen Verschattung der Boppstraße so stark, dass ein deutlicher Anstieg der gefühlten Temperatur vor Ort nachgewiesen werden kann. „Hier kann man eindeutig sagen, dass dieser Effekt durch den helleren Asphalt eintritt“, so das Mitglied des Forschungsteams. „Deutlich geringer ist der negative Effekt auf die gefühlte Temperatur zu anderen Tageszeiten wie zum Beispiel um 15 Uhr, wenn die Sonne wegen der Gebäudeschatten nicht mehr so massiv auf die Straße einstrahlt. Außerdem ist zu vermuten, dass der helle Asphalt über einen längeren Zeitraum weniger Hitze speichert als ein dunkler Boden und dementsprechend nachts eine Verbesserung des Mikroklimas bewirken kann.“

So könnte das Mikroklima effektiver verbessert werden

Das Mikroklima am effektivsten kurzfristig verbessern würden Bäume. Diese spenden erstens Schatten, zweitens kühlen sie ihr Umfeld ab, da sie transpirieren - also vereinfacht gesagt Wasser ausschwitzen. „Energie, in diesem Fall Wärme, wird in Feuchtigkeit umgewandelt. Neben der Verschattung sorgt dieser Effekt dafür, dass wir Menschen die Temperatur im direkten Umfeld eines Baumes an Hitzetagen als angenehmer empfinden.“ Hier loben die Wissenschaftler ausdrücklich, dass bei den Umbauarbeiten auch vermehrt auf mehr Bäume gesetzt wurde.

Der helle Straßenbelag habe stattdessen, wie in den Modellberechnungen nachgewiesen, einen gemischten Effekt. Sinnvoller sei helles Material dagegen auf flachen Hausdächern: „Während man als Fußgänger in der Boppstraße durch die Reflektionen der Sonneneinstrahlung zusätzlich aufgeheizt wird, würde diese auf dem Dach einfach in den Himmel zurück reflektiert. Dort stört die Reflektion also niemanden – zumindest solange man keine Dachterrasse hat“, erklärt der JGU-Forscher.

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