Ebling: „Für mich steht außer Frage, dass ein neuer Mainzer Stadtteil kommen muss“

Braucht Mainz ein neues Schwimmbad? Wie viele Flüchtlinge aus Afghanistan kann die Stadt aufnehmen? Und was wird für den Hochwasserschutz am Rhein getan? Oberbürgermeister Michael Ebling im zweiten Teil unseres Interviews.

Ebling: „Für mich steht außer Frage, dass ein neuer Mainzer Stadtteil kommen muss“

Im ersten Teil unseres Interviews mit Oberbürgermeister Michael Ebling (SPD) ging es um eine mögliche 2G-Regelung in Mainz, den 11.11. am Schillerplatz und die Wahrscheinlichkeit eines Lockdowns im Herbst und Winter. Im zweiten Teil spricht der OB über einen neuen Mainzer Stadtteil, Flüchtlinge aus Afghanistan und ein mögliches Naturschwimmbad am Zollhafen.

Merkurist: Herr Ebling, mit dem Projekt „Heilige Makrele“ soll im Zollhafen ein großes Naturschwimmbad entstehen. Halten Sie das für ein realistisches Projekt und finden Sie es denn prinzipiell gut?

Ebling: Ja, ich finde das gut. Ich habe mit Herrn Kiefer – dessen Idee das ist – auch schon zweimal gesprochen. Es ist fantastisch zu sehen, mit welcher Energie er diese Idee verfolgt und befeuert. Bisher gibt es noch viele Fragen, die ein solches Projekt gerade auch aus behördlicher Sicht aufwirft. Nicht weil wir Spielverderber sind, sondern weil wir wissen, dass es um einen Interessensausgleich geht. Dort wo Wasserspiel ist, ist auch Emission, dazu die Frage nach der Wasserqualität. Das muss noch geklärt werden. Dennoch halte ich das Projekt nicht für unrealistisch. Wir sind so verblieben, dass Herr Kiefer eine Art Machbarkeitsstudie erarbeitet und auf Basis dessen werden wir uns dann vertiefter den offenen Fragen widmen. Insgesamt sind die Hürden nicht gerade klein – schließlich läge das Schwimmbad mitten in einem Wohngebiet, da müsste man zum Beispiel über Öffnungszeiten oder die Frage von Zugängen reden. Die generelle Idee, den Rhein und das Rheinwasser für die Mainzer erlebbar zu machen, finde ich gut.

Unabhängig von diesem Projekt: Braucht Mainz so oder so noch ein weiteres Schwimmbad?

Auch wenn es schwer zu realisieren ist: Wir haben den Rhein vor der Tür und ich finde schon, dass wir uns ein Stück von diesem Fluss erschließen sollten, damit er erlebbar bleibt. Das könnte etwas wie das eben genannte Projekt oder ein Rheinschwimmbad sein oder ein Wasserspielplatz am Winterhafen. Das dürfen wir als Idee nicht aus den Augen verlieren. Der Rhein ist ein zauberhafter Fluss und es geht darum, das weiterzutragen, was für die ältere Generation von Mainzern noch selbstverständlich war: im Rhein das Schwimmen zu lernen. Das ist nicht eins zu eins umsetzbar, denn dafür ist das Gewässer inzwischen zu gefährlich. Aber das Rheinwasser in sicherem Umfang erleben zu können, davon will ich nicht weg.

„Für mich steht außer Frage, dass ein neuer Stadtteil kommen muss.“

Ein neuer Stadtteil ist schon seit einigen Jahren ein Thema. Momentan werden geeignete Stellen gesucht und geprüft. Wann kommt Bewegung in die Sache?

Für mich steht außer Frage, dass ein neuer Stadtteil kommen muss. Ich glaube, Mainz wird in den kommenden Jahren weiterhin wachsen und darauf brauchen wir Antworten. Für die nächsten zehn Jahre haben wir vorgesorgt: Bis dahin können wir zum Beispiel im Heiligkreuzviertel oder an der GFZ-Kaserne Potentiale ausreizen. Danach eben nicht mehr. Und ich finde, wir müssen uns jetzt Gedanken machen, wie das Potential in der nächsten Dekade aussieht. Das wollen wir nun von Spezialisten prüfen lassen. Vielleicht werden wir in einem Jahr so weit sein, dass wir hier über unterschiedliche Entwicklungsmöglichkeiten reden können.

Auch wenn die Standortfrage noch nicht geklärt ist, wie soll so ein neuer Stadtteil aussehen: Geht es nur um neuen Wohnraum oder geht es auch um die Frage eines neuen kulturellen Zentrums?

Das Heiligkreuzviertel ist ein gutes Beispiel dafür, dass wir natürlich den dringend benötigten Wohnraum schaffen müssen. Gleichzeitig müssen wir in neuen Wohnvierteln aber auch die entsprechenden Freiräume schaffen. Man wird auch im Heiligkreuzviertel noch viel deutlicher sehen, dass dort Grünflächen und öffentliche Plätze entstehen und rund um diese Plätze werden sich auch Fragen zur gastronomischen oder kulturellen Nutzung stellen. Auch am Zollhafen wird man diese Entwicklung noch weiter beobachten können. Mit entsprechenden Angeboten wird an diesen Orten auch eine andere Art von Frequenz Einzug halten. Bei der Entwicklung neuer Quartiere ist ein sozialer Gedanke also sicherlich sehr wichtig.

„Mainz wird in dieser Sache die Rolle einer weltoffenen Stadt einnehmen.“

Das Land Rheinland-Pfalz hat kürzlich angekündigt, Flüchtlinge aus Afghanistan aufnehmen zu wollen. Welche Rolle kann Mainz dabei übernehmen?

Mainz wird in dieser Sache die Rolle einer weltoffenen Stadt einnehmen. Ich habe kürzlich bei einer Kundgebung hier viele Menschen erlebt, die sich engagieren und helfen wollen. Wir haben dem Land bereits mitgeteilt, dass wir als Stadt bereit sind, Menschen aus Afghanistan hier aufzunehmen – was denn auch sonst? Wir sehen die hochdramatischen Bilder von dort, die nebenbei bemerkt für die westliche Welt zutiefst beschämend sind.

Noch ist unklar, wie stark der Flüchtlingsstrom sein wird. Könnte es sein, dass Flüchtlingsunterkünfte in Mainz wieder reaktiviert werden müssen?

Ich sehe das momentan noch nicht so stark, wie es in den vergangenen Jahren zum Teil war. Derzeit handelt es sich um einen regional begrenzten Konflikt. Zum anderen ist die gesamte westliche Welt schon dabei zu helfen. Das wird nun auf vielen Schultern zu verteilen sein. Es wurde gemeinsam in den Sand gesetzt – jetzt muss man auch gemeinsam helfen.

Ein anderes dominierendes Thema der letzten Wochen war die Hochwasserkatastrophe in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen im Juli. In Mainz herrschen andere Voraussetzungen, aber muss sich auch Mainz in Sachen Katastrophenschutz verbessern?

Wir haben in den letzten Jahren schon massiv in den Hochwasserschutz im Stadtgebiet investiert, zum Beispiel in sogenannte Hochwasserspundwände im Süden. Wir können in kürzester Zeit auch mobile Wände am Winterhafen errichten, das zieht sich bis in den Norden hoch. Das wurde aber bereits lange vor der Flutkatastrophe im Ahrtal geplant. Da sehen wir uns vorbereitet, wobei man das im Ahrtal auch war. Die Dimension dort hat dann Ausmaße angenommen, bei denen jede Form der Vorbereitung wahrscheinlich nicht mehr viel hilft. Bei der Entwässerung haben wir mit Regenrückhaltebecken ein klares System, das helfen soll. Dieses System wurde in den letzten Jahren ausgebaut und wird noch deutlich erweitert.

Was muss noch getan werden?

Im Moment nehme ich unsere Struktur des Katastrophenschutzes stark in den Blick, der grundsätzlich gut aufgestellt ist. Allerdings werden wir auch einige Dinge nochmal bereden müssen, angefangen bei den Alarmierungen. Hier werden wir wieder Sirenenanlagen auf die Dächer bringen. Zum Beispiel hatte Drais noch keine Sirenenanlage, dort rüsten wir aber nach. Gleichzeitig klären wir gerade mit den Hilfsorganisationen, was wir noch an Personal und Geräten brauchen könnten. Das müssen wir in den nächsten Jahren nicht nur stärker in den Blick nehmen, sondern hier werden wir auch mehr Geld in die Hand nehmen müssen. Deutschland hat das Thema Bevölkerungsschutz mit Ende des Kalten Krieges ein bisschen auf das Abstellgleis gestellt – zum Beispiel in der Bewertung der Notwendigkeit. Der vom Menschen gemachte Klimawandel wird uns in Zukunft aber höchstwahrscheinlich mit ähnlichen Ereignissen wie im Ahrtal konfrontieren.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führten Peter Kroh und Ralf Keinath.

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