MVG-Chefin Berit Schmitz: So schwer hat uns die Hacker-Attacke getroffen

MVG-Geschäftsführerin Berit Schmitz spricht im ersten Teil des Merkurist-Interviews über Preiserhöhungen im ÖPNV und was die MVG aus einem Hacker-Angriff im Sommer gelernt hat.

MVG-Chefin Berit Schmitz: So schwer hat uns die Hacker-Attacke getroffen

Berit Schmitz, geboren in Aachen, aufgewachsen in Düsseldorf, bildet seit Oktober 2021 gemeinsam mit Jochen Erlhof das Geschäftsführer-Duo bei der Mainzer Verkehrsgesellschaft (MVG). Zuvor arbeitete Schmitz rund 15 Jahre lang in verschiedenen Funktionen am Flughafen Hannover.

Was hält sie von der Maskenpflicht im ÖPNV? Und wie schlimm hat der Hacker-Angriff im Sommer die MVG wirklich getroffen? Darüber haben wir im ersten Teil unseres Merkurist-Interviews mit Berit Schmitz gesprochen.

Merkurist: Frau Schmitz, das Land Rheinland-Pfalz hat sich dazu entschieden, weiterhin auf eine Maskenpflicht im ÖPNV zu setzen. Was bedeutet das für die Mainzer Verkehrsgesellschaft? Bleibt alles wie gehabt oder werden die Kontrollen in Bussen und Bahnen verstärkt?

Berit Schmitz: Wir kennen die Maskenkontrolle im Prinzip seit Beginn der Pandemie und werden weiterhin über unsere Fahrkartenkontrolleure prüfen lassen, ob sich unsere Fahrgäste an diese Vorgabe halten. Unserer Erfahrung nach klappt das relativ gut in Mainz und die meisten Fahrgäste, die keine Maske im Bus tragen, reagieren auf die Bitte, die Maske anzuziehen, auch entsprechend.

Die Bundesländer können seit Oktober selbst entscheiden, ob eine Maskenpflicht im ÖPNV notwendig ist. Wie finden Sie die Entscheidung der rheinland-pfälzischen Landesregierung, die Maskenpflicht zu belassen?

Grundsätzlich lässt sich natürlich über die Maskenpflicht im ÖPNV diskutieren, schließlich ist sie im Oktober zum Beispiel in Flugzeugen weggefallen. Meines Wissens nach haben sich alle Länder angeschlossen, auch im ÖPNV und Schienen-Nahverkehr bei der Maskenpflicht zu bleiben, gleiches gilt für den Fernverkehr der Deutschen Bahn.

Das ist definitiv ein Schutz, trotzdem kann ich manchmal auch den Unmut in der Bevölkerung verstehen, wenn gesagt wird: Auf dem Oktoberfest in München oder im Flugzeug gibt es keine Maskenpflicht, im ÖPNV aber schon, wo ist da der Unterschied? Ich halte die Maske für einen sehr wirksamen Schutz, deswegen unterstütze ich das auch weiterhin. Ich glaube auch, dass viele Menschen die Sinnhaftigkeit weiterhin erkennen.

In Wiesbaden gab es in den vergangenen Wochen teilweise erhebliche Ausfälle im ÖPNV, weil es dort an Personal mangelt. Kann uns das in Mainz auch passieren?

Die gesamte ÖPNV-Branche hat mit Personalmangel zu kämpfen – und die Kollegen in Wiesbaden hat es zuletzt sehr gravierend getroffen. Auch andere Branchen wie die Gastronomie zum Beispiel sind betroffen. Für uns als Unternehmen ist es ein sehr wichtiges Thema, Fahrpersonal zu finden und zu halten.

Auch bei uns in Mainz kommt es zu Einschränkungen, auch wir mussten an gewissen Tagen einzelne Linien verkürzen, jedoch nicht in dem Umfang, wie das in Wiesbaden gemacht werden musste. Wir sind aber darauf vorbereitet, dass uns in diesem Winter eine große Krankheitswelle treffen könnte, das ist alleine wegen der Corona-Pandemie schon nicht auszuschließen.

Wie bereitet man sich auf so etwas vor?

Wir würden in diesem Fall einzelne Verbindungen streichen, dafür gibt es einen Stufenplan. Wir würden zum Beispiel die Intervalle verlängern, also Straßenbahnen alle zehn Minuten statt alle fünf Minuten im Innenstadtbereich fahren lassen. Im schlimmsten Fall würden wir dann wie zuletzt in Wiesbaden den Samstagsfahrplan auch unter der Woche fahren. Wir hoffen aber, dass es bei uns nicht so weit kommt.

Im Sommer gab es einen Hacker-Angriff auf den IT-Dienstleister der MVG, sind hier inzwischen alle Nachwirkungen behoben?

Wir haben immer noch mit Nachwirkungen zu kämpfen. Grundsätzlich hat unser Dienstleister in diesem Fall aber sehr schnell reagiert und es geschafft, den Hacker-Angriff noch zum Teil abzuwehren. Dennoch hat uns der Angriff natürlich massiv beeinträchtigt. Viele Kommunikationswege haben plötzlich nicht mehr funktioniert, wir mussten in vielen Fällen von der digitalen Kommunikation wieder auf das Telefon, Zettel oder Aushänge umstellen.

Sowohl das Fahrpersonal als auch die Kolleginnen und Kollegen aus der Verwaltung haben Großartiges geleistet, sodass beim Kunden fast gar nicht ankam, wie stark wir eingeschränkt waren. Ich weiß, dass es die Fahrgäste nach einigen Tagen sehr wohl gespürt haben, aber es hätte deutlich schlimmer kommen können.

Wie schlimm?

Wenn wirklich alles bei uns ausgefallen wäre, dann hätten wir keinen Bus mehr bewegen können. Denn wir hätten nicht mehr gewusst, welcher Bus und welche Bahn auf welchen Kurs muss und welche Fahrerin und welcher Fahrer Dienst hat und auf welchem Fahrzeug eingesetzt wird. Wir merken bis heute, dass noch nicht alle Systeme wieder so wie zuvor funktionieren.

Die Synchronisation unserer mobilen Geräte funktioniert erst seit wenigen Wochen wieder. Manchmal hat es sich angefühlt, als wären wir wieder in das Jahr 2004 zurückversetzt worden. Wenn man abends aus dem Büro nach Hause ging, dann war man plötzlich nicht mehr online..

Welche Konsequenzen haben Sie aus dem Hacker-Angriff für die MVG gezogen: Wären Sie nun besser auf ein vergleichbares Szenario eingestellt?

Wir sammeln gerade all die Dinge, die wir nach dem Hacker-Angriff gelernt haben, denn wenn so etwas noch einmal passiert, wollen wir gerüstet sein. Ich habe den Kollegen am ersten Tag nach dem Vorfall gesagt: Nehmt euch einen Zettel zur Hand und schreibt auf, was euch jetzt auffällt. Wenn man etwas Positives darin sehen möchte, dann, dass wir als Team gemerkt haben, was wir eigentlich alles gemeinsam wuppen können.

Im Juli hat der RMV die Fahrpreise nochmal außerplanmäßig erhöht. Wirklich mitbekommen haben es die Fahrgäste aber erst im September, weil bis dato das 9-Euro-Ticket noch galt. Können Sie uns erklären, warum diese Fahrpreiserhöhung notwendig war?

Der RMV hat die Tarife in den letzten fünf Jahren eigentlich regelmäßig um 1,5 Prozent jährlich angehoben. Wenn man ehrlich ist, hat das aber in diesem Zeitraum schon nicht mehr die Kostensteigerung gedeckt. Das hatte man im Sommer erkannt und sich für eine außerplanmäßige Tariferhöhung entschieden.

Wir als MVG haben uns damals davon distanziert, weil wir es als falschen Zeitpunkt empfunden haben. Deswegen haben wir die Preise für unsere Sammelkarte, die wir in Mainz und Wiesbaden als eigenes Produkt haben, auch nicht erhöht. Die Probleme des RMV kann ich aber nachvollziehen: Die Energiekosten steigen, dazu fordern Gewerkschaften eine deutliche Tariferhöhung für das Fahrpersonal.

Im zweiten Teil des Merkurist-Interviews mit MVG-Geschäftsführerin Berit Schmitz geht es unter anderem um das 49-Euro-Ticket und um die neuen Straßenbahnverbindungen, die in Mainz kommen sollen.

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