Matthias Willenbacher: „Wenn es nur ein größeres Medium gibt, muss sich die Politik nicht anstrengen“

Seit Januar 2021 ist der Energiewende-Pionier Matthias Willenbacher Inhaber von Merkurist. Im Interview erzählt er, warum eine schwarze Null unrealistisch ist – und warum er trotzdem eingestiegen ist.

Matthias Willenbacher: „Wenn es nur ein größeres Medium gibt, muss sich die Politik nicht anstrengen“

Am 13. November 2020 kam das Aus. „Merkurist sagt traurig ‘danke’ und ‘au revoir’“, hieß es damals auf unserer Seite. Fünf Jahre lang hatten wir über das Wichtigste aus Mainz und Umgebung berichtet, diesmal ging es um uns selbst. Die Corona-Situation – und speziell der zweite Lockdown – hatten unserem Unternehmen stark zugesetzt. Der „au revoir“-Artikel war zugleich der letzte Text, der auf Merkurist erscheinen sollte. Vorerst.

Denn am 18. Januar starteten wir neu. Dank Matthias Willenbacher, der seitdem neuer Inhaber von Merkurist ist. Willenbacher ist Energiewende-Pionier und Unternehmer aus Leidenschaft. Er baute 1996 sein erstes Windrad und gründete daraufhin juwi. Außer juwi gründete Willenbacher einige weitere Firmen, unter anderem die wiwin GmbH & Co. KG, Anbieter einer Online-Plattform für nachhaltige Investments.

Doch warum Merkurist? Denn immerhin hatten die vorherigen Investoren, unter anderem die Verlagsgruppe Rhein-Main (VRM), ihr Engagement aus finanziellen Gründen beendet. Im Interview erzählt er, warum er trotzdem einstieg und was seine Vision für Merkurist ist.

Hallo Matthias, wie hattest du eigentlich vom Merkurist-Aus im November erfahren?

Das habe ich von Frank erfahren, der damals schon Vertriebsleiter war und jetzt wieder ist. Er hat mir eine WhatsApp-Nachricht geschickt und deutlich gemacht, dass er über das Merkurist-Ende sehr traurig ist. Ich habe mit ihm gefühlt. Denn seitdem ich vor über fünf Jahren zuerst von Merkurist erfahren habe, habe ich immer an das große Potenzial dieses Projekts geglaubt.

Und wie ging es dann weiter?

Einige Wochen später hat Frank ein Gespräch mit Manuel (dem Merkurist-Gründer, Anm. der Redaktion) vermittelt. Manuel sagte, er habe Lust, dass es weitergehe, weil Merkurist einfach sein Baby sei. Und wir waren uns beide einig: Es braucht mehr Lokaljournalismus, und es braucht neue Formate in der Lokalberichterstattung. Deswegen fand ich Merkurist immer so gut. Hinzu kommt: Wenn es in einer Stadt nur ein größeres Medium gibt, muss sich die Politik nicht anstrengen. Es gibt dann oft nur eine Meinung und oft auch kongruent zur Stadtspitze. Es gibt eine Studie aus dem angelsächsischen Raum, die belegt: Wenn es irgendwo nur noch ein Lokalmedium gab, stiegen die öffentlichen Ausgaben im Schnitt um 30 Prozent.

Dennoch gab es bei Merkurist ja offensichtlich finanzielle Probleme, sonst wäre es im Herbst nicht eingestellt worden. Da sagt doch ein Geschäftsmann wie du nicht ohne weiteres: Ja super, dann mach ich das mal.

Da habe ich zuerst einmal eine Gegenfrage: Was heißt denn ein „Geschäftsmann wie du“? (lacht)

Als Geschäftsmann überlegt man doch: Lohnt sich das überhaupt für mich? Du verfolgst doch auch gewisse Ziele.

Natürlich verfolge ich gewisse Ziele. Und genau deswegen bin ich bei Merkurist eingestiegen. Ich verstehe mich als Unternehmer, als Entrepreneur, der natürlich auch finanzielle Ziele im Auge hat, aber eben nicht nur. Ich möchte etwas bewegen – für unsere Gesellschaft. Dieser Anspruch hat mein unternehmerisches Handeln immer geprägt. Ich bin manchmal ein Zahlen-Junkie, aber vor allem sehe mich als Social Entrepreneur. Als Investor steige ich nur bei Unternehmen ein, von denen ich meine: Sie leisten einen – wenn auch kleinen – Beitrag für eine bessere Welt. Und so ist es auch beim Merkurist. Wir arbeiten daran, die Verluste so klein wie möglich zu halten. Aber vorrangig geht es mir darum, diesem großartigen Projekt eine neue Zukunft zu geben.

Was genau fasziniert Dich an Merkurist?

Generell möchte ich, dass der Lokaljournalismus wieder vielfältiger wird. Ich schätze Meinungsvielfalt sehr und Merkurist leistet da einen wichtigen Beitrag – jedenfalls in Mainz und hoffentlich bald auch wieder in Wiesbaden. Aber es geht ja noch um mehr: Merkurist zeigt eine konkrete Zukunft für einen vollkommen neuartigen Journalismus auf: Ein Journalismus, der konsequent auf die Partizipation seiner Leser*innen, das Mitwirken der Community setzt. Es ist ein Journalismus, der zum Nachfragen und zum Weiterdenken einlädt. So legt er die Grundlage für eine stabile und lebendige Demokratie.

Wie ist dein Fazit nach rund zwei Monaten Neustart? Ist es so, wie du es dir im November oder Dezember vorgestellt hast?

Im November und Dezember fand ich das Ganze noch surreal. Ich habe es da noch nicht wirklich realisieren können, dass ich Merkurist zu einem Neuanfang verhelfen könnte. Ich dachte, da geht doch bestimmt irgendwas schief und irgendjemand kommt um die Ecke und sagt: Das darfst du nicht machen. Dass es wirklich funktionieren würde, war mir erst kurz vor Weihnachten klar, als ihr zugesagt habt. Wenn ich jetzt monatelang neue Leute hätte suchen müssen, hätte das nicht funktioniert. Ihr konntet einfach da weitermachen, wo ihr aufgehört habt. Wir haben uns am Anfang lange überlegt, wie wir die Leute wieder auf die Seite holen können. Aber dann lief es einfach, weil ihr einen super Job gemacht habt. Und weil die Leute Merkurist vermisst haben.

Gibt es noch etwas, das du auf der Seite vermisst?

Was wir wirklich sehr gut abdecken, sind die schnellen News rund um Mainz. Das zeigt auch ganz klar die Resonanz der Leser. Was ich mir aber noch mehr wünschen würde, sind längere Hintergrundberichte, die etwas tiefer gehen und die Themen an der Substanz anpacken. Gerade bei solch wichtigen gesellschaftlichen Fragen wie der Verhinderung der Klimakrise ist dies ganz wichtig. Ich fände es auch toll, wenn wir in Zukunft Kolumnisten haben, die ihre Sicht der Dinge darstellen. Dass wir eine Plattform sind, auf der Meinungsvielfalt abgedeckt wird. Natürlich möchten wir den Schwerpunkt Nachhaltigkeit haben, aber es sollen auch andere Meinungen vorkommen. Wenn einer schreibt, er findet das mit dem Klimaschutz doof und er will lieber mit seinem Verbrenner von Haustür zu Haustür fahren – dann ist das auch eine legitime Meinung.

Dass Merkurist gut angenommen wird, zeigt auch unsere Startnext-Kampagne. Da sind schon mehr als 10.000 Euro zusammen gekommen. Man liest aber auch Kritik: Wenn der Willenbacher investiert, warum soll ich dann was spenden?

Das ist natürlich naheliegend: Der Investor kann’s ja bezahlen. Die Frage ist auch: Warum wurde Merkurist im November eingestellt? Es wurde jedes Jahr massiv investiert, aber es war nicht möglich, auch nur annähernd auf die schwarze Null zu kommen. Dann haben die damaligen Investoren gesagt: Das ergibt wirtschaftlich keinen Sinn.

Ich gehe also nicht davon aus, dass ich Geld verdienen werde, im Gegenteil: Ich bringe dauerhaft Geld mit. Das mache ich auch gerne. Aber gemeinsam können wir, die Leser, die Unterstützer, die Redaktion und ich mehr bewegen. Und wie man sieht, gibt es ja Leser, die das gerne tun, weil sie wertschätzen, dass es Merkurist gibt. Und das freut mich sehr.

Das Interview führten Peter Kroh und Ralf Keinath.

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