Kastel und seine Sprayer

Graffiti-Künstler aus aller Welt kamen am Wochenende nach Mainz-Kastel. Beim jährlichen Meeting of Styles besprühen sie seit 2002 ganz legal vor Publikum und inklusive Rahmenprogramm die Wände am Fuße der Theodor-Heuss-Brücke.

Kastel und seine Sprayer

Verschleppte Bässe hallen über den Rhein, die Luft riecht bis hinauf zum Kasteler Bahnhof nach Sprühfarbe und ja, auch nach Cannabis. Nase und Ohr wissen noch vor den Augen was Sache ist: Am Wochende ist wieder gesprüht worden in und um die Unterführung am Fuße der Theodor-Heuss-Brücke. Während des internationalen Meeting of Styles (MoS) füllte sich das sonst eher triste Areal an den Schienen wieder mit Sprayern und Besuchern aller Couleur.

Fahrradpendler mussten sich den Weg bahnen durch Menschenansammlungen - bestehend aus Senioren, Grundschulklassen, Menschen in schlabbrigen Klamotten - , durch fahrbare Gerüste, vorbei an Ständen und Bierbänken. Gemeinsam gestalteten Künstler aus über 17 verschiedenen Ländern auf dem Areal am Rhein rund 5000 Quadratmeter Wandfläche. Dazu gab es rund um die Kasteler Unterführung ein Programm, das mindestens so abwechslungsreich war wie die Wände: Rap-, Breakdance- und Skate-Einlagen, Filme, Gegrilltes sowie eine Bar - und das, abgesehen von den außerdem stattfindenden Parties, kostenlos und draußen.

Sprühen mit offizieller Absegnung

Am Freitagvormittag hatte die Stadt - in Person des Wiesbadener Oberbürgermeisters Sven Gerich - die Teilnehmer mit einer Flasche regionalen Weines willkommen geheißen. Diese könnten die Sprayer sich am Wochenende am Rheinufer zu Gemüte führen. Oder aber stattdessen ein kühles Bier mit dem OB persönlich, denn auch er mischte sich unter die Massen, die in Kastel den Sprayern zusahen oder selbst Kunst produzierten.

Nicht nur in Kastel, auch rund um die eigentlich Geburtststätte des MoS - dem Schlachthofgelände - war einiges los. Die Opening-Party gab es im Kontext, Elektro-Rap-Koryphäe Egyptian Lover von der US-Westküste bespielte den Schlachthof. Das Unterhaltungsprogramm am Brückenkopf schuf ebenfalls internationales Flair: So wurden die Freestyle-Raps auch mal auf Russisch vorgetragen.

Die für die visuelle Unterhaltung kamen aus Peru, Mexiko, Indonesien, aus Australien und Österreich - also ebenfalls von überall her. Aus der deutschen Hauptstadt angereiste Künstler - beispielweise Past, Kirk und Mies (eigentlich aus Potsdam) - gestalteten die Wände unterm Brückenkopf um. Im Fußgängertunnel unter den Schienen verbrauchte Talas aus Madrid, der nur Spanisch spricht, eine Menge pinke Farbe und Walter, der aus Peru über Neuseeland nach Frankreich gezogen ist, stellte sich mit seiner größtenteils romanischsprachigen und 16-köpfigen „Crew“ einer der größten Flächen. Der Organisator des französischen MoS in Perpignan war vor allem zum „Spionieren“ da.

Gut besuchtes Meeting

Neben der Arbeit an den Wänden, die jedes Jahr von Neuem mittels überlanger Teleskopstangen in einer Farbe - weiß, blau, rot - zunächst übermalt werden müssen, steht immer wieder der Vernetzungsgedanke im Vordergrund. „Ich gehe auf Festivals, um Leute kennenzulernen. In Wiesbaden zu sein, wo alles angefangen hat, ist natürlich grandios“, sagt Lapiz, der in Neuseeland mit dem Sprayen begonnen hat und mittlerweile von der Street Art lebt. „Ich versuche, auch so schnell wie möglich fertig zu werden, damit ich den Rest des Tages auf dem Gelände rumlaufen kann.“

Lapiz wolle dazulernen: Wo viele unterschiedliche Sprayer aufeinandertreffen, finden sich auch viele unterschiedliche Techniken und Stile. Er selbst benutzt sogenannte Stencils, Schablonen, mit denen sich vorgefertigte Formen an die Wand sprühen lassen. 3D-Effekte, organische Formen, Science-Fiction-Ästhetik, manche bildlastig, manche reine Schriftzüge: Die ganze Palette an Grafitti-Arten bringen die Sprayer alljährlich auf die Kasteler Wände. Taggen, das Sprühen des „Street Names“, also der Künstlernamens auf meist wenig ausgestaltete Weise, war am Wochenende allerdings genauso verboten wie jegliches Sprühen abseits der dafür vorgesehenen Flächen.

Trotz moderner Kommunikationsmittel, die im Vorhinein immerhin sporadisch zur (Wand-)Planung genutzt worden waren, lernten sich viele der internationalen Künstler erst am auf dem Gelände kennen. Die Berliner Sprayer Kirk, Past und Mies unterm Brückenkopf meinen, das gemeinsame Malen sei schwierig zu planen, wenn man sich nicht von Angesicht zu Angesicht sehen und besprechen könne. Diejenigen, die sich schon vorher gekannt hatten - und beispielsweise wie die 16-köpfige Crew um Walter immer wieder zum MoS kommen - hatten sich entsprechend besser vorbereiten können.

Absolute Freiheit

Noch am Freitagnachmittag hatten die Straßenkünstler damit begonnen, zumindest die outlines, also die Konturen auf die getrocknete Grundierung zu bringen. Bis zum Abend und zusätzlich den gesamten Samstag über arbeiteten die meisten an ihren Bildern. Sie betrieben nicht nur enormen Zeit-, sondern auch Materialaufwand: Mit einer Farbspraydose lassen sich ledigliche um die zwei Quadratmeter besprühen und Mischen geht nicht. Pro Farbe braucht man eine Dose. Je nach Buntheit ihrer Werke verbrauchen also manche Künstler zehn, manche hundert Dosen.

Zwar stand auch das 16. Wiesbadener Meeting of Styles unter einem politischen Motto - „Absolute Freedom“ lautet es in diesem Jahr -, aber bis auf ein düsteres Szenario mit sinkendem Flüchtlingsboot direkt an den Schienen, geriet dies gelegentlich ins Hintertreffen. „Och, dit Motto weeß ick ja nich“, gibtKirk unversehens zu.

Ihre absolute künstlerische (Narren-)Freiheit nutzten er und die anderen an den Wänden unterm Brückenkopf auch bezüglich des Gestaltungskonzeptes. „Heut morjen im Bad ist mir die Idee jekommen. Dann hab' ick jrad ma wat ohjemalt und uff eenma kam'n se alle zu mir.“ Sie wüssten noch nicht genau, wie das Ergebnis am Ende aussehen werde. Die Farben müssten passen, harmonisch müsse das Ganze sein, meint der eine – die anderen Berliner widersprechen vehement: eine Mischung unterschiedlichster „Styles“ sei gerade das Reizvolle.

Stilechte Treffen

Mit einem Budget von rund 20.000 Euro, von denen etwa die Hälfte durch Sponsoren gedeckt worden war, können sich die Sprayer Jahr für Jahr auf immer mehr Flächen austoben: Auch Kasteler Haus- und Ladenbesitzer ließen am Wochenende Wände verschönern.

Am Sonntag schloss das trotz unangenehmen Wetters gut besuchte Festival in Kastel ab mit einer Sprayaktion zum Welttag gegen Kinderarbeit, deren Ergebnis im Anschluss versteigert wurde. Das Meeting of Styles jedoch zieht weiter: Die nächsten Stationen sind nach Mailand, London und eben Wiesbaden Perpignan und Budapest.

Merkurist