Teilstudienplätze: Nach der Hälfte fliegst du raus

Studienplätze im Fach Medizin sind hart umkämpft. Wer es geschafft hat, kann sich glücklich schätzen - es sei denn, man hat nur einen „Teilstudienplatz“ ergattert. Denn diese Studenten fliegen nach der Hälfte des Studiums automatisch raus.

Teilstudienplätze: Nach der Hälfte fliegst du raus

Constantin Claussen hat für sein Medizinstudium einiges auf sich genommen: Mehrere Semester musste er auf einen Studienplatz warten, machte deshalb er erst einmal eine medizinische Ausbildung und arbeitete drei Jahre als Krankenpfleger. Dann, im Sommersemester 2017, kam endlich die Zusage: Constantin kann an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) studieren. Doch obwohl es für ihn gut läuft, wird damit bald Schluss sein. Denn sobald Constantin die erste große Hürde im Medizinstudium geschafft hat, also das Physikum, wird er automatisch exmatrikuliert.

Der Grund dafür: Constantin hat seinen Studienplatz nicht über das Auswahlverfahren der Uni, sondern über ein Losverfahren durch die Stiftung für Hochschulzulassungen erhalten. Dabei werden allerdings nur Teilstudienplätze vergeben - also ein Platz für den ersten Teil des Studiums. Auch Studenten, die ihren Studienplatz über ein Gerichtsverfahren erwirkt haben, sind davon betroffen. „Wir wissen von rund 60 Studenten, für die nach der Vorklinik Schluss ist. Allein in unserem Semester sind es 40“, sagt ein Kommilitone von Constantin. Auch er ist betroffen.

Viele Studenten an der JGU betroffen

Eigentlich sollte es gar keine Teilstudienplätze mehr an der JGU geben. Bereits vor sechs Jahren war das Thema in den Medien präsent. Der damalige Prodekan für Studium und Lehre der Universitätsmedizin Mainz, Prof. Dr. Christian Werner, sagte damals gegenüber dem Ärzteblatt: „Für die Teilstudenten ist es ein erbärmlicher Zustand, dass sie nicht wissen, wie es nach dem Physikum weitergehen soll.“ Mit Billigung des rheinland-pfälzischen Wissenschaftsministeriums sollten deshalb ab dem Sommersemester 2012 keine Teilstudienplätze im Fach Medizin mehr angeboten werden.

Laut den Angaben im Portal des Justizministerium sind derzeit aber an der Uni Mainz im 3. und im 4. Semester jeweils 28 Studenten mit einem Teilstudienplatz zugelassen. Im Sommersemester 2017, also als Constantin sein Studium angefangen hatte, wurden demnach 173 Zulassungen für ein Voll- und 37 für ein Teilstudium verordnet. Insgesamt gibt es derzeit rund 2800 Medizinstudenten an der JGU. Auf die Frage, warum es nun doch wieder einige Teilstudienplätze gibt, heißt es von der Unimedizin auf Merkurist-Anfrage lediglich: „Die Universitätsmedizin ist an die Kapazitätsberechnung gebunden. Teilstudienplätze werden im Rahmen gerichtlicher Zulassungen vergeben.“

Ärztemangel in Deutschland

Für Constantin und seine Kommilitonen mit Teilstudienplatz heißt das: Nach dem vierten Semester fliegen sie raus - und das, obwohl laut der Kassenärztlichen Vereinigung 2023 in Rheinland-Pfalz mit einem akuten Fachärztemangel zu rechnen ist. „Genau in diesem Jahr würden wir falls alles glatt läuft an der Uni Mainz unseren Abschluss machen - wenn wir denn nach dem Physikum weiterstudieren könnten“, sagt Constantin. Außerdem koste ein komplettes Medizinstudium eine Universität im Schnitt rund 200.000 Euro pro Student - ein Großteil fließe dabei in die ersten vier Semester, also die Zeit bis zum Physikum. „Wir verstehen nicht, warum die Uni nachdem sie so viel in uns investiert hat nicht eine Möglichkeit schafft, dass wir hier weiter studieren können“, so Constantin. „Damit wird natürlich nicht das Defizit an Ärzten gestopft, aber es wäre ein Anfang.“

Auch der Landtag beschäftigt sich derzeit mit dem Thema Ärztemangel: Die CDU-Fraktion forderte in einer Sitzung des Ausschusses für Wissenschaft, Weiterbildung und Kultur am 14. Juni, dass zehn Prozent mehr Medizin-Studienplätze geschaffen werden. Die Landesärztekammern Saarland, Hessen und Rheinland-Pfalz hatten das bereits Ende 2016 gefordert. „Die Zukunft der Ärzteversorgung in unserem Land kann nur mit einem Bündel von Maßnahmen gesichert werden“, heißt es im aktuellen CDU-Antrag. „Dazu gehören zusätzliche Studienplätze.“ Am 14. August soll das Anhörverfahren im Wissenschaftsausschuss ausgewertet werden.

Dass ein Ärztemangel droht, ist nicht nur in Rheinland-Pfalz ein Problem, sondern in ganz Deutschland. In Niedersachsen hat deshalb die Unimedizin Göttingen im April gemeinsam mit des städtischen Klinik Braunschweig und dem Wissenschaftsministerium eine Absichtserklärung unterzeichnet - mit dem Ziel, die bislang in Göttingen angebotenen Medizin-Teilstudienplätze in Vollstudienplätze umzuwandeln. Dort sind allerdings wesentlich mehr Studenten betroffen: Da die Unimedizin in Göttingen eine vergleichsweise große Vorklinik hat, hatten laut einem Artikel des Ärzteblatts 2012 zwischen 30 und 50 Prozent der Studenten lediglich eine Teilzulassung.

Gibt es eine Lösung für Mainzer Teilstudienplätze?

Wäre dennoch ein ähnlicher Schritt auch in Mainz denkbar? Die Universitätsmedizin äußerte sich nicht auf die Frage, ob es eine Möglichkeit gebe, die jetzigen Teil- in Vollstudienplätze auszubauen. „Wenn nicht, müssen wir uns wieder mit unseren Abi-Noten bei den Unis bewerben, das Physikum zählt nicht als eigenständiger Abschluss“, sagt Constantin. Damit ginge der Bewerbungsmarathon für die beiden Studenten von vorne los. An der JGU werden sie dann wohl nicht weiter studieren. „Die Mainzer Uni stuft Bewerber nicht hoch - wir müssten uns hier quasi neu bewerben und dann nochmal ganz von vorne im ersten Semester anfangen.“ Deshalb würden Constantin und sein Kommilitone sich in diesem Fall an anderen Unis bewerben müssen, die zumindest die bisher erbrachten Semester anrechnen.

Damit das nicht passiert, wollen die Studenten der Mainzer Uni nun aktiv werden. „Wir haben uns zu einer Gruppe aus bisher rund zwanzig betroffenen Studenten zusammengetan“, sagt Constantin. Gemeinsam haben sie sich für mehrere Meetings getroffen und planen Gespräche mit Landtagsabgeordneten. Denn eines ist für Constantin klar: „Mein Studium abbrechen will ich auf keinen Fall.“

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