Unimedizin: Warum dürfen homo- und bisexuelle Männer kein Blut spenden?

Blutspende-Aktivist Adam ist bisexuell und wollte in der Mainzer Unimedizin Blut spenden - trotz Erfüllung der 2016 veränderten Blutspende-Richtlinie wurde er lebenslang ausgeschlossen.

Unimedizin: Warum dürfen homo- und bisexuelle Männer kein Blut spenden?

Mit einem Pieks Leben zu retten, das ist mit einer Blutspende möglich. Auch Blutspende-Aktivist Adam wollte im Februar 2020 in der Transfusionszentrale der Mainzer Unimedizin Blut spenden. Allerdings ohne Erfolg. Jeder Spender muss vor der Blutentnahme einen umfangreichen Fragebogen ausfüllen. Geringes Gewicht, Zahnarztbesuche und Urlaubsreisen können Ausschlusskriterien sein - aber auch Homo- und Bisexualität.

Adam ist bisexuell. Er wurde in der Bluttransfusionszentrale der Unimedizin lebenslang von der Blutspende ausgeschlossen, obwohl er die veränderten Blutspende-Richtlinien aus dem Jahr 2016 erfüllt: Seitdem dürfen homosexuelle, bisexuelle und transidente Spender Blut spenden, wenn sie zwölf Monate kein Risikoverhalten zeigen, das heißt abstinent gelebt haben.

Laut Adam ist diese Regelung allerdings ebenfalls diskriminierend, da sie Männer, die Sex mit Männern haben (sogenannte MSM-Spender), pauschal als Gruppe und nicht nach ihrem individuellen Risikoverhalten beurteilt. Hinzu komme, sagt Adam, dass es einem Ausschluss durch die Hintertür gleichkäme, da kaum Menschen ein Jahr abstinent leben - ein Ausschluss, den auch zum Beispiel die Deutsche AIDS-Hilfe anprangerte. So kann auch eine HIV-Infektion je nach Test mittlerweile nach vier bis zwölf Wochen sicher diagnostiziert werden.

„Beim Ausschlussgespräch am Spendetag wurde mir mitgeteilt, dass es kein Recht auf Blutspenden gäbe und die Blutspende-Richtlinien eben nur Richtlinien seien und deswegen nicht zwingend so umgesetzt werden müssen.“ - Blutspende-Aktivist Adam

Seit Monaten befindet sich der Blutspende-Aktivist jetzt in einem Rechtsstreit mit der Unimedizin. Nach eigenen Angaben konnte aber bisher nur erreicht werden, dass sie seine lebenslange Sperre aufgehoben hat. Allerdings nicht nachhaltig, da er nach eigenen Aussagen bei der nächsten Spende wahrscheinlich wieder lebenslang blockiert werden würde.

„Für eine Änderung für alle betroffenen Spender sieht die Unimedizin keine Notwendigkeit oder Rechtsanspruch. Beim Ausschlussgespräch am Spendetag im Februar wurde mir mitgeteilt, dass es kein Recht auf Blutspenden gäbe und die Blutspende-Richtlinien eben nur Richtlinien seien und deswegen nicht zwingend so umgesetzt werden müssen“, so Adam. Nach Monaten des Einzelkampfes, hat er sich mit der „SPDqueer Rheinland-Pfalz“ zusammengetan und ist hier im Vorstand. Als Arbeitsgemeinschaft „Lesben und Schwule in der SPD“ setzen diese sich für Respekt und Akzeptanz zwischen Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Trans*-, Inter- und Heterosexuellen ein.

„Während die Landesregierung beschlossen hat, sich auf Bundesebene für ein Ende der - ebenfalls diskriminierenden - einjährigen Sperrzeit und Blutspendegerechtigkeit einzusetzen, ist die Unimedizin noch nicht mal bei dieser angekommen und schließt MSM-Spender seit Jahren weiterhin pauschal lebenslang aus“, so Adam weiter. Die Arbeitsgemeinschaft hat zu diesem Beschluss der Landesregierung eine Pressemitteilung verfasst und veröffentlicht, die bisher von Seiten der Klinik unbeachtet blieb.

„Der Ausschluss von schwulen, bisexuellen Männern und transidenten Personen ist Diskriminierung, die u.a. das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz verbietet.“ - Joachim Schulte, Vorsitzender der „SPDqueer Rheinland-Pfalz“

Die Weigerung der Unimedizin, die Richtlinienänderung von 2016 umzusetzen, hält Adam, als Betroffener und die „SPDqueer Rheinland-Pfalz“, für eine unbegründet fortgeführte Diskriminierung von homosexuellen, bisexuellen und transidenten Spendern aufgrund ihrer sexuellen Identität. „Blut spenden ist ein Dienst an allen Menschen. Einzig das individuelle Verhalten darf ausschlaggebend sein, ob eine Blutspende möglich ist. Der Ausschluss von schwulen, bisexuellen Männern und transidenten Personen ist Diskriminierung, die unter anderem das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz verbietet“, so Joachim Schulte, der Vorsitzende der „SPDqueer Rheinland-Pfalz“.

In den vergangenen 30 Jahren waren Männer, die Sex mit Männern haben, in Deutschland dauerhaft von der Blutspende ausgeschlossen. Dies war auch immer wieder Gegenstand intensiver gesellschaftlicher und wissenschaftlicher Debatten. Während viele EU-Länder weiterhin Blutspenden von MSM komplett untersagen, gibt es auch Länder - wie Deutschland - mit gewissen Sperrfristen. Die niedrigste liegt bei drei Monaten, wie es im Vereinigten Königreich der Fall ist. Vier EU-Länder stellen MSM Heterosexuellen vollständig gleich, ohne Sperrfrist: Polen, Italien, Lettland und Spanien.

„Sind die Voraussetzungen bei Blutspende-Interessenten erfüllt, müssen wir die Spende entsprechend der Richtlinie leider zurückstellen.“ - Tasso Enzweiler, Leiter der Unternehmenskommunikation in der Mainzer Unimedizin

Auf Anfrage von Merkurist an die Mainzer Unimedizin hieß es: Grundsätzlich müsse sich die Blutspende der Transfusionszentrale der Unimedizin Mainz nach geltendem Recht richten, speziell nach der „Richtlinie zur Gewinnung von Blut und Blutbestandteilen und zur Anwendung von Blutprodukten (Richtlinie Hämotherapie), Gesamtnovelle 2017“ der Bundesärztekammer und des Paul-Ehrlich-Instituts. Jene Richtlinie sehe unter anderem vor, dass Personen „zeitlich begrenzt für 12 Monate von der Spende zurückzustellen sind, deren Sexualverhalten ein gegenüber der Allgemeinbevölkerung deutlich erhöhtes Übertragungsrisiko für durch Blut übertragbare schwere Infektionskrankheiten, wie HBV, HCV oder HIV, bergen“.

Darunter fallen folgende Personen:

  • heterosexuelle Personen mit sexuellem Risikoverhalten, zum Beispiel Geschlechtsverkehr mit häufig wechselnden Partnern,

  • Personen, die Sexualverkehr gegen Geld oder andere Leistungen (zum Beispiel Drogen) anbieten (männliche und weibliche Sexarbeiter),

  • Männer, die Sexualverkehr mit Männern haben (MSM),

  • transsexuelle Personen mit sexuellem Risikoverhalten.

Mainzer Unimedizin wehrt sich

Seien die Voraussetzungen bei Blutspende-Interessenten erfüllt, müsse man die Spende entsprechend der Richtlinie leider zurückstellen. „Verbote oder lebenslange Sperren sprechen wir definitiv nicht aus. Dabei spiegelt unser Vorgehen keinerlei weltanschauliche Wertung wider – ein solches Werturteil stünde uns im Sinne unseres gesellschaftlichen Auftrages auch gar nicht zu“, sagt Tasso Enzweiler, Leiter der Unternehmenskommunikation der Mainzer Unimedizin.

Sollte sich aufgrund der Initiative der Landesregierung Rheinland-Pfalz auf Bundesebene etwas ändern, werde man etwaige neue Richtlinien selbstverständlich schnellstmöglich umsetzen, so Enzweiler weiter. „Wir bitten um Verständnis, dass wir leider zu Einzelfällen keine Stellung beziehen können, da wir die Vorgänge im Detail kennen müssten, um eine fundierte Bewertung abgeben zu können.“ (df)

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