Typisch Mainz: Die „Newwelinge“

Jedes Jahr an Allerheiligen werden auf drei Mainzer Friedhöfen bunte Wachskegel verkauft. Der Brauch reicht weit zurück- sogar in einem Mainzer Volkslied werden die Newwelinge besungen. Merkurist hat mit dem Inhaber der letzten Werkstatt gesprochen.

Typisch Mainz: Die „Newwelinge“

Beim Betreten der Kerzenmanufaktur der Geschwister Tusar kommt einem sofort ein intensiver Geruch nach Paraffin und Bienenwachs entgegen. Maria-Theresia Tusar sitzt an einem kleinen Tisch, vor ihr bunte Wachsschnüre in fünf Farben: das Material für die „Newwelinge“. Die Schnüre wickelt sie eng auf einen Wachskegel auf und erwärmt dabei das Material immer wieder zwischen den Fingern. „Die richtige Temperatur des Wachs ist sehr wichtig“, sagt Maria-Theresia. „Nicht zu warm und nicht zu kalt.“

Tradition und Herkunft

Die Tradition der „Newwelinge“ reicht weit zurück: „Die erste urkundliche Erwähnung stammt aus dem Jahr 1367“, so der Inhaber Franz-Hubertus Tusar. Die genaue Herkunft sei leider nicht zu ermitteln. Schon als Kinder haben Franz-Hubertus und seine Schwester Maria-Theresia ab und zu in der Werkstatt des Vaters mitgeholfen und sie nach dessen Tod übernommen. Sogar im Mainzer Fastnachtslied „Määnz bleibt Määnz“ von Ernst Neger werden die „Newwelinge“ erwähnt — auf die Frage, wohin der Klapperstorch den Mainzer bei der Geburt bringen soll, heißt es:

„Ich will dohin, wo Newwelinge duhn brenne, unn wo mer mit de Klepper ratscht unn singt.“

„In meinem Fall hat mich der Storch wohl dorthin gebracht, wo die ‘Newwelinge’ gemacht werden“, ergänzt Franz-Hubertus Tusar. Der 67-Jährige ist gelernter Wachszieher, seine Schwester hat im kaufmännischen Bereich gearbeitet und kam erst später zum Unternehmen dazu.

Woher kommt der Name?

Die bunten Wachskegel werden ausschließlich an den Tagen vor Allerheiligen und am Feiertag selbst verkauft. Sie dienten früher zum Totengedenken am Grab - damals nahmen sich die Menschen dafür noch viel Zeit und blieben lange am Grab stehen blieben. Weil der Wachskegel innen hohl ist, war er günstiger als eine herkömmliche Kerze, die sich viele Menschen nicht leisten konnten. Wie der „Newweling“ zu seinem Namen kam, ist ebenfalls nicht vollständig geklärt. „Es könnte sein, dass er so heißt, weil der November insgesamt als neblige Zeit gilt“, sagt Maria-Theresia. „Andererseits: Wenn man den ‘Newweling’ an der Spitze anzündet, entsteht eine Stichflamme und es gibt jede Menge Rauch. Das könnte auch der Grund für den Namen sein.“

Bunte Farbvariationen

Pro Saison stellen die Tusars rund 800 „Newwelinge“ her. „Im Grunde ist der ‘Newweling’ keine Kerze, sondern eher ein „Wachsstock“, erklärt Maria-Theresia. Das Rohmaterial für den Docht bekommen sie geliefert, die Wachsmischungen stellt Franz-Hubertus selbst her. Von jeder Farbe (weiß, gelb, blau, rot und grün) produziert er 20 Kilogramm. Maria-Theresia wickelt in drei verschiedenen Größen, auf Sonderwunsch des Kunden auch mal extra groß. Unter den bunten Variationen gibt es unter anderem „Newwelinge“ in den Mainzer Fastnachtsfarben und den Farben von Mainz 05.

Die Geschwister Tusar verkaufen die Kerzen in ihrer Werkstatt in der Binger Straße bereits ein paar Tage vor Allerheiligen. Zusätzlich gibt es an Allerheiligen kleine Verkaufsstände auf drei Mainzer Friedhöfen: am Eingang des Mainzer Hauptfriedhofs, dem Waldfriedhof Gonsenheim und dem Waldfriedhof Mombach. „Wir haben überwiegend ältere Kunden“, so Maria-Theresia. „Viele sind Stammkunden, die kommen jedes Jahr.“ Doch nicht alle Käufer wissen, wie man ihn korrekt benutzt: „Der ‘Newweling’ sollte nicht oben an der Spitze angezündet werden, da es dann zu einer Stichflamme kommt und der ‘Newweling’ sehr schnell abbrennt. Stattdessen kann man ihn auseinander wickeln und jeden Faden einzeln in der Hand halten, oder ihn um ein Stöckchen wickeln“, so Maria-Theresia Tusar.

Bleiben Mainz die „Newwelinge“ erhalten?

Die August Tusar Erben KG ist die letzte und einzige Manufaktur, in der die „Newwelinge“ hergestellt werden. Das Hauptgeschäft machen die Geschwister Tusar mit handverzierten Kerzen für besondere Anlässe, die „Newwelinge“ produzieren sie einmal im Jahr aus Liebe zur Tradition. Bisher wollte keine Kerzenzieherei die Herstellung übernehmen. „Solange wir körperlich fit sind und dazu in der Lage, werden wir sie herstellen-danach wird die Tradition sehr wahrscheinlich mit uns aussterben“, so Franz-Hubertus Tusar. (df)

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