„Die Kinder sind einer andauernden lebensbedrohlichen Situation ausgesetzt“

Ein Team um den Mainzer Psychologen Prof. Michael Huss betreut Kinder, die in ihrer Heimat oder auf der Flucht Schreckliches erleben mussten. In einer Studie will er nun herausfinden, wie die Kinder künftig am besten behandelt werden können.

„Die Kinder sind einer andauernden lebensbedrohlichen Situation ausgesetzt“

Seit 2015 betreuen Prof. Dr. Michael Huss und sein Team Kinder und Jugendliche, die Traumaerlebnisse verarbeiten müssen. Die Kinder sind aus Syrien, dem Irak und Afghanistan nach Deutschland geflüchtet, hatten teilweise Schreckliches erleben müssen. Huss ist sowohl Chefarzt an der Mainzer Rheinhessen-Fachklinik als auch Direktor der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie an der Universitätsmedizin Mainz.

„Damals sind wir mit einer Notlage konfrontiert worden, auf die wir nicht richtig vorbereitet waren“, sagte Huss kürzlich in einem Interview. Denn Patienten mit Flucht-Erlebnissen müssten auf einer spezifischeren Weise therapiert werden. Die Psychologinnen Andrea Dixius und Prof. Dr. Eva Möhler entwickelten daraufhin ein neues Programm, um die traumatisierten Jugendlichen wieder zu stabilisieren.

Die Kinder erlebten Tod, Folter und Missbrauch

„Die Kinder leiden unter starkem Stresserleben, zeigen Traumasymptome bis hin zu Posttraumatischen Belastungsstörungen und anderen schweren emotionalen Belastungen“, erklärt Huss gegenüber Merkurist. Sie berichten den Psychologen von Tod und Verlust der Familienangehörigen, von Folter und Missbrauch auf der Flucht, von gewalttätigen Angriffen und Explosionen in unmittelbarer Nähe. Auch fehlten ihnen oft Nahrung und eine ärztliche Betreuung in ihren Heimatländern und auf der Flucht.

Das Programm entwickelten die beiden Psychologinnen in der klinischen Versorgung des SHG-Klinikums Idar-Oberstein. Es kam zunächst bei unbegleiteten minderjährigen geflüchteten Menschen in Clearingstellen und Erstaufnahmeeinrichtungen zum Einsatz. Im Prinzip beinhaltet es einzelne Module zur Stressregulation inklusive Achtsamkeitsübungen. Sie sollen die „positiven Ressourcen stärken, die im Alltag leicht einzusetzen sind“, so Huss.

Studie untersucht Wirksamkeit der Therapie

Nun starten Huss und sein Team eine Studie, um das Programm START (Stress-Traumasymptome-Arousal-Regulations-Treatment) auch wissenschaftlich zu überprüfen. So soll herausgefunden werden, welche Elemente des Programms besonders wirksam sind. In zwei Gruppen und sechs klinischen Zentren sollen insgesamt 174 junge Geflüchtete daran teilnehmen. Neben Mainz sind das Idar-Oberstein, Landau und Neuwied sowie Kleinblittersdorf und Marburg.

Für ihre Studie suchen die Psychologen nun Teilnehmer: Junge Flüchtlinge zwischen 13 und 17 Jahren, die Symptome einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) aufweisen. Die Teilnehmenden sollten ausreichend lesen und mindestens eine der folgenden Sprachen gut verstehen können: Deutsch, Englisch, Dari, Arabisch oder Somali. Während der Studie sollten sie an keiner anderen Psychotherapie teilnehmen oder stationär behandelt werden.

Die Flüchtlingsthematik wird weiterhin aktuell bleiben, so Huss. Die instabile politische Lage, die aktuell in Afghanistan herrscht, betrachtet er besonders im Hinblick auf die Kinder mit großer Sorge: „Die Kinder können weitere traumatisierende Erfahrungen wie Gewalt oder Tod erfahren und sind wieder einer andauernden lebensbedrohlichen Situation ausgesetzt.“

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