„Geniestreiche aus Mainz“: Ein Buch über elf Mainzer Überflieger

In seinem Buch „Geniestreiche aus Mainz“ schreibt Ingmar Weber über elf Genies, die nicht nur die Stadt, sondern auch die Welt verändert haben. Im Interview gibt er Einblicke in den Schreibprozess und wer ihn am meisten inspirierte.

„Geniestreiche aus Mainz“: Ein Buch über elf Mainzer Überflieger

Mit seinem im Oktober erschienenen Buch „Geniestreiche aus Mainz“ wirft Ingmar Weber den Blick nicht nur weit in die Geschichte zurück, sondern erwähnt bei seinen elf „Genies“, die Mainz auf besondere Weisen prägten, auch lebende Persönlichkeiten: Vom Erzbischof Willigis über den Chemiker Fritz Straßmann bis zum Fußballtrainer Jürgen Klopp deckt er ganz unterschiedliche Lebens- und Wirkungsgeschichten ab. Im Interview mit Merkurist erzählt Weber, wer ihn am meisten faszinierte und warum er bei seiner Recherche nach den Mainzer Geschichten auch mal schlucken musste.

Merkurist: Herr Weber, war es Absicht, dass ausgerechnet ein Buch über Mainz von genau elf Mainzer Genies handelt?

Ingmar Weber: Also, ich werde in Mainz bestimmt nicht an der Zahl elf zweifeln. Aber nein, die Anzahl der Geniestreiche war vorgegeben, denn das Buch ist Teil einer Reihe.

Hat sich Ihr Blick auf Mainz verändert, während Sie das Buch geschrieben haben?

Als ich fertig war, ist mir aufgefallen, dass nur zwei gebürtige Mainzer dabei sind: Anna Seghers und Johannes Gutenberg. Das heißt, neun Genies sind zugezogen und das zeigt mir, dass Mainz offensichtlich Fremden die Möglichkeit gibt, sich hier zu entfalten. Das spricht für die Mainzer Mentalität.

Was definieren Sie denn unter einem Genie und einem Geniestreich?

Es sind sehr unterschiedliche Geniestreiche, die im Buch vorkommen. Bei Gutenberg beispielsweise wird kein Mensch zweifeln, dass er ein Genie war. Er hat die Welt definitiv verändert. Das kann man auch von Fritz Straßmann sagen, der die Kernspaltung mit entdeckt hat. Manche, wie Paul Haenlein, der Erfinder des lenkbaren Luftschiffs, sind weniger prominent, aber diese Menschen haben alle gemein, dass sie über Mainz hinausgewirkt und die Welt zu einem besseren Ort gemacht haben. Natürlich kann man bei Fritz Straßmann sagen: Wenn er die Kernspaltung nicht entdeckt hätte, gäbe es keine Atombombe. Er wusste aber auch nicht, dass das die Folge seiner Untersuchungen werden würde.

Von den elf Genies, die Sie hier vorgestellt haben: Wer ist Ihr Lieblingsgenie?

Ich kann das gar nicht beantworten, da ich alle bewundere. Wenn ich Genies herausheben soll, dann ist es zum einem Fritz Straßmann. Er hat mich sehr beeindruckt – nicht nur als brillanter Wissenschaftler, sondern auch als integrer Mensch, denn er hat sich in der Nazizeit allem verweigert und auf eine Karriere verzichtet. Außerdem finde ich die Geschichte von Maria Einsmann faszinierend, dass sie zwölf Jahre lang unentdeckt als Mann gelebt hat. Nicht mal im Krankenhaus haben sie festgestellt, dass sie eine Frau ist! Und der Dritte ist der Weltreisende Georg Forster. Er ist nicht mal 40 Jahre alt geworden. Was er alles in diesem Zeitraum erlebt hat, ist der Wahnsinn. Einen muss ich aber noch erwähnen: Jürgen Klopp. Seinen Geniestreich habe ich selbst erlebt und da hänge ich natürlich ganz tief drin und dran.

Bei welchem Genie würden Sie sagen, ist die Wirkung auf die Welt am größten und bei welchem die auf die Stadt?

Weltwirkung, das ist sehr eindeutig: Johannes Gutenberg. Man sagt zurecht, dass er neben anderen das Mittelalter beendet hat, weil alles, was danach kam, nicht denkbar ist ohne Gutenbergs Erfindung. Er hat die Welt definitiv verändert — und das zum Guten!

Für die Stadt Mainz ist es Willigis. Man kann vielleicht auch Jürgen Klopp nennen, weil er sehr viel, was den Verein Mainz 05, aber auch die Mentalität in dieser Stadt angeht, bewirkt hat. Aber um es in die längere Geschichte einzuordnen, dann ist es für mich tatsächlich Willigis, weil er als Erzbischof die Stadt Mainz für viele Jahrhunderte sehr geprägt hat.

Und wer ist für Sie die unbekannteste Person und hat trotzdem einen Platz im Buch gefunden?

Wahrscheinlich Marga Faulstich. Sie hat mit der Erfindung der Leichtgewichtsbrille Millionen von sehbehinderten Menschen das Leben erleichtert, die vorher diese schweren Brillen mit dicken Gläsern wie Aschenbecher tragen mussten. Und dann nehme ich noch einen zweiten, der ist gar nicht unbekannt in der Kunstwelt, in Mainz aber schon: der Naumburger Meister. Er hat in Deutschland nur in drei Stationen gewirkt, eine davon ist Mainz. Dass man sich hier nur spärlich an ihn erinnert, hat mich schon sehr erstaunt.

Was war denn während Ihrer Recherche der überraschendste Fund?

Ich habe ein bisschen geschluckt bei Marga Faulstich. Ich bin darauf gestoßen, dass sie in der Nazizeit Ringführerin beim Bund Deutscher Mädel war, also durchaus an der ideologischen Indoktrination der Heranwachsenden aktiv beteiligt war. Ihre Leistungen bleiben dennoch unbestritten. Sie hat sich nach dem Krieg als Frau in einer Zeit, in der das noch nicht üblich war, in einer Männerwelt durchgesetzt und knapp 40 Patente entwickelt. Trotzdem muss ich für ein vollständiges Bild diese Geschichte dazu erzählen, die ich sonst nirgendwo gelesen hatte.

Was war denn die schönste Seite, die Sie entdeckt haben?

Die Corona-Pandemie haben wir alle erlebt. Aber als ich mich in die Recherche begeben und verstanden habe, dass Uğur Şahin und Özlem Türeci schon im Januar 2020 erkannt haben, dass wir in einer Pandemie leben und alles auf eine Karte gesetzt haben, um einen Impfstoff herzustellen — da kann ich sie wirklich nur bewundern.

„Geniestreiche aus Mainz“ ist ja Ihr erstes Buch: Was machen Sie neben dem Schreiben?

Nach vielen Jahren Tätigkeit in der Verlagsbranche habe ich die Seiten gewechselt und bin Autor geworden. Ich wollte noch einmal etwas ganz anderes machen, so beispielsweise mit dem Buch. Darüber hinaus mache ich eine Mediationsausbildung und eine Weiterbildung zum Museumsreferenten. Mal sehen, was noch so kommt.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Weber.