Stadionsprecher Klaus Hafner: „Hier heißt niemand Arschloch“

Nach 30 Jahren hört Klaus Hafner am Saisonende als Stadionsprecher von Mainz 05 auf. Im Merkurist-Interview spricht er über seinen Nachfolger Andreas Bockius, seine emotionalsten Momente und Jürgen Klopps Rückkehr nach Mainz.

Stadionsprecher Klaus Hafner: „Hier heißt niemand Arschloch“

Wenn am 18. Mai das letzte Saison-Heimspiel von Mainz 05 gegen die TSG Hoffenheim abgepfiffen wird, endet gleichzeitig eine Ära. Nach 30 Jahren geht Klaus Hafner als Stadionsprecher in den Ruhestand. Grund genug, eine Bilanz zu ziehen. Wir haben den Kult-Stadionsprecher in unsere Redaktion Am Brand eingeladen und mit ihm über Fair Play, Jürgen Klopp und seine emotionalsten Momente gesprochen.

Herr Hafner, Sie hören zum Saisonende nach 30 Jahren als Stadionsprecher des FSV Mainz 05 auf. Gibt es noch ein Abschiedsgeschenk, das Ihnen die Mannschaft machen könnte?

Den Klassenerhalt. Ganz einfach. Trotz der Probleme in den letzten drei Spielen gehe ich davon aus, dass die Mannschaft das Ziel erreicht. Das wäre für mich auf jeden Fall etwas Besonderes.

Kann der Klassenerhalt eigentlich jedes Jahr nur das Ziel von FSV Mainz 05 sein?

Eigentlich nicht. Im Gegensatz zu anderen bin ich da leicht anderer Meinung. Man muss sich immer neue Ziele setzen. Inzwischen haben wir bei Mainz 05 eine Mannschaft, die eigentlich stärker ist. In absehbarer Zeit traue ich dem Team zu, dass es auch mal in das internationale Geschäft kommt. Man kann nicht jedes Jahr sagen: Um Himmels Willen, bloß nicht absteigen. Wenn wir bei Mainz 05 damals so gedacht hätten, als Wolfgang Frank noch Trainer war, dann wären wir heute nicht in der Bundesliga. Denn er war derjenige, der Mainz 05 nach vorn gepusht hat.

Haben Sie jemals eine Mainzer Mannschaft mit so viel Potenzial erlebt?

Nein, habe ich nicht. Die Mannschaft ist unglaublich stark. Ich glaube, einige Spieler wissen selbst noch nicht, wie stark sie wirklich sind.

Nach 30 Jahren als Stadionsprecher: Erinnern Sie sich an ein Spiel, in dem Sie das Gefühl hatten, Sie hätten es mitentschieden?

Nein! Niemals im Leben. Entscheidend ist die Kombination aus Mannschaft und Fans. Diese Einheit führt am Ende zum Sieg. Ich bin da ein ganz kleines Licht.

Und wie würden Sie Ihre Rolle beschreiben?

Ich bin Vermittler zwischen Mannschaft und Fans. Vor dem Spiel muss ich Informationen weitergeben und versuchen, eine positive Grundstimmung zu erzeugen – mit den Fans zusammen – das erreiche ich nämlich nicht alleine.

Bei Ihnen steht immer der Fair-Play-Gedanke im Vordergrund. Warum ist Ihnen das so wichtig?

Wenn ich erwarte, dass mein Mainz 05 auch außerhalb von Mainz ordentlich als Gast behandelt wird, muss ich mit gutem Beispiel vorangehen. Ich habe mal bei einem Heimspiel erlebt, dass jeder Spieler der gegnerischen Mannschaft mit „Arschloch“-Rufen begrüßt wurde. Und dann habe ich zu den Fans gesagt: Ich habe die Aufstellung, hier heißt niemand Arschloch.

Diejenigen, die das am lautesten rufen, die brauchen wir hier nicht bei Mainz 05. Das komische war: Alle haben laut applaudiert. Geschäftsführer Michael Kammerer und ich haben uns mit den damals noch kleinen Grüppchen der Fanclubs getroffen und gesagt: Lasst doch die gegnerischen Fans die Nachnamen ihrer Spieler auch laut aufsagen.

Seit Jahresbeginn erhalten Sie Unterstützung von Andreas Bockius, der auch Ihr Nachfolger im Sommer wird. Wie viel Einfluss hatten Sie auf die Auswahl Ihres Nachfolgers?

Keinen. Und das wollte ich auch überhaupt nicht.

Und sind Sie denn zufrieden mit der Lösung?

Absolut! Andreas Bockius ist genau der Richtige. Er hat seinen eigenen Stil und das ist auch sehr wichtig. Es gibt Leute, die versuchen mich nachzuahmen – das finde ich ganz schlimm. Ein Stadionsprecher überzeugt dadurch, dass er sich so gibt, wie er ist. Wenn man den Zuschauern etwas vorspielt, merken sie das sofort. Ich wollte auch deshalb keinen Einfluss auf die Entscheidung nehmen, weil ich denke, der neue Stadionsprecher muss mit dem Verein und den Fans klarkommen, nicht mit mir.

Konnten Sie Andreas Bockius mit all Ihrer Erfahrung schon Tipps mit auf den Weg geben?

Er soll authentisch sein. Nicht Stadionsprecher spielen, sondern sein. Und sich bloß nicht beirren lassen. Das heißt aber nicht, dass man Kritik nicht ernst nehmen sollte. Manchmal habe ich auch gedacht, was hast du denn heute wieder für einen Scheiß erzählt – aber so ist das eben. Ich bin ein emotionaler Mensch. Inzwischen bin ich der dienstälteste 05er und lebe Mainz 05 noch immer. Ich bin seit 1981 aktiv, habe als Jugendtrainer angefangen, war Jugendkoordinator, Geschäftsführer und Stadionsprecher.

Ab Mai haben Sie viel Freizeit. Was fangen Sie dann mit Ihrem Leben an?

Ich werde weiterhin versuchen, in der Politik tätig zu sein. Ich kandidiere wieder für den Stadtrat und hoffe, gewählt zu werden. Außerdem werde ich natürlich die Heimspiele von Mainz 05 besuchen und nach zwei Minuten rufen: Trainer raus! (lacht). Alles was ich 30 Jahre nicht rufen durfte, werde ich dann innerhalb eines Spiels nachholen. Nur ein Spaß!

Was war Ihr emotionalster Moment als Stadionsprecher?

Das war der Aufstieg in die Bundesliga 2004. In den Jahren davor sind wir immer so knapp gescheitert, das war für mich ganz schlimm. Daran hatte ich immer hart zu knabbern. Ich habe im Verlauf der letzten 30 Jahre unglaublich viele tolle Menschen als Stadionsprecher kennengelernt. Auch viele Spieler. Ich habe viel für mein Leben gelernt.

Was zum Beispiel?

Die Teamfähigkeit. Das ist ganz, ganz wichtig. Denn ich bin ein Teamplayer- in allem was ich mache. Wenn einer behauptet, er macht das alleine – das stimmt nicht. Auch als Vorstandsvorsitzender der „Fastnachts EG“, dem Zusammenschluss von 26 Fastnachtsvereinen. Da zeigt sich, ob man teamfähig ist. Und dann kann man viel mehr erreichen, als man glaubt.

Zwei der Trainer, die Sie als Stadionsprecher in Mainz kennengelernt haben, sind Thomas Tuchel und Jürgen Klopp. Heute sind beide Trainer bei Weltklasse-Vereinen – müssen Sie sich da manchmal kneifen?

Das sind beides Wahnsinnstypen. Jürgen Klopp habe ich ja damals noch als Spieler angesagt. Der Jürgen Klopp hat eine tolle Begabung, der verkauft sogar dem Papst ein Doppelbett. Früher hatte er noch den Spitznamen „Professor“, wegen seiner Nickelbrille. Wenn ich ihn so angesagt habe, hat ihm das nicht gefallen. Er fand, es würde so klingen, als wäre er alt. Es wird ja immer versucht, beide Trainer zu vergleichen – aber das geht nicht. Es sind grundverschiedene Menschen. Was sie aber gemeinsam haben: Sie sind beide wahnsinnig emotional. Thomas Tuchel kommt mir immer zu schlecht weg, dabei ist er auch ein toller Typ – und ein herausragender Trainer sowieso.

Jürgen Klopp hat im November angekündigt, dass er irgendwann wieder in Mainz leben möchte. Glauben Sie, er könnte auch wieder eine Position bei Mainz 05 einnehmen?

Als Trainer mit Sicherheit nicht. Ich könnte mir vorstellen, dass man ihn zum Beispiel in den Aufsichtsrat wählt. Obwohl Jürgen andererseits ein Macher ist – und immer etwas zu tun braucht. Wobei er in Interviews zuletzt auch gesagt hat, dass sein Job viel Kraft kostet. Ich könnte ihn mir ja gut als Trainer der deutschen Nationalmannschaft vorstellen.

Hatten Sie eigentlich schon die Gelegenheit, Jürgen Klopp in Liverpool zu besuchen?

Nein, leider noch nicht. Ich habe es aber vor, wenn ich jetzt in Pension gehe. Es arbeiten ja noch viele ehemalige Mainzer wie zum Beispiel Co-Trainer Peter Krawietz mit ihm zusammen. Die Atmosphäre vor Ort muss man unbedingt mal erlebt haben, das hört man ja immer wieder.

Vielen Dank für das Gespräch, Klaus Hafner!

Das Interview führten Ralf Keinath und Peter Kroh.

(mm)

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