Andreas Bockius: So sieht mein Arbeitstag als Stadionsprecher aus

Sprüche, Meetings, Tore: Merkurist hat Mainz-05-Stadionsprecher Andreas Bockius einen Tag in seinem Stadionsprecher-Leben begleitet. Von der heimischen Haustür bis zum Feierabend in den Katakomben der Opel Arena.

Andreas Bockius: So sieht mein Arbeitstag als Stadionsprecher aus

An einem ruhigen Sonntagnachmittag Anfang März treffen wir Andreas Bockius in seinem Wohnort Heidesheim. In rund eineinhalb Stunden wird er den Rasen der Mainzer Opel Arena betreten und versuchen, die Fans von Mainz 05 auf das Heimspiel gegen Fortuna Düsseldorf einzustimmen. Dass an diesem 8. März in Mainz das für lange Zeit letzte Bundesligaspiel vor Zuschauern stattfinden wird, ahnt noch niemand. Erst nach dem Spiel verbreitet sich langsam die Nachricht, dass Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) die Absage von Veranstaltungen mit mehr als 1000 Besuchern empfohlen hat. An Kontaktsperren und Corona-Krise ist noch überhaupt nicht zu denken.

Mit einem herzlichen „Guuudeee“ begrüßt Bockius uns vor seiner Haustür. Viel Zeit zum Plaudern bleibt nicht, schließlich erwarten ihn die Kollegen der Stadionregie zur Vorbesprechung in den Katakomben der Arena. Seit Januar 2019 ist Bockius Stadionsprecher beim FSV. Bis zum Sommer moderierte er gemeinsam mit Stadionsprecher-Ikone Klaus Hafner vor, während und nach dem Spiel - seit Saisonbeginn ist Bockius dessen alleiniger Nachfolger. Gegen 14:45 Uhr bricht Bockius mit dem Auto in Richtung Stadion auf. Merkurist ist mit an Bord:

Kurz vor dem Stadion-Parkplatz: Bockius erkundigt sich bei einem Ordner am Straßenrand, wie es ihm nach einer Handverletzung geht. Angespannt oder allürenhaft wirkt der Stadionsprecher nicht. Nach zwei Minuten Smalltalk fährt er weiter. Auch wenn es noch beinahe drei Stunden bis zum Anpfiff sind, die ersten Fans versammeln sich bereits am Stadion. Und das bedeutet für Bockius auch, dass der ein oder andere mit einem Selfie- oder Autogrammwunsch auf ihn zukommt. „Können wir gerne machen. In welchem Block stehst du denn nachher?“, fragt Bockius einen Selfiejäger. „Wenn die Leute nett fragen, dann mache ich gerne ein Foto mit ihnen. Schwierig finde ich es aber, wenn sie besitzergreifend auf mich zukommen, nach dem Motto: Du musst jetzt mit da rüber kommen und Fotos mit mir und allen meinen Kumpels machen. Ich bleibe dann zwar freundlich, aber ich mache schon klar, dass es höflicher ist, mich einfach freundlich zu fragen“, sagt Bockius.

Zwei Stunden vor Anpfiff öffnen sich zumindest an diesem Spieltag noch die Eingangsstore für Fans. Ab dann steht Bockius auf dem Rasen. Doch vorher steht noch ein wichtiges Meeting an. Rund ein Dutzend Mitarbeiter sind in die Planung involviert. Es ist Inklusionsspieltag, Dolmetscher für hörgeschädigte Menschen werden übersetzen, was Bockius durchsagt. Weitere Talks rund um das Thema sind für heute geplant. Kamera, Stadionregie und der Stadionsprecher bereden noch einmal, wo das Halbzeitpausen-Spiel mit Fans stattfindet. Wo soll das Tor stehen, auf das die Fans während des Spiels schießen sollen? Wann beginnt das Spiel? Alles ist auf die Minute geplant, denn wenn die Halbzeit vorbei ist, können Schiedsrichter, Fußballprofis und TV-Stationen nicht warten.

Dass Andreas Bockius bei seinen Kollegen beliebt ist, merkt man schnell. Wenn man sie auf den Stadionsprecher anspricht, dann verfallen sie nicht sofort in Lobeshymnen. Wie es unter Kumpels üblich ist, kriegt Bockius erst augenzwinkernd einen fiesen Spruch gedrückt - dann kommt die Lobeshymne. Das Team um Bockius herum ist eingespielt, einige machten ihren Job schon, als Klaus Hafner noch der Mann am Mikro war. „Viele hier verdienen sich in der Arena etwas dazu. Aber wegen des Geldes macht es eigentlich keiner von uns. Es mach Spaß und wir dürfen direkt am Spielfeld arbeiten. Das ist doch geil“, erklärt ein Kollege aus dem Stadionsprecher-Team.

Zwischen den Trainerbänken direkt am Spielfeld verbringt Bockius die Zeit während des Spiels. Hier sagt er Tore oder Auswechslungen an und wenn es gefordert ist, dann versucht er manchmal auch mit einer Durchsage aus die Fans zum Toben zu bringen. Ab und an bekommen Bockius und sein Team so nah am Spielfeld auch kuriose Geschichten mit. So wie diese: Einmal wollte der Mainzer Gegner einen Spieler einwechseln, doch weder Bockius noch seine Kollegen wussten, wie man dessen Namen ausspricht. Als ein Bockius-Kollege zu einem Co-Trainer des Gegners huschte und fragte: „Wie spricht man den Jungen aus?“, drehte dieser sich zu einem anderen Spieler auf der Bank um und sagte: „Was fällt diesem Arsch denn ein, mich nach einem Namen zu fragen?“. Blöd nur, dass er es so laut sagte, dass man es über Bockius’ offenes Mikrofon im ganzen Stadion hören konnte.

Das Spiel an diesem Sonntag läuft schlecht aus Mainzer Sicht. Die Gäste - ebenso wie die Mainzer im Abstiegskampf - spielen die 05er phasenweise an die Wand. Einmal kann Andreas Bockius an diesem Abend so richtig aus der Haut fahren: Levin Öztunali bringt den schwachen FSV nach knapp einer Stunde in Führung. Doch zum Sieg reicht es am Ende trotzdem nicht. Erst fliegt Mainz-Star Jean-Philippe Mateta mit Gelb-Rot vom Platz und fünf Minuten vor dem Ende schaffen die Düsseldorfer noch den überaus verdienten Ausgleich.

Als wir Andreas Bockius nach dem Spiel wieder im Innenraum des Stadions treffen, wirkt er ein bisschen erschöpft. Das enttäuschende Spiel scheint ihm noch in den Knochen zu stecken. Im Pressekonferenz-Raum liegen Zettel mit allen möglichen Statistiken zum Spiel aus. Als Andreas Bockius einen der Zettel überflogen hat, stöhnt er: „Alter… Das liest sich nicht gut.“ Ein paar Sekunden später kommt der Optimist in ihm wieder zum Vorschein: „Naja, wir haben den Abstand auf Düsseldorf gehalten, irgendwie packen wir den Klassenerhalt schon. Die Pressekonferenz nach dem Spiel verfolgt er wann immer es geht. „Das gehört einfach zu einem Spieltag dazu“, sagt er. Zeit für ein Fazit:

Wir bedanken uns bei Andreas Bockius und dem 1. FSV Mainz 05 für die Unterstützung. (df)

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