Klima-Kleber Raúl Semmler: Warum er trotz Strafen immer wieder protestiert

Der Schauspieler und Sprecher Raúl Semmler ist Teil der Klimaschutzbewegung „Letzte Generation“. Eine Aktion in Mainz machte ihn im Dezember deutschlandweit berühmt. Am Montag protestierte Semmler erneut in Mainz.

Klima-Kleber Raúl Semmler: Warum er trotz Strafen immer wieder protestiert

Eine Klebeprotest der Klimaschutz-Bewegung „Letzte Generation“ machte den Aktivsten Raúl Semmler im Dezember deutschlandweit bekannt. Semmler hatte sich bei einer Aktion auf der Mainzer Alicenbrücke am 9. Dezember mit Kleber und Sand derart festgeklebt, dass die Polizei ihn erst nach Stunden und nur mit schwerem Gerät von der Straße entfernen konnte. Weil danach noch immer ein Stück der Straße unter seiner Hand klebte, kursierten sogar Gerüchte, dass Semmlers Hand amputiert werden musste – eine Falschmeldung. Anerkennung erhielt Semmler in den sozialen Medien eher weniger, stattdessen wurden Fotos der Betonhand vermehrt spöttisch verbreitet.

Am heutigen Montag (9. Januar) beteiligte Semmler sich erneut an einer Klima-Kleber-Aktion der „Letzten Generation“ auf der Mainzer Alicenbrücke. Merkurist hat mit ihm gesprochen.

Merkurist: Herr Semmler, am heutigen Montag beteiligen Sie sich zum zweiten mal an einer Protestaktion in Mainz. Warum?

Semmler: Weil die Bundesregierung immer noch nicht zu einfachsten Sicherheitsmaßnahmen fähig ist, nämlich dem 9-Euro-Ticket und einem Tempolimit von 100 km/h auf deutschen Autobahnen. Zudem sehen wir gerade auch ganz aktuell in Lützerath (Nordrhein-Westfalen), dass weiter Kohle abgebaggert werden soll, obwohl wir genügend Kohle haben bis zum geplanten Kohleausstieg. Deswegen müssen wir für unsere Erde kämpfen und auch für alle Dörfer, weil: Wir wollen alle überleben.

Anders als bei der Aktion im Dezember sind Sie heute nicht festgeklebt. Wie kam es zu dieser Entscheidung?

Ein Mensch muss in der Rettungsgasse sitzen. Heute sind generell viele neue Menschen bei unserer Aktion dabei, ich habe kein Problem damit, heute zu verzichten und die Rettungsgasse zu bilden. Wir haben gerade schon eine Frau durchgelassen, die einen wichtigen Termin beim Lungenarzt hatte. Bevor die anderen sich angeklebt hatten, haben wir auch noch eine Blutkonserve durchgelassen, die offenbar wichtig war.

Wie sind Sie denn nach der letzten Aktion in Mainz mit dem Aufsehen um Ihre Person klargekommen, schließlich verbreiteten sich die Fotos Ihrer Betonhand ja bundesweit?

Solange es der Sache dient, ist das total gut. Ich hatte natürlich schon Befürchtungen, dass im Vordergrund nur dieses komische Bild steht, aber solange es der Sache dient, ist es gut.

Haben Sie damals irgendwelche Verletzungen davongetragen?

Nein, überhaupt nicht. Es geht mir gut.

Werden Sie sich weiterhin an Aktionen wie der heutigen beteiligen, obwohl Sie dafür mit Strafen belegt werden?

Ja, natürlich. Ich habe gestern erst zwei Strafbefehle für Aktionen in Heidelberg, aber Repressionen und Strafen werden uns nicht abhalten. Solange die Bundesregierung nicht handelt, sind mir persönlich solche Strafen egal. Es geht um mein Überleben und um das Überleben der nächsten Generation.

Viele Menschen aus der Bevölkerung entgegnen Ihnen mit Unmut und finden Ihre Aktion nicht gut. Wie gehen Sie damit um?

Ich kann natürlich verstehen, dass Menschen verärgert sind, wenn ihr Alltag unterbrochen wird. Es ändert aber nichts daran, dass wir uns in dieser Situation befinden und nur ein sehr kleines Zeitfenster zum Handeln haben.

Sie sind Schauspieler und Sprecher und haben auch schon Videos für die Autoindustrie vertont…

Ja, das habe ich.

Aber wie vereinbaren Sie das mit Ihren Aktionen und Ihren Werten?

Meiner Meinung nach hat das gerade nichts mit der Aktion zu tun.

Für Sie ist es also kein Widerspruch, schon einmal Werbung für die Autoindustrie gemacht zu haben?

Ich werde jetzt keine Werbung mehr für Auto- oder andere fossile Unternehmen mehr machen, das ist das Wichtigste. Das habe ich für mich so entschieden, damit ich die Menschen aus der Bewegung nicht verunsichere.

Danke für das Gespräch, Raúl Semmler.

Das Interview führten Veronika Dyks und Anna Huber.

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