Lavendel-Strauch sorgt für Kritik am Gesundheitssystem

Ein Lavendel-Strauch als Geste der Dankbarkeit - was das auslösen würde, ahnte bei der Übergabe Ende Juni niemand. Mitarbeiter der Mainzer Uniklinik nahmen das zum Anlass, um auf die Probleme im Gesundheitssystem aufmerksam zu machen.

Lavendel-Strauch sorgt für Kritik am Gesundheitssystem

Eigentlich wollte sich Staatssekretär Denis Alt (SPD) nur im Namen der rheinland-pfälzischen Landesregierung und des Ministeriums für Wissenschaft bei den Mitarbeitern der Unimedizin für den Einsatz in der Corona-Krise bedanken. Als Zeichen überreichte der Staatssekretär einen Lavendel-Strauch - noch immer erntet er dafür heftige Kritik. Einige Twitter-User sehen in dem Geschenk eine „Abwertung des Pflegeberufs“. Ein Nutzer schreibt: „Unglaublich, man weiß nicht ob man lachen oder weinen soll“; ein anderer kommentiert: „Kann man eine Berufsgruppe noch mehr verhöhnen?! Systemrelevanz wird in Lavendel gemessen.“ Dies sind nur zwei der fast 300 Kommentare unter dem Tweet des Ministeriums.

Nun, zwei Wochen nach der Übergabe, meldet sich eine Teamdelegation des Pflegepersonals der Unimedizin mit einem Video zu Wort. Unter dem Hashtag „Lavendelgate“ richten sie sich an die Regierung und sagen: „So kann es nicht weitergehen.“ Denn: „Die Corona-Krise hat die Probleme unseres Gesundheitssystems nur noch verdeutlicht. Deshalb fanden wir es unpassend und haben uns überlegt, wie wir darauf antworten können“, erzählt Sebastian Czech, Fachbereichsleitung Praxisanleitung und Ausbildung und Teil der Teamdelegierten.

Probleme im System wurden deutlich

Was die Mitarbeiter aus der Pflege besonders stört, ist der Umgang mit den Problemen und die Reaktion darauf: „Immer wieder wurde und wird betont, wie wichtig die Pflege sei. Aber dann muss man auch mal etwas machen. Die Aktion mit dem Lavendel hat für uns dann das Fass zum Überlaufen gebracht“, sagt Christoph Becker, Fachkrankenpfleger an der Unimedizin Mainz. Denn: Die Probleme im System seien nicht neu, in der Corona-Krise kamen aber weitere hinzu. Eines davon, so Becker, sei die Aushebelung des Pflegebetreuungsschlüssels: „Wegen der Krise wurde die Grenze aufgehoben. Allerdings wurde, nachdem die große Welle in Deutschland ausblieb, die Grenze nicht wieder eingeführt.“

„Für uns war es wie ein Schlag ins Gesicht.“ - Daiana Neher, OP-Schwester

Das bedeutet, dass das Pflegepersonal auch jetzt noch mehr Patienten betreuen dürfe und auch müsse, als eigentlich vorgesehen. „Eine Kontrolle gibt es gerade nicht mehr.“ Das habe nicht nur Folgen für das Pflegepersonal, das mit Überlastung und Überarbeitung zu kämpfen hat. Auf lange Sicht werden „auch die Patienten gefährdet, die Arbeitsqualität und Patientensicherheit sinken“.

Mit ihrem Video wollen die Mitarbeiter der Mainzer Unimedizin genau auf diese Probleme aufmerksam machen. „Wir wollen nicht undankbar erscheinen, aber die Landesregierung hätte die Möglichkeit, etwas zu verändern. Ich finde, man müsste auch mal für uns in der Pflege den roten Teppich ausrollen“, sagt OP-Schwester Daiana Neher. Sie wünscht sich mehr Taten als Worte von der Regierung. „So wie die Situation und die Arbeitsverhältnisse gerade sind, finden wir keinen Nachwuchs. Und das fällt uns irgendwann auf die Füße.“ Sebastian Czech fasst den Appell des Pflegepersonals so zusammen: „Wir möchten keine medienwirksamen Pressetermine, sondern wünschenswert wären Sacharbeit und eine Ernsthaftigkeit gegenüber diesem Thema.“

Nicht nur die Corona-Krise ist ein Problem

Doch nicht nur die Corona-Krise und deren Folgen machen den Mitarbeitern zu schaffen. Es gibt auch weitere Probleme, die die Situation und Arbeitsbedingungen belasten. Veith Stahlheber, Mitarbeiter der Mainzer Unimedizin, klärt über weitere Probleme auf : „Das Thema Personalabbau beschäftigt viele Berufsgruppen, aber auch bei uns in der Pflege ist es Thema. Dazu kommt die Leiharbeit. Fremdfirmen stellen das Personal. Das erschwert uns in vielen Fällen die Arbeit, da man häufig nicht weiß, wie und wie gut die Leute arbeiten und wie qualifiziert sie auch sind.“ Besonders auf Stationen wie der Intensivstation müsse man sich auf das Können der Mitarbeiter verlassen können.

Auch das „Outsourcing“ vieler Bereiche spielt bei der täglichen Arbeit eine Rolle. Dies betreffe aber nicht nur die Pflege, auch die Küche, die Reinigung und noch viele andere Bereiche werden extern besetzt. „Ein weiteres Probleme ist die Flucht aus dem Beruf. Viele Kollegen gehen aufgrund der schlechten Arbeitsbedingungen und nur wenige junge Leute entscheiden sich für den Beruf“, erklärt Stahlheber. Dazu komme ein fortschreitender Privatisierungsprozess im Gesundheitswesen.

Teil einer Aktion des Ministeriums

Auf Merkurist-Nachfrage äußerte sich auch das Ministerium für Wissenschaft zu der Kritik an der Aktion. Die Übergabe der Pflanze sei demnach Teil der Aktion „#ichpflanzfürdich“ gewesen: „Teil der Aktion ist es, das Pflanzen als Dank einer Person oder Personengruppen zu widmen, die sich besonders einsetzen. Als zuständiges Ministerium haben wir die Universitätsmedizin Mainz ausgewählt“, so ein Sprecher des Ministeriums.

Er sagt zudem: „Keineswegs war diese Aktion als angemessene umfassende Wertschätzung und ausreichender Dank für die Leistung der Beschäftigten gemeint.“ Ein solcher symbolischer Akt ersetze nicht „die politische Arbeit und den Einsatz für eine angemessene Ausstattung der Universitätsmedizin“. „Uns ist bewusst, dass die Beschäftigten sich eine direkte und unmittelbare Verbesserung ihrer Situation wünschen. Klar ist, dass die Mitarbeiter allesamt Großartiges leisten und auch durch Entlohnung und Arbeitsbedingungen wertgeschätzt werden müssen“, sagt der Sprecher. Hierzu seien Veränderungen im Krankenhausfinanzierungssystem nötig, für die man sich weiter einsetzen werde. Als Wissenschaftsministerium, das direkt nur Forschung und Lehre finanziere, seien die Möglichkeiten, in der Krankenversorgung Verbesserungen anzustoßen, jedoch begrenzt.

Für Veith Stahlheber kommt die Kritik an der Geste aber vor allem durch eine Sache: „Der Fokus auf den Erlös und den Profit, es geht weniger um die Versorgung der Menschen. Das sind in meinen Augen zentrale Punkte, die zur Verärgerung über den Lavendel geführt haben.“ In ihr Video zum „Lavendelgate“ setzen die Pflegemitarbeiter große Hoffnungen. Sie wünschen sich vom Ministerium eine direkte Antwort auf ihren Appell. Eine Antwort auf ihr Video haben die Mitarbeiter bis jetzt allerdings noch nicht erhalten. (df)

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