Welche Partei hat die besten Wahlplakate?

Ob auffällig, gewitzt oder einfach peinlich: Die Wahlplakate zur kommenden Landtagswahl stechen ins Auge. Aber welche Partei hat mit ihrem Plakat ins Schwarze getroffen? Wir haben Experten aus der Werbebranche gefragt.

Welche Partei hat die besten Wahlplakate?

Der Countdown läuft. Die Landtagswahl in Rheinland-Pfalz rückt näher, in knapp vier Wochen dürfen die Wähler ihr Kreuz setzen. Das ist in der Landeshauptstadt unübersehbar. Nahezu jede Ecke in Mainz wird von Wahlplakaten verziert. Ob großformatig vor dem Landtag oder in kleiner Ausführung verteilt in der gesamten Stadt: Plakate sind ein wichtiges Wahlkampfinstrument der Parteien. Die Finanzierung der Wahlplakate nimmt im Durchschnitt etwa 40 Prozent des Gesamtbudgets für den Wahlkampf einer Partei ein. CDU und SPD beispielsweise stecken zusammen etwa drei Millionen Euro in die Wahlwerbung.

Wenn die Linke mit Helmut Kohl wirbt

Dieses Jahr lacht dem Betrachter Helmut Kohl von dem Wahlplakat der Linken entgegen, die FDP-Politiker sind poppig in grelle Farben eingetaucht und die SPD setzt auf Minimalismus. So mancher fragt sich bei der Überzahl an Plakaten, welche Wirkung die Parteien erzielen und welche Zielgruppen sie ansprechen wollen.

Wir haben Experten aus der Werbebranche ausgewählte Plakate der Parteien vorgelegt. Als Bewertungsgrundlage dienen die Werbewirksamkeit, die Realisierung des Designs und die Umsetzung des Corporate Designs. Letzteres bezeichnet die Einheitlichkeit der Gestaltung der Werbeplakate, durch die ein Wiedererkennungseffekt der Partei bei dem Betrachter ausgelöst werden soll.

"Keep it short, keep it simple"" - Zimmer

"Plakate müssen im wahrsten Sinne des Wortes 'plakativ' sein, das heißt schnell kommunizieren", sagt Michael Berger, Geschäftsführer der Werbeagentur "das Team" . Die meisten täten dies aber nicht. Auch Lena Weissweiler aus dem "Büro für Gestaltung Wehr & Weissweiler" bemerkt grundsätzlich: "Plakate müssen schnell sein, sie müssen keine Geschichte erzählen." Nur einige Wahlplakate würden dieses Jahr den Grundsatz erfüllen. "Keep it short, keep it simple", meint auch Marvin Zimmer, Geschäftsführer von "schiebezimmer - Agentur für Brand Design und Brand Communication".

Die SPD setzt auf typographische Plakate

Verantwortung, Substanz oder Zusammenhalt. Die SPD wirbt mit Schlagwörtern und bleibt minimalistisch. Im Mittelpunkt der Plakatkampagne steht die Spitzenkandidatin Malu Dreyer, amtierende Ministerpräsidentin in Rheinland-Pfalz. Der Slogan "Damit Malu Dreyer Ministerpräsidentin bleibt" prangt oftmals vor dem roten Hintergrund der SPD-Parteiplakate.

"Die Plakatkampagne ist sehr aufmerksamkeitsstark" - Berger

Der Werbeexperte Michael Berger empfindet die Plakatkampagne insgesamt als sehr aufmerksamkeitsstark. Doch der Begriff "Verantwortung" auf dem von uns ausgewählten Plakat irritiert ihn. "Was soll uns das Wort sagen? Will die SPD mehr Verantwortung? Oder wollen sie ihrer Verantwortung in Zukunft mehr gerecht werden?" Er bemängelt die fehlende Einbettung der Wörter in den passenden Kontext. Marvin Zimmer hingegen empfindet die Verwendung eines einzelnen Wortes als wirksam. "Ein einfaches Wort, das sich dem flüchtigen Blick nicht entziehen kann", sagt Zimmer, sein Urteil: "Hier wurde Plakatwerbung verstanden." Lena Weissweiler kritisiert die farbliche Umsetzung: "Farblich ist die SPD in diesem Fall weit entfernt vom Corporate Design, dem typischen SPD-Rot." Dennoch sei die typographische Umsetzung passend. "Mittelachsial und in Versalien gesetzt, das ist natürlich viel hipper, als es das Corporate Design-Manual vorsieht."

Bürgernähe bei der CDU im Fokus

Auch die CDU setzt in ihrer Plakatkampagne vorrangig auf ihre Spitzenkandiatin. Ob beim Besuch im Altersheim oder beim Händchen halten mit einem Autofahrer, Julia Klöckner zeigt sich bürgernah. Das von uns ausgewählte Plakat, auf dem die CDU-Politikerin im Gespräch mit der Polizei zu sehen ist, scheidet die Geister.

"Die Gestaltungspolizei verwarnt dieses Plakat wegen Irritation" - Zimmer

"Die Plakate sind fotografisch gut umgesetzt, die Spitzenkandidatin wirkt sehr sympathisch", sagt Lena Weissweiler aus dem "Büro für Gestaltung Wehr & Weissweiler". Auch Michael Berger lobt die Gestaltung. "Blickachse von links oben nach rechts unten beachtet. Oben wird das politische Thema aufgriffen und unten steht ein glaubwürdiger Slogan." Im Vergleich zu den Plakaten der anderen Parteien wirke die Kampagne der CDU dennoch sehr klassisch und fast altbacken. "Die CDU bleibt aber dem Corporate Design treu", sagt Weissweiler. Marvin Zimmer, Geschäftsführer der Werbeagentur "schiebezimmer", nähert sich dem Plakat mit einem sarkastischem Blick: "Die Gestaltungspolizei verwarnt dieses Plakat wegen fahrlässiger Irritation." Das Plakat sei zu überladen. Aber: "Das emotionalisierende Foto macht sich gut im Führungszeugnis!"

Grüne Plakate mit Illustrationen

Die Grünen verwenden in ihrer Plakatkampagne eine grafische Sprache. Auf Corporate Design-treuem Grün tummeln sich viele Schriftzüge und bunte Grafiken, wie in unserer Auswahl die farbenfrohe Weltkugel.

"Das Plakat ist zu voll" - Weissweiler

"Die Geschichte der Grünen ist zu lang, das Plakat ist zu voll", bemerkt Weissweiler, "beim Betrachter wird keine Wirkung erzielt." Dennoch betont sie die moderne und zeitgemäße gestalterische Umsetzung. Michael Berger von "das Team" sieht hingegen einen Rückschritt der Partei in der Kampagne. Das Plakat wirke wie ein Recycling einer 80er-Jahre-Kampagne. "Die Grünen werden bieder!", sagt Berger. Marvin Zimmer bezeichnet den "Öko-Look" der Grünen als dem Betrachter vertraut. "Mehr bleibt aber beim Vorbeiflitzen mit dem Fahrrad nicht hängen." Auch Zimmer reiht sich ein in die Kritik an der Überladung des Plakats: "Der zulässige Grenzwert für Textmengen wurde überschritten."

Grelle Farben bei der FDP

Magenta, Cyan, Gelb und als Akzentfarbe Violett: Die FDP hält sich strikt an das neue Corporate-Design und setzt auf ein rein grafisches Portrait des Kandidaten Volker Wissing. Die Plakatkampagne erinnert stark an das "Hope"-Plakat von Barack Obama, das mittlerweile Ikonencharakter erlangt hat. Damit fällt die Partei auf. Aber im positiven oder negativen Sinne?

"Phönix aus der Asche? Mit dieser Kampagne nicht!" - Berger

"Das Plakat ist zu bunt, die Farben schreien und sind zu laut", so Lena Weissweiler, "aber in der Zeichnung steckt Liebe drin." Dennoch sei der Spitzenkandidat nicht gleich erkennbar, das werfe eine große Distanz zum Betrachter auf. Auch Marvin Zimmer fehlt die Aussage: "Welchen Plan hat dieser Mann? Schade, dass es verpasst wurde, dieses Plakat mit Inhalt zu füllen." Noch kritischer äußert sich Michael Berger: "Phönix aus der Asche? Mit dieser Kampagne nicht!" Das einzig positive sei die farbliche Aufmerksamkeitsstärke. Dennoch: "Gestaltpsychologisch blickt er nicht nach vorn sondern nach Südosten. Liberale Werte - Fehlanzeige!" Lena Weissweiler hingegen lobt die FDP: "Respekt für den Mut, einen neuen gestalterischen Weg zu gehen."

Die Linke schmückt sich mit berühmten Persönlichkeiten

Provokativ und aufmerksamkeitsstark, der Altkanzler Helmut Kohl und der Papst zieren die Plakatkampagne der Linken. Das zentrale Thema: Menschlichkeit. Kommt der aus Rheinland-Pfalz stammende Ex-Politiker bei den Experten an?

"Freche Kampagne mit dem Altkanzler" - Berger

"Ich verstehe das Plakat nicht. Wieso genau ist Helmut Kohl abgebildet?", fragt Lena Weissweiler aus dem "Büro für Gestaltung Wehr & Weissweiler". Sie bemängelt, dass das Plakat zu viele Fragen aufwerfe. Michael Berger hingegen lobt die Bildauswahl, bezweifelt aber, ob die Aussage verstanden wird. "Freche Kampagne mit dem Altkanzler! Aaaaber zu intelligent! Die Aussage kommuniziert nicht schnell genug für ein Plakat." Dafür sei aber das Linke-Logo als Hingucker platziert. "Helmut Kohl als Spitzenkandidat der Linken?", fragt Marvin Zimmer, Geschäftsführer von "schiebezimmer". Die Irritation des Betrachters werde nicht schnell genug durch den kodierten Text aufgelöst. In einem Magazin würde die Werbung ihre Wirkung erreichen. Sein eindeutiges Fazit: "Als Plakat - Fehlanzeige."

Weintrauben für Mainz: Die AfD

Nach großflächigen Plakatwänden der AfD sucht man in Mainz übrigens vergebens. Die Partei zeigt sich ausschließlich mit kleinen Plakatausführungen.

"Die haben sich wohl den Designer gespart" - Weissweiler

Bei dem Urteil zu der Plakatkampagne sind sich die beiden Werbeexperten Weissweiler und Berger einig. Die AfD hinke gestaltungstechnisch den anderen Plakaten hinterher. Michael Berger, Geschäftsführer der Werbeagentur "das Team", bemängelt den unruhigen Hintergrund, der vom "Lesestoff" ablenke. "Plakat ist mehr Patchwork als gut gemachte Werbung." Lena Weissweiler sieht weder eine gute Typographie, ein tolles Bild oder eine Spannung im Design. Ihre Vermutung: "Die haben sich wohl den Designer gespart." Von Marvin Zimmer bekommen wir nur folgende eindeutige Aussage : "Wir hätten uns eine Alternative für das Plakat gewünscht."

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