Gutachterin: Ali B. hat eine psychopathische Störung

Im Mordfall Susanna sagte am Mittwoch die psychiatrische Gutachterin vor Gericht aus. Sie beschreibt einen Angeklagten, dem es nur um die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse geht.

Gutachterin: Ali B. hat eine psychopathische Störung

Im Prozess um den Mord an der 14-jährigen Schülerin Susanna aus Mainz hatte der Angeklagte Ali B. schon zu Prozessbeginn die Tat gestanden. Auch hatten bereits dutzende Zeugen vor Gericht ihre Aussage gemacht, um die Umstände der Tat besser zu beleuchten. Zur genauen Einschätzung der Persönlichkeit des Beschuldigten sagte zum Abschluss der Beweisaufnahme am Mittwoch eine psychiatrische Gutachterin aus.

Emotionslos und egozentrisch

Als Grundlage für ihre Einschätzung dienten der Psychiaterin neben der Beobachtungen im Prozess mehrere persönliche Gespräche mit dem Angeklagten. Sie attestiert Ali B. eine dissoziale sowie psychopathische Störung. Ali sei im Nordirak bei liebevollen und fürsorglichen Eltern aufgewachsen. Nachdem er mehrfach sitzengeblieben sei, habe er keine Lust mehr auf Schule gehabt, auch Arbeiten gehen habe ihn nicht interessiert. Wie auch später in Deutschland, wohin er mit seiner Familie 2015 geflüchtet war, habe er sich immer nur für die eigenen Bedürfnisse interessiert.

Sein Alltag in Wiesbaden habe sich nur um Schlafen, Alkohol und die Ausschau nach Mädchen gedreht. Angebote wie Arbeit oder Deutschkurse lehnte er meist ab. Auch seine Emotionslosigkeit in Bezug auf den Mord an Susanna stufte die Gutachterin als Zeichen für seine starke Ich-Bezogenheit ein. Sowohl bei der Polizei als auch vor Gericht hatte Ali B. mehrfach Details seiner Tat geschildert. Dabei hätte er keinerlei Zeichen von Reue und Schuld gezeigt, auch die Entschuldigung an die Familienangehörigen des Opfers erkannte die Gutachterin nicht als ehrlich an. Nie hatte er seine Tat als „Mord“ oder „Tötung“ bezeichnet, er sprach lediglich davon, dass er „Scheiße gebaut“ habe.

Emotional sei Ali B. nur geworden, wenn es um sein eigenes Befinden gehe. In der JVA habe er immer wieder die schlechten Haftbedingungen kritisiert und etwa mehr Zigaretten und Freiheiten eingefordert. Um dem Nachdruck zu verleihen, habe er immer wieder gedroht, sich selbst Gewalt anzutun. Weiter schreibt die Gutachterin dem Angeklagten ein starkes manipulatives Verhalten zu. Durch die Androhung von Gewalt versuchte er, sowohl seine Freundinnen als auch seinen jüngeren Bruder zu kontrollieren. Einige der geladenen jüngeren Zeuginnen hatten ihn vor Gericht als nett und freundlich beschrieben, was laut Gutachten zeige, wie stark er Menschen beeinflussen könne.

Großes sexuelles Interesse

Ali B. habe, so die Psychiaterin, ein sehr großes sexuelles Interesse. Schon als Jugendlicher soll er tausende Kilometer mit dem Bus nach Istanbul gefahren sein, um ein Bordell zu besuchen. In Deutschland habe er dann versucht, seine Interessen voll auszuleben. Er hatte wechselnde Freundinnen, denen er aber nicht immer treu blieb. Über seinen jüngeren Bruder besorgte sich Ali die Handynummern jüngerer Mädchen, die er dann mit sehr konkreten Anliegen anschrieb, obwohl diese ihn meistens gar nicht kannten. Ali gehe es laut der Gutachterin nicht darum, eine feste Beziehung aufzubauen, vielmehr suchte er einfach nur Sex mit jüngeren Frauen.

In der Verhandlung berichteten Zeugen immer wieder von Alis ausgeprägtem Alkoholkonsum, bis zu zwei Flaschen Wodka habe er pro Woche getrunken. Zwar zeige der Angeklagte laut der Gutachterin typische Anzeichen für ein Suchtverhalten wie eine gesteigerte Toleranz für Alkohol. Diese hätte aber keinen größeren Einfluss auf seine Persönlichkeit gehabt und sei auch für die Tat nicht relevant gewesen. Auch liege bei Ali B. keine Bewusstseinsstörung vor, der von ihm beschriebene Blackout bei der Tat sei laut Gutachterin nicht haltbar.

Prozess verzögert sich

Das komplette Gutachten konnte in der Sitzung am Mittwoch nicht behandelt werden. Die Vorstellung wird am Mittwoch, 26. Juni, fortgesetzt. Dadurch verschiebt sich der gesamte Zeitplan des Prozesses, denn eigentlich sollte mit dem Gutachten in dieser Woche die Beweisaufnahme abgeschlossen werden. Neue Termine für die Plädoyers und das Urteil stehen derzeit noch nicht fest. (ts)

Logo