Betreuer erschüttert: Sportjugend schafft Freizeiten ab

Nach über 50 Jahren keine Sportjugendfreizeiten - das wurde laut Beirat für Freizeitmaßnahmen über die Köpfe der Betreuer hinweg beschlossen. Diese Entscheidung hinterlässt bei vielen Fragen.

Betreuer erschüttert: Sportjugend schafft Freizeiten ab

Ab dem 31. Januar 2021 veranstaltet die Sportjugend des Landessportbundes (LSB) Rheinland-Pfalz keine Sportjugendfreizeiten mehr. Dies wurde einstimmig in einer Sitzung vom Leitungsteam der Jugendorganisation, bestehend aus den drei regionalen Sportjugenden Pfalz, Rheinhessen und Rheinland, beschlossen. Wie soll es nun mit den Betreuern und den fehlenden Projekten weitergehen?

Hintergrund

Die Sportjugend des LSB Rheinland-Pfalz ist der Dachverband der Sportjugenden Rheinland, Pfalz und Rheinhessen. In der Sitzung entschied man sich für eine Neuausrichtung des Dachverbands. „Das Leitungsteam der Sportjugend RLP sieht im Zuge einer Neuausrichtung die Freizeiten nicht mehr als Aufgabe der Dachorganisation und hat sich dafür einstimmig gegen die Fortführung ausgesprochen“, so der Abteilungsleiter der Sportjugend, Martin Hämmerle. Laut offizieller Mitteilung der Sportjugend ist dies jetzt Sache der regionalen Sportjugenden und der Sportvereine.

Seit über 50 Jahren engagieren sich jährlich hunderte Jugendleiter ehrenamtlich, um Kindern und Jugendlichen in den Schulferien einen sportlich-aktiven Urlaub zu ermöglichen. Die Entscheidung des Leitungsteams stößt bei den beteiligten Betreuern auf Unverständnis: „Seit Beginn der Freizeiten sind knapp 50.000 Teilnehmer auf über 1500 Freizeiten gewesen, zudem wurden über 2500 Betreuer ausgebildet. Wir sind vielfach ausgezeichnet worden, wir können einfach nicht verstehen, wie so ein - auch überregional bekanntes - Aushängeschild nicht mehr gewollt wird“, so der stellvertretende Leiter im Beirat für Freizeitmaßnahmen, Erik Dolch.

„De facto stehen wir also auf der Straße“

Laut Dolch sieht das Leitungsteam keine Verwendung mehr für die 404 aktiven Betreuer. „De facto stehen wir also auf der Straße“, so Dolch. Auch menschlich sei man von der Art und Weise der Entscheidung enttäuscht. Dolch zufolge wurde es den Betroffenen weder persönlich noch schriftlich von den Entscheidungsträgern mitgeteilt, sondern lediglich durch den nicht stimmberechtigten Abteilungsleiter Martin Hämmerle. „Falls uns ein alternatives Konzept oder eine schlüssige Begründung geliefert worden wäre, wäre es vielleicht einfacher gewesen, diese Entscheidung zu verstehen. Aber niemand aus dem Leitungsteam hat uns persönlich kontaktiert und über die Entscheidung informiert“, so Erik Dolch weiter.

In einer Stellungnahme der Sportjugend in Bezug auf diesen Vorwurf heißt es: „Martin Hämmerle ist der Leiter der Abteilung Sportjugend im LSB Rheinland-Pfalz. Er ist beratendes Mitglied im Leitungsteam. Er hat die Mitarbeiter seiner Abteilung persönlich und über die Mitarbeiter die Mitglieder des Beirats am Montag, den 02.03.2020, über die Entscheidung informiert.“

Mehrere Gespräche fanden statt

In einem offenen Brief an die Verantwortlichen heißt es, dass das Ressort Freizeiten der Sportjugend des LSB weder im geschäftsführenden Vorstand noch auf der Vollversammlung oder in dem für die Reformierung beauftragten „Leitungsteam“ Mitspracherecht hatte. Auf Anfrage von Merkurist äußert sich der Abteilungsleiter Hämmerle dazu: „Der Beirat ist laut der neuen Geschäftsordnung der Sportjugend des Landessportbundes RLP im Leitungsteam nicht mehr stimmberechtigt und somit kein offizielles Organ innerhalb der Sportjugend. Es haben mehrere Gespräche zwischen dem Leitungsteam und dem Beirat stattgefunden, die nicht zu einer gemeinsamen Lösung geführt haben.“

Laut Dolch bleiben den Teilnehmern noch die Sportfreizeiten der regionalen Sportjugenden oder die anderer Bundesländer: „Profitieren könnte davon die Sportjugend Hessen, die ebenfalls erfolgreich Freizeiten anbietet und überlegt, durch den Wegfall in RLP ihr Angebot zu vergrößern“, so Dolch. Laut Hämmerle gibt es Optionen für die Betreuer. „Es gibt in unterschiedlichen Projekte im organisierten Sport weiterhin die Möglichkeit sich zu engagieren. Das sind zum Beispiel Freizeitmaßnahmen der regionalen Sportjugenden, Fachverbände, Freiwilligendienste, internationale Begegnungen oder die Aktion ‘Ferien am Ort’“, so Hämmerle.

Keine Gespräche über Wiederaufnahme

Laut Hämmerle gibt es keine Gespräche darüber, die Freizeiten doch wieder anbieten zu können. Alternativen jedoch schon: „Viele Vereine bieten Feriencamps und Freizeitmaßnahmen an. Hier sind wir im ständigen Austausch mit der Politik, um die Förderung durch das Land Rheinland-Pfalz, die Kreise und Städte weiter auszubauen. Das ist unsere Kernaufgabe, zu der wir wieder zurückwollen“, so Hämmerle.

Demotivieren lassen sich die Betreuer allerdings nicht. So heißt es im Brief: „Wir werden uns weiterhin für Kinder und Jugendliche im Sport engagieren, da wir der Meinung sind, dass diese nicht unter regionalen Verteilungskämpfen leiden sollten. Allerdings müssen wir uns hierfür gezwungenermaßen eine neue ‘Heimat’ suchen.“ Im Hinblick auf die Sommerfreizeiten 2020 habe man sich dem Brief zufolge dazu entschieden, wie geplant zu fahren und nicht „in destruktive Boykottstimmung zu verfallen“. (mo)

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