Wer ist der Mainzer Graffiti-Künstler „Leif“?

Die Blaumeise am Hauptbahnhof, die Zugente in der Neustadt, ein Strandabschnitt an einer Bushaltestelle: Das sind nur ein paar der Werke, die der Mainzer Graffiti-Künstler Leif in Mainz gesprüht hat. Wir haben ihn einen Tag beim Sprayen begleitet.

Wer ist der Mainzer Graffiti-Künstler „Leif“?

Ein farbloser Stromkasten steht am Straßenrand der Anzengasse in Mainz-Bretzenheim. Rundherum stehen Spraydosen in vielen unterschiedlichen Farben auf dem Boden. Ein Mann mit einer Atemmaske macht sich ans Werk, den Stromkasten zu verschönern. Aus dem Kasten soll in wenigen Stunden ein Kunstwerk werden - eines der vielen, die der Mainzer Graffiti-Künstler „Leif“ die Mainzer Innenstadt schon gesprüht hat.

Der Künstler hinter den Motiven

Der Stromkasten in der Anzengasse ist nur eines von vielen Projekten, an denen Leif gerade arbeitet. Für dieses Projekt nimmt er sich am Vormittag ein paar Stunden Zeit - immerhin muss der Kasten auch erstmal vorbereitet werden: „Ich sprühe mir erstmal die Konturen vor“, erzählt Leif. Innerhalb von wenigen Minuten entstehen auf dem weißen Stromkasten erste Figuren - Mioshe und Zippy aus dem Kinderbuch „Wo die wilden Kerle wohnen“ sind schon zu erkennen. Leif nutzt allerdings keine Schablone für seine Bilder: Als Vorlage dient ihm nur ein kleines Heft, ein Auszug aus dem Kinderbuch.

„Gezeichnet habe ich schon immer. Also das muss bei einem Sprayer nicht so sein, aber ich habe als Kind schon für meine Eltern gezeichnet und hatte auch in Kunst immer gute Noten. Irgendwann habe ich dann einen ‘Sprayer der ersten Generation’ bei mir in der Klasse gehabt. Das war schon ziemlich cool, weil es etwas komplett anderes war“, erzählt er. Seine Begeisterung für die Kunst kam schon früh - beeinflusst hat ihn dabei auch die Hip-Hop-Kultur. „Hier gibt es einen Zusammenhang zwischen der Musik und der Kunst. Das ging irgendwann Hand in Hand.“

Dennoch musste man früher kreativ werden, wenn man die Bilder anderer Künstler sehen wollte - dies sei schnell mal zum Abenteuer geworden: „In der Zeit gab es ja auch noch kein YouTube oder ähnliches, man konnte nicht einfach mal gucken, wer macht denn was. Man musste hinfahren, die Bilder suchen, manchmal die Bahnlinie ablaufen, um die Bilder anzugucken. Also es war etwas komplett anderes, als es heute ist, aber das war schon auch eine coole Zeit.“

Von wilden Linien hin zum fertigen Bild

Nach und nach füllt sich die Fläche des Kastens mit Leben: Aus den ersten Linien sind Figuren geworden. Nach den ersten Konturen geht es an die Farben. Schnell sprüht Leif in verschiedenen Grüntönen die Bäume und Büsche im Hintergrund. Und auch die beiden Monster bekommen langsam Farbe. Zwischendurch fragt er: „Wie viel Uhr haben wir eigentlich?“ Dass er zu diesem Zeitpunkt schon fast zwei Stunden ohne Pause gesprüht hat, das hat er gar nicht gemerkt.

Zu seinem Hauptberuf hat er das Sprühen allerdings erst vor Kurzem gemacht. Für diese Entscheidung hat er einen „kleinen Schubs vom Schicksal“ bekommen: „Ich habe immer wieder nebenbei Aufträge gemacht. Ich war vorher 30 Jahre bei Opel, aber als dann Opel an PSA verkauft wurde, habe ich die Gelegenheit genutzt und die Abfindung genommen. Damit konnte ich mich mit der Abfindung im Rücken ganz auf das Sprayen konzentrieren.“

Über die Entscheidung habe er lange mit Freunden und Familie gesprochen - da seien allerdings nicht alle einer Meinung gewesen. „Die meisten haben mir gut zugeredet, fanden es aber schon ein wenig verrückt. Es ist ja immer noch Kunst. Aber ich dachte, ich probier’s einfach. Es war nicht planbar, dass es so gut funktioniert“, erzählt Leif. „Da habe ich freitags bei Opel aufgehört und montags schon bei Wildwechsel, einem Mainzer Fahrradladen, angefangen, um dort neben meinen Aufträgen als Sprayer zu arbeiten. Ich kenne die Jungs schon lange und dachte mir, komm, machst du mal was anderes. Ja und dann kam Corona. Dann ging erstmal nichts mehr, da habe ich meine Kunst noch mehr gepusht.“

Direkte Reaktionen auf die Arbeit

Während Leif weiter an seinem Bild arbeitet, bleiben in der Straße immer wieder Menschen stehen und beobachten ihn. Kinder aus der Nachbarschaft kommen neugierig immer näher und freuen sich, wenn sie das Motiv erkennen. Auch die Radfahrer, die nur kurz an der Straßenecke vorbeifahren, drehen sich um. Nach knapp fünfeinhalb Stunden Arbeit ist Leif fertig. Auf dem zuvor leeren Stromkasten lächeln den Passanten nun Mioshe und Zippy, die Figuren aus dem Kinderbuch, entgegen.

Mit dem Ergebnis sind auch die Auftraggeber, eine Familie, neben deren Haus der Kasten steht, zufrieden: „Es ist wirklich super geworden. Wir und die ganze Nachbarschaft freuen uns riesig.“ Genau für diese Momente macht Leif diese Arbeit. „Ich finde es super, dass man ein direktes Feedback bekommt. Das ist nicht in allen Berufen so.“ Dass die Menschen so positiv auf Graffiti-Sprüher reagieren, das sei aber nicht immer so gewesen. „Früher dachten die Leute oft, das wären alles schwarz vermummte Gestalten und halbe Verbrecher und haben sich oft die schlimmsten Personen vorgestellt.“ Allerdings könne er natürlich auch die Leute verstehen, deren Hauswand beschmiert wurde. Da sei es nachvollziehbar, dass sie dies nicht gut finden.

Dennoch, seitdem habe sich viel verändert, sagt Leif: „Ich finde es ganz gut, dass die Kunst es auch geschafft hat, akzeptiert zu werden. Aber gerade meine Stromkasten-Aktion zeigt, wie positiv die Leute mittlerweile auf die Graffiti reagieren.“ (df)

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