Macht, Gier, Käuflichkeit: Die Laster der Menschheit auf großer Mainzer Bühne

Dem Stück „Besuch der alten Dame“ am Mainzer Staatstheater sieht man sein Alter nicht an: 70 Jahre nach der Uraufführung ist die Mainzer Inszenierung ein Spektakel aus eindrucksvoller Bildsprache und grandiosen Schauspielern.

Macht, Gier, Käuflichkeit: Die Laster der Menschheit auf großer Mainzer Bühne

Vor genau 70 Jahren brachte Friedrich Dürrenmatt ein Stück auf die Bühne, dessen Themen die Menschen damals wohl gleichzeitig schockiert und mitgerissen haben. Im Fokus stehen ein unmoralisches Angebot und die Verführungskraft des Geldes, die Zerrissenheit der Menschen zwischen Wohlstand und scheinbarer Gerechtigkeit. Und die Suche nach dem Schuldigen.

Nun wird das Stück am Staatstheater Mainz gezeigt, und immer noch ist man als Zuschauer hin- und hergerissen zwischen der Grausamkeit der beiden Hauptfiguren und der Stadtbewohner, die sich schleichend, aber dann doch ganz selbstverständlich und scheinbar gewissenlos zwischen Geld und Moral entscheiden.

Erschreckende Parallelen zur Gegenwart

Es geht um die großen Laster der Menschheit: Gier, Macht und Rache, alles verpackt in einer „Tragikkomödie“, bei der einem oft genug das Lachen im Halse steckenbleibt – die symbolischen Parallelen zur heutigen Zeit sind erschreckend.

Im Mittelpunkt: die alternde Multimilliardärin Claire Zachanassian, die nach 45 Jahren ihren inzwischen verarmten Heimatort Güllen besucht. Der wahre Grund für ihren Besuch ist es, Rache zu nehmen an Alfred, der sie vor 45 hintergangen hat und wegen dem sie die Stadt noch in jungen Jahren und schwanger verlassen musste. Ihm gibt sie die Schuld dafür, „was aus ihr geworden ist“.

Mit Leichtigkeit schafft sie es, die komplette Stadtgemeinschaft in Verantwortung zu nehmen. Die Zustände im heruntergekommenen Güllen werden immer grotesker und chaotischer. Sehr schnell zeigt sich, wie verführerisch Wohlstand und die Aussicht auf Reichtum sind und wie Menschen dafür über Leichen gehen.

Überragende Bildsprache

Meisterhaft schafft es Leonardo Raab in der Mainzer Inszenierung, diesen Irrsinn der Menschheit mit einer überragenden Bildsprache in die Gegenwart zu katapultieren. Im perfekten Zusammenspiel von Bühnenbild, Kostüm, Sound und vielen fantastischen Details führt die Inszenierung das Groteske, das Dürrenmatts Stück ausmacht, auf die Spitze – ohne dass sie ins Exzessive abkippt.

Sinnbildlich treten da die namenlosen und verwahrlosten Güllener als graue, verhärmte Gestalten auf, allesamt Zerrbilder ihrer Selbst. Im krassen Kontrast zu der grauen Masse schreitet die schillernde Figur der Milliardärin über die Bühne, mit ihren knallroten Haare und ihren pompösen Auftritten in Gold und Weiß. Sie ist der Inbegriff von unermesslichem Reichtum und Macht, von Herrschaft und Autorität – und das ausnahmsweise mal in Gestalt einer Frau.

Großartig gespielt von Andrea Quirbach, betrachtet diese Claire Zachanassian das Geschehen in Güllen von oben herab, ein Mischwesen aus Mensch und harten „Ersatzteilen“. Weiß sie doch genau, dass sie jeden einzelnen hier wie Marionetten führen kann. Ihr Geld gibt ihr absolute Macht: über die Menschen, die Zukunft, die Welt. Oder wie sie selbst profan sagt: „Man kann alles kaufen.“ Ein Gedanke treibt sie an: „Die Welt machte mich zu einer Hure, nun mache ich sie zu einem Bordell!“

Verlangen nach Rache

Getrieben wird Claire, geborene Klara Wäscher, von dem unbändigen Verlangen nach Rache an Alfred Ill, der sie in jungen Jahren so schändlich und selbstgefällig hintergangen hat. Ill (Martin Herrmann), der anfangs so arrogant und überheblich auftritt, triftet nach und nach in Wahnsinn und Verzweiflung ab, als er von „seiner“ Klara zum Tode verurteilt wird. Auf die Vollstreckung wartet sie und macht es sich indes gemütlich, mit Ehemann Nummer 8 und 9 und ihrem Butler (Béla Milan Uhrlau).

Denn sie weiß: Die Menschen quälen sich zwar, sie drehen sich im Kreis (auf der Bühne wie im Leben) – aber nur so lange, bis es nicht mehr aushaltbar ist und sie gemeinsam (oder auch jeder einzelne) den Mord an ihrem Mitbürger beschließen, den sie kurz zuvor noch als „die beliebteste Persönlichkeit in Güllen“ geehrt hatten. Ein Mord natürlich nur „der Gerechtigkeit wegen“.

Verführbarkeit und verletzter Stolz, Gier und der unerschütterliche Wunsch nach Wohlstand, nach „Glück“ treiben die Menschen damals wie heute an. Ein gefundenes Fressen für windige Machtmenschen, die genau diese Gewissheit für ihre Zwecke ausnutzen. Ob es nun Donald Trump ist, der 5000 Euro für Wählerstimmen zu zahlen verspricht, wie Intendant Markus Müller sagt, oder eine rachegeleitete Milliardärin, die Ill sogar nach seinem Tod für sich vereinnahmt.