Wilhelm-Leuschner-Schule will keine Resteschule werden

Die Pläne der Stadt Wiesbaden, in Kastel ein neues Gymnasium zu bauen, stoßen den Lehrern und der Schulleitung der Kostheimer Gesamtschule sauer auf. Sie fordern statdessen eine stärkere Förderung von integrierten Gesamtschulen.

Wilhelm-Leuschner-Schule will keine Resteschule werden

Mit großem Stolz hatte Schuldezernent Axel Imholz vergangene Woche verkündet, dass es in Wiesbaden schon bald zwei neue Gymnasien geben wird. Schon ab 2021 könnte eine Schule in Dotzheim stehen, eine andere bis 2027 in Kastel. Besonders der zweite Standort sorgt aber in der Kostheimer Wilhelm-Leuschner-Schule für großen Unmut. Die Gesamtschule befürchtet, dass ihre Schule und Schulform durch das neue Gymnasium direkt vor der Tür abgewertet werden.

Gute Arbeit wird zerstört

„Ein Gymnasium in Kastel macht die jahrelange Arbeit in der Wilhelm-Leuschner-Schule kaputt“, sagt René Scheppler von der Lehrergewerkschaft GEW Wiesbaden. Die Gesamtschule habe durch die hervorragende Arbeit der Lehrer ihren schlechten Ruf als Brennpunktschule immer mehr abbauen können. Viele Lehrer hätten sich jahrelang „den Arsch aufgerissen“ und fühlen sich jetzt von der Wiesbadener Politik hintergangen.

„Wenn Eltern von Viertklässlern die Wahl haben zwischen einer IGS und einem Gymnasium in unmittelbarer Nähe haben, wird in den meisten Fällen das Gymnasium gewählt“, sagt Scheppler. Das belegen auch die Zahlen — Laut dem staatlichen Schulamt steigt die Zahl der Anmeldungen für Gymnasien stetig. Mittlerweile werden über die Hälfte der Wiesbadener Kinder an Gymnasien angemeldet, obwohl diese Schulform nach der Grundschule nicht für alle empfohlen wird. Dadurch tritt ein Prozess in Gang, den Scheppler als „Abschulen“ bezeichnet: „Einige Kinder sind schon in der 5. und 6. Klasse stark vom Gymnasialstoff überfordert und müssen früh einen Schulwechsel vornehmen.“ Die GEW spricht von etwa 20 Prozent eines jeden Jahrgangs, die diesen Vorgang durchleben.

Hier sehen sowohl die GEW als auch die Leuschner Schule die klaren Stärken einer Integrierten Gesamtschule. „An einer IGS fällt dieser frühe Druck weg, da alle Kinder gemeinsam lernen“, sagt Schuldirektor Roland Herrmann. Den Eltern müsse klar sein, dass ihr Kind auch mit einer Einschulung in eine IGS gute Chancen habe, später einen akademischen Abschluss zu bekommen, so die GEW.

Bekenntnis zur Gesamtschule

Um das zu erreichen, fordert die Leuschner Schule die Wiedereinführung der gymnasialen Oberstufe in ihrem Haus. „Dann haben Eltern die Gewissheit, dass ihr Kind beim Wunsch das Abitur zu machen, nicht nach der 10. Klasse erneut die Schule wechseln muss“, sagt Herrmann. Durch die neuen Gymnasien fürchtet die Schule jetzt aber, dass diese Pläne vom Tisch sind. „Wir könnten in ein bis zwei Jahren eine Oberstufe schaffen, dazu brauchen wir aber die Unterstützung der Stadt“, sagt Andreas Resch, stellvertretender Schulleiter der Leuschner-Schule. Darüber hinaus befinde sich die Schule in einem baulich sehr schlechten Zustand. In einigen Räumen sei bei sehr niedrigen oder hohen Temperaturen oft tagelang kein Unterricht möglich.

Die Situation sei aber kein alleiniges Problem der Leuschner-Schule, sondern eines der gesamten hessischen Schulpolitik, denkt Christoph Hahn, Vorsitzender der GEW Wiesbaden: „Durch solche Entscheidungen wie die in Wiesbaden steuern wir auf ein zwei-gliedriges Schulsystem zu, bei dem die Gymnasien die erste Wahl und die Gesamtschule nur eine ‘Restschule’ ist.“ Daher fordert die GEW, dass die IGS langfristig als Schule für alle in Hessen etabliert wird.

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