Häusliche Gewalt: Ist sie in der Corona-Zeit gestiegen?

Ausgangssperren und Kontaktbeschränkungen, Homeoffice und Kurzarbeit haben dafür gesorgt, dass es vielerorts eng zuhause wurde. Viele befürchteten, dass nun die häusliche Gewalt zunehmen wird. War das tatsächlich so?

Häusliche Gewalt: Ist sie in der Corona-Zeit gestiegen?

Um fünf Prozent sind die Kriminalfälle in Rheinland-Pfalz im Vergleich zum Vorjahr zurückgegangen, so steht es in der aktuellen Kriminalstatistik des Polizeipräsidiums Mainz. „Die Rückgänge stehen insbesondere mit dem ersten Lockdown und den damit verbundenen Einschränkungen wie geschlossene Geschäfte, verwaiste Innenstädte oder abgesagte Veranstaltungen in Verbindung“, heißt es von Seiten der Landesregierung.

Geringfügig zugenommen haben die Sexualstraftaten. Hier stieg die Fallzahl um etwa 13 Prozent. Die „Verbreitung pornografischer Schriften“ ist um fast 30 Prozent angewachsen. Die Gewalt in „engen sozialen Beziehungen“ ist von 1500 im Jahr 2019 auf 1600 im vergangenen Jahr leicht gestiegen. Darunter zählt in erster Linie vorsätzliche einfache Körperverletzung, aber auch gefährliche Körperverletzung, Bedrohung, Nachstellung und Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung.

Frauennotruf: geringfügig mehr Beratungen

Beim Frauennotruf Mainz ging die Zahl der Beratungsanfragen mit den ersten Kontaktbeschränkungen im Frühjahr 2020 zunächst stark zurück. „Nach intensiver Öffentlichkeitsarbeit nahmen Anfragen und Beratungsgespräche ab Mitte Mai wieder zu und erreichten letztlich ein Niveau wie vor Corona“, heißt es in einer Presseerklärung. 461 Personen haben während des Jahres Unterstützung beim Frauennotruf gesucht, 62 mehr als im Vorjahr. Rund 250 davon waren selbst betroffene Frauen.

„Deutschland war nie in einer vergleichbaren Situation wie in China, Italien, Spanien und Nahost“, sagt Anette Diehl von der Fachstelle zum Thema Sexualisierte Gewalt des Frauennotrufs. „Weder gab es hierzulande einen Lockdown wie dort, noch waren Schutzräume unerreichbar. Das ambulante Hilfesystem in Rheinland-Pfalz funktionierte weiter.“

Ihre Kollegin Eva Jochmann ergänzt, dass teilweise aber Krisen wieder aufgetaucht sind, die „in Folge zurückliegender sexualisierter Gewalt entstanden sind.“ Ein Grund waren die auferlegten Kontaktbeschränkungen. „Dadurch waren zum Beispiel wichtige Unterstützungen und Kontakte eingeschränkt oder sind ganz weggefallen.“ Denn Therapien und Selbsthilfegruppen mussten in Pandemiezeiten abgesagt werden. Auch Sport und private Kontakte fehlten.

Zuhause fehlen oft Schutzräume für belastende Gespräche

Stattdessen mussten alle laufenden Beratungen für kurze Zeit umgestellt werden auf telefonische Unterstützungsgespräche. „Das hat nicht in allen Fällen gut funktioniert“, so Jochmann. „Einige wollten lieber abwarten, bis wieder persönliche Beratungen möglich sind.“ Es könne schwierig sein, dauerhaft auf telefonische Beratung umzustellen, weil zum Beispiel zuhause ein Schutzraum für belastende Gespräche fehle.

Prinzipiell appellieren die Beraterinnen vom Frauennotruf, keine Hemmungen zu haben, Kontakt aufzunehmen - sowohl Betroffene selbst als auch Angehörige. „Es gibt keine Entschuldigung für sexualisierte Übergriffe und Gewalt: Nicht das Corona-Virus ist schuld, sondern die gewalttätige Person ist verantwortlich für das eigene Handeln!“

Der Frauennotruf berät Frauen und Mädchen ab 14 Jahren, die sexualisierte Gewalt erleben oder erfahren haben. Die kostenlosen und auf Wunsch anonymen Beratungen können per Telefon, E-Mail oder online stattfinden. Mehr Infos hier.

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