Anruf aus Charkiw: „Das Schreckliche ist, dass kein Ende in Sicht ist“

Dmitry wollte eigentlich nur ein paar Tage bei seiner Familie in Charkiw verbringen. Doch ein paar Tage nach seiner Ankunft bricht der Krieg in der Ukraine aus. Täglich gibt es Explosionen und Raketeneinschläge. Wir haben mit ihm telefoniert.

Anruf aus Charkiw: „Das Schreckliche ist, dass kein Ende in Sicht ist“

Eigentlich wollte Dmitry Khapilin nur ein paar Tage bei seiner Familie in Charkiw verbringen, sie besuchen. Doch gesehen haben wir ihn seitdem nicht mehr. Denn drei Tage nach seiner Ankunft bricht der Krieg in der Ukraine aus. Nun sitzen er, seine kleine Schwester und seine Eltern in der Wohnung fest. Wie sieht der Alltag aus, wenn man mitten im Kriegsgebiet lebt? Wir haben mit dem Kollegen des Merkurist-Schwesterunternehmens WiWin per WhatsApp gesprochen.

„Jetzt ist es gerade seit 40 Minuten ruhig, wir können also telefonieren“, schreibt Dmitry. Den ganzen Vormittag waren Schüsse zu hören, Düsenjets sind geflogen, der Friedensplatz in Charkiw wurde bombardiert, Raketen sind mitten in der Stadt eingeschlagen. Dmitry Familie wohnt mitten in der Stadt, zwar noch weit genug weg von der Stadtverwaltung, aber gefährlich ist es hier trotzdem.

Wasser- und Stromversorgung funktionieren noch

Vor vier Jahren ist Dmitry nach Worms gezogen, hat dort mit 21 Jahren sein Studium begonnen und arbeitet seit einem dreiviertel Jahr bei WiWin in Mainz als Werkstudent im Business Development. Die Reise nach Charkiw war lange geplant, verlief dann aber sehr chaotisch. Er habe von Berlin aus das Flugzeug nehmen müssen, vorher musste er in mehrere Züge umsteigen, war ewig unterwegs. „Als sei das ein Zeichen gewesen, nicht zu fahren“, sagt Dmitry im Rückblick.

„Ich hätte mir nicht vorstellen können, dass meine Familie dort ist und ich in Deutschland bin.“ - Dmitry in Charkiw

Doch nun ist er trotzdem froh, in Charkiw zu sein, bei seiner Familie. „Ich hätte mir nicht vorstellen können, dass sie dort sind und ich in Deutschland bin.“ Sie seien versorgt, haben genügend Lebensmittel und Wasser auf Lager. Strom, Internet, Wärmeversorgung funktionieren noch. Das Auto ist vollgetankt und steht abfahrtbereit vor der Tür.

Die Wohnung verlassen die Khapilins jedoch nur noch, um den Müll rauszubringen. Sperrstunde gilt nun bereits ab 13 Uhr, auf die Straße dürfen die Menschen also sowieso nur noch vormittags. So selten wie möglich stellt sich die Familie in die Schlange vor dem Supermarkt zum Einkaufen an. „Das letzte Mal sind Düsenjets über uns drübergeflogen, nur drei Kilometer entfernt sind Bomben in den Flugplatz eingeschlagen, die Menschen sind in Panik weggelaufen“, erzählt er. Er ist geblieben, hat Essen gekauft und ist wieder nach Hause gegangen.

Nachts schlafen alle in Kleidung, damit sie bei einem Einschlag sofort flüchten können, in das Innere des Gebäudes, wo die tragenden Wände sind, oder in den zwei Minuten entfernten U-Bahn-Tunnel. „Schlafen und essen ist sowieso kaum mehr möglich, ich werde bei jedem Geräusch wach und schaue auf mein Handy, wo der Beschuss herkommt, ob und wo die Bomben explodieren und vor allem, welchen Weg sie nahmen.“ Er habe inzwischen gelernt, die Waffen an ihren Geräuschen zu unterscheiden. Gefürchtet sind vor allem die Hagelkanonen, die im weiten Umkreis alles zerstören.

Verlassen können sie die Stadt nicht

„Wir haben keine Panik, keine Angst, sonst wären wir nicht in unserer Wohnung“, sagt Dmitry „Wir erschrecken noch nicht einmal mehr bei einer Explosion.“ Weg können sie nicht, er und sein Vater haben Wehrpflicht, selbst seine vierjährige Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland befreit Dmitry nicht davon. Seit Tagen versuchen sie, seine Mutter, seine neunjährige Schwester und seine Großeltern zu überreden, dass sie fliehen. „Sie wollen nicht.“ Denn ungefährlich wäre eine Flucht nicht: Charkiw liegt in der Ostukraine, die nächste Grenze im Südwesten ist mindestens 800 Kilometer entfernt, der Weg dorthin hochgefährlich. „Und falls wir es schaffen würden rauszukommen, bringt uns das wenig“, sagt er. Denn die Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland ist sehr begrenzt – aktuell 180 Tage. Eine Möglichkeit, derzeit längerfristig zu bleiben, gebe es nicht. „Wir schauen immer nach Möglichkeiten, ob sich irgendwo etwas ergeben würde.“

„Dass Europa jetzt Waffen schickt, macht alles nur noch schlimmer“ - Dmitry Khapilin

Alles, was Dmitry und seine Familie sich wünschen, ist, dass endlich Frieden einkehrt. „Dass Europa jetzt Waffen schickt, macht alles nur noch schlimmer“, sagt er. „In diesem Krieg gibt es kein richtig und kein falsch mehr, sondern nur noch falsch.“ Inzwischen würden die ukrainischen Soldaten aus den Wohngebieten heraus schießen, angeblich weil die Russen gesagt hätten, dass sie nicht auf zivile Ziele schießen. „Doch die werden doch zurückschießen!“ sagt Dmitry wütend. Geld an die Armeen zu geben, sei zusätzlicher „Spiritus ins Feuer“. Einzig Israel habe sinnvoll Hilfe geleistet, indem es Ärzte ins Land geschickt habe. „Das Schreckliche ist, dass kein Ende in Sicht ist, wir verlieren unsere Häuser, unsere Verwandten. Wir wollen doch einfach nur unser Leben zurück, so etwas hat doch niemand verdient!“

Wir werden weiter mit Dmitry in Kontakt bleiben.

Hinweis:

Geschäftsführer der WiWin GmbH ist Matthias Willenbacher, der seit Anfang des Jahres 2021 auch Inhaber von Merkurist ist.

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