Unfallopfer gefilmt: Wie abgestumpft seid Ihr?

Ein Toter, 23 Verletzte: Am Morgen nach dem schrecklichen Busunfall am Hauptbahnhof ist das die traurige Bilanz. Im Netz kursieren Handyvideos von den Opfern – eine Schande, findet unsere Autorin.

Unfallopfer gefilmt: Wie abgestumpft seid Ihr?

Scherben, Blaulicht, unzählige Rettungskräfte: Das ist das Bild, das sich am Donnerstagabend vor dem Wiesbadener Hauptbahnhof bot. Am Tag nach dem schrecklichen Unfall steht Wiesbaden noch immer unter Schock. Ein Linienbus war gegen mehrere Autos, einen weiteren Bus und in eine Haltestelle gekracht. Die Bilanz der Polizei am Freitagmorgen: 23 Verletzte, ein Mann, der seinen Verletzungen im Krankenhaus erlag.

Im Netz häufen sich die Beileidsbekundungen, viele Menschen drücken ihr Mitgefühl mit Opfern und Angehörigen aus. Menschlichkeit, die einigen anderen Personen am Donnerstag nicht geschadet hätte. Denn in den sozialen Medien und über WhatsApp kursieren Videos, die direkt nach dem Unfall aufgenommen wurden – mit dem Handy in der Hand, während Menschen vor, neben, hinter den Filmern verletzt am Boden liegen oder im Bus sitzen, Augenzeugen vor Panik schreien.

Ich frage Euch, Handy-Filmer: Was bewegt Euch dazu, in einem solchen Moment das Smartphone zu zücken und draufzuhalten – und das, obwohl rundherum alles im Chaos versinkt? In ein Unfallauto, in einen Bus zu filmen, anstatt die Opfer darin anzusprechen, zu helfen, zu beruhigen?

Und anstatt mitanzupacken oder wenigstens nicht im Weg zu stehen, haltet Ihr drauf.

Hier wurden 23 Menschen verletzt, eine Person getötet. Und anstatt mitanzupacken oder wenigstens nicht im Weg zu stehen, haltet Ihr drauf. Ist es, damit Ihr Euren Freunden Euer „krasses Video“ von dem „krassen Unfall“ am Bahnhof schicken könnt? Es scheint so - zumindest verbreiten sich die Videos auch über verschiedene Messengerdienste wie ein Lauffeuer.

Dass dabei verletzte, blutende, eingeklemmte Menschen zu sehen sind, kümmert Euch offenbar nicht. Wie würdet Ihr Euch fühlen, wenn Ihr verunfallt – und Ihr statt in menschliche Gesichter in Handykameras schauen müsstet, während Ihr hilflos am Boden liegt? Wenn Ihr Eure Angehörigen schwer verletzt in einem Amateurvideo sehen würdet? Die Videos zeigen, wie abgestumpft Teile unserer Gesellschaft längst sind.

Die Polizei ist am Abend bestimmt gegen Gaffer vorgegangen, die Bilder und Videos von der Einsatzstelle machen wollten. Doch die schlimmsten Videos entstanden, als noch keine Beamten vor Ort waren. Ihr, die Ihr am Donnerstagabend lieber gefilmt habt als zu helfen, solltet Euch schämen. Gleiches gilt aber auch für alle, die die Videos blind an ihre Freunde und Bekannten weiterleiten. Nur weil Ihr die Videos nicht selbst gemacht habt, seid Ihr nicht frei von jeder Verantwortung. Wer ein Handy nutzt, sollte verantwortungsvoll damit umgehen können – oder es um unser aller Willen in die nächste Mülltonne werfen. (ts/nl)

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