Mainz will Verkehr in der Stadt reduzieren

Es wird heißer, Unwetter werden häufiger. Gerade in Städten könnte es in Zukunft unangenehm werden. Welche Maßnahmen plant Mainz, um sich auf das verändernde Klima einzustellen? Wir haben nachgefragt.

Mainz will Verkehr in der Stadt reduzieren

Es fehlt der Luftaustausch, es gibt wenig Grün und dafür viel Asphalt: Innenstädte haben keine guten Voraussetzungen, um gerade im Sommer der „aufgeheizten Atmosphäre“ etwas entgegenzusetzen. Auch Starkregenereignisse und Stürme könnten in Städten beachtliche Schäden verursachen. Darauf wies unlängst der Präsident des Landesamts für Umwelt Rheinland-Pfalz, Dr. Frank Wissmann, hin. Gleichzeitig seien Städte für rund 80 Prozent des weltweiten Energieverbrauchs und für über 70 Prozent der CO2-Emissionen verantwortlich.

Heiße Sommer werden zum Problem

Das Umweltamt gab nun eine Broschüre heraus, mit Studien und Vorschlägen, wie sich Städte auf den Klimawandel einstellen können, welche Maßnahmen und Vorkehrungen helfen könnten. Demnach können gerade die heißen Sommer zum Problem werden. Vor allem dann, wenn sich die Stadt tagsüber immer wieder aufheizt und nachts nicht mehr ausreichend abkühlt. Gerade dunkle Oberflächen von Gebäuden, Straßen, Gehwegen und Plätzen erwärmen sich laut Aussagen des Umweltamts stark und speichern dann die Wärme für eine längere Zeit. Verstärkt werde dieser Effekt zusätzlich durch Verkehr oder die Abwärme von Klimaanlagen. So gebe es in Gebieten mit „lockerer Bebauung“ nur halb so viele heiße Tage als in dicht bebauten Städten.

Auch die Stadt Mainz will Strategien entwickeln, um sich an das Klima anzupassen. „Die Erstellung einer Strategie ist in Vorbereitung, ein entsprechender Fördermittelantrag wurde im Januar 2022 eingereicht“, erklärt Pressesprecher Ralf Peterhanwahr auf Anfrage. Die Stadt habe außerdem den langfristig zu erwartenden Klimawandel durch den Deutschen Wetterdienst berechnen lassen.

Verkehr reduzieren, Parkplätze verlagern

Im Mittelpunkt stehe dabei, wie künftig in Mainz gebaut und räumlich geplant werden soll. Ziel sei es etwa, den Verkehr in der Stadt zu reduzieren und Parkplätze zu verlagern. Flächen sollen entsiegelt, neue Bäume gepflanzt werden. Dazu gehören auch „großzügige Baumscheiben, wassergebundene Decken und das Anlegen von Pflanzenbeeten.“

Es sollen „Kaltluftbahnen“ und „Kaltluftentstehungsflächen“ entstehen, um Frischluft zu fördern. In die Flächennutzungspläne sollen Gutachten mit einfließen, die etwa den Baum- und Artenschutz sowie die Bewirtschaftung mit Niederschlagswasser berücksichtigen. „Ziel war es, die Aufenthaltsqualität für Bewohner:innen und Besucher:innen zu erhöhen und das Stadtbild dem Ort entsprechend angemessen zu gestalten“, so Peterhanwahr.

Bei den Plänen komme es immer darauf an, wie hoch und wie groß ein Gebäude sowie seine Nebenflächen seien, wieviel Fläche bereits versiegelt und überbaut sei. Versiegelungen, Stein- und Schottergärten sollen dabei möglichst vermieden werden, stattdessen sollen nicht bebaute Flächen sowie Dächer und Fassaden, Carports und Überdachungen von Mülltonnen begrünt werden. Dazu wurde die bestehende Grünsatzung überarbeitet (wir berichteten) und soll nun vom Stadtrat beschlossen werden.

„So kann das Ziel erreicht werden, substanziell mehr Grün im Stadtgebiet auf Grundstücken mit neuen Bauanträgen zu erhalten“ – Stadt Mainz

Prinzipiell sollen Bäume, Sträucher, Grün- und Ausgleichsflächen geschaffen und erhalten werden. Bei Sanierungsmaßnahmen von Grünanlagen sollen die Folgen des Klimawandels „mitgedacht“ werden. Konzepte zur Energieversorgung sind in Planung und sollen in städtebaulichen Verträgen festgehalten werden. „So kann das Ziel erreicht werden, substanziell mehr Grün im Stadtgebiet auf Grundstücken mit neuen Bauanträgen zu erhalten“, heißt es von Seiten der Stadt.

Erschwert werde gerade bei neu geplanten Plätzen die Suche nach geeigneten Baumstandorten jedoch dadurch, dass auch der Boden unter der Oberfläche bebaut ist: durch ein laut Stadt „dichtes unterirdisches Netz unterschiedlicher Leitungen und Kanäle“. Wurzeln schlagen können Bäume da nur schwerlich.

Maßnahmen gehen nicht weit genug

Die Konzepte der Stadt gehen einigen allerdings nicht weit genug: Der Nabu Mainz etwa kritisierte erst kürzlich, dass unklar sei, für welche Fälle die Regelungen in der geänderten Grünsatzung überhaupt gelten. „Seit Jahrzehnten setzen wir uns schon für eine ökologische Gestaltung der Grünflächen ein und hatten das auch in diversen Gesprächen mit der Stadt angeregt“, so der Vorsitzende Christian Henkes im Merkurist-Gespräch. So sei nicht deutlich, was der Zusatz bedeute, die Regelung gelte für Flächen, die „nicht für eine zulässige Nutzung benötigt werden“. Im Prinzip, so Henkes, könne man ja alles zubetonieren, etwa mit Parkplatz, Mülltonnenstellplatz, Zufahrten.

„So wäre die Kaiserstraße wieder die Prachtstraße, als die sie vor 150 Jahren erdacht und gebaut wurde, und die Grünfläche wäre endlich als solche nutzbar“ – Matthias Borsdorf , MainzZero

MainzZero fordert, die Weganteile des Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) sowie des Fuß- und Radverkehrs auf mindestens 80 Prozent zu steigern, und zwar bis 2030. So sollen etwa auch abgesenkte Bordsteine, Engstellen zum Fußverkehr und im Winter nicht geräumte Wegestrecken vermieden werden. Ein Radschnellweg könnte zudem die Innenstadt mit der Universität, mit Wackernheim und Ingelheim verbinden. Verkehrsberuhigte, begrünte Straßen sollten ebenso gefördert werden wie Rad- und Fußgängerbrücken. So soll nach den Plänen von Matthias Borsdorf von MainzZero künftig die Kaiserstraße ausschließlich von Bussen, Fahrrädern und und Fußgängern genutzt werden dürfen. „So wäre die Kaiserstraße wieder die Prachtstraße, als die sie vor 150 Jahren erdacht und gebaut wurde, und die Grünfläche wäre endlich als solche nutzbar“, sagte er bereits im März.

Dabei seien die Maßnahmen ohne große baulichen Maßnahmen und lange Genehmigungsverfahren möglich, ergänzt Armin Schulz, ehemaliger Stadt- und Verkehrsplaner bei ‚Hessen mobil‘. „Die Politik muss es einfach wollen. Das ist der entscheidende Punkt – und natürlich auch die Menschen müssen die damit verbundene Verbesserung der Lebensqualität erkennen und wollen.“

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