Gastkommentar: Beschließen ist gut – handeln ist besser

Michael Lengersdorff von „MainzZero“ kommentiert den Stadtratsbeschluss vom 24. November zum Klimaschutz.

Gastkommentar: Beschließen ist gut – handeln ist besser

Der Mainzer Stadtrat hat in seiner Sitzung am Mittwoch einem gemeinsamen Antrag der Ampelfraktion (SPD, Grüne, FDP) zugestimmt, wonach der Klimaschutz in Mainz weiter konsequent vorangetrieben werden soll (wir berichteten). Für den Klimaaktivisten und Journalisten Michael Lengersdorff * von der Initiative „MainzZero“ ein Anfang, aber noch lange nicht genug – wie er in seinem Gastkommentar beschreibt.

2017, 2019, 2021 – aller guten Dinge sind drei – wirklich? Der Mainzer Stadtrat hat sich in seiner Sitzung am 24. November bereits zum dritten Mal mit dem Themenkreis „Klimaschutz für unsere Stadt“ befasst und entsprechende Beschlüsse gefasst, die die Stadtverwaltung zum Handeln auffordern. Doch geschehen ist zu wenig, außer das viel Papier produziert wurde. Inhaltlich wertvolle, fundierte Papiere, die jedoch zum Großteil immer noch auf ihre Umsetzung warten: Solarsatzung (2017), Ausrufen des Klimanotstandes (2019) mit entsprechenden Maßnahmen und jetzt gemeinsamer Antrag der regierenden Ampelkoalition aus Grünen, SPD und FDP zu „Konsequenten Klimaschutz weiter vorantreiben“. Fünf Seiten die Hoffnung machen, dass jetzt endlich gehandelt wird. Denn das ist das Entscheidende: Mit kleinen Schritten auf den Weg machen, damit Großes erreicht werden kann. Und die Hoffnung, dass dem von der Mehrheit des Stadtrates getragenen Beschluss kurzfristig effektive, für jedermann und –frau nachvollziehbare Taten folgen.

Denn es ist höchste Zeit, nicht mehr fünf vor Zwölf, sondern eher fünf nach Zwölf. Bereits 1992 hatte der „Club of Rome“ der Weltgemeinschaft ins Stammbuch geschrieben, dass wir auf eine klimatische Katastrophe zusteuern. Doch die Rufe verhallten ebenso wie die der Weltklimakonferenz im Dezember 2015, als aufgrund wissenschaftlicher Erkenntnisse fast 200 Staaten sich darauf festlegten, die Klimaerwärmung auf „unter zwei Grad, möglichst auf 1,5 Grad“ zu begrenzen. Doch es wird weiter auf fossile Brennstoffe zur Wärme- und Stromerzeugung sowie mit Kraftstoff betriebene Fahrzeuge gesetzt – wider besseres Wissen.

Dies ist im Großen (auf Länderebene) wie auch im Kleinen (Kommunen sowie Privathaushalten) so – mit wenigen Ausnahmen, die die Zeichen der Zeit erkannt haben und den Ausbau der Erneuerbaren Energien vorantreiben. Und sich damit zukunftssicher aufstellen, die Umweltbelastungen verringern und darüber hinaus regionale Wertschöpfung durch neue Arbeitsplätze, Gewerbesteuer und lebenswerte Bedingungen für die Menschen generieren.

Apropos Menschen: Wir hängen an Bewährtem, stellen uns nur ungerne neuen Herausforderungen. Dies spüre ich manchmal selbst und ertappe mich dabei zu sagen „muss das sein“? Ja, es muss sein. Ich bin 66 Jahre, habe drei Kinder und zwei Enkelkinder. Deshalb will ich persönlich dazu beitragen, dass vor allem meine Enkelkinder später nicht sagen: „Warum habt ihr in eurer Zeit, mit eurer Generation, nicht alle Hebel in Bewegung gesetzt um unsere Erde lebenswert zu erhalten?“ Zu Recht, wie ich finde.

Denn die Weckrufe sollten unüberhörbar sein: Die Einschläge werden immer heftiger und kommen immer näher. Die Flutkatastrophe im Ahrtal zeigt, dass nicht weit entfernte Regionen irgendwo auf der Welt betroffen sind, sondern wir hier in Deutschland, in Rheinland-Pfalz – mit Menschen, die vielfach alles verloren haben was sie über Jahrzehnte aufgebaut haben. Menschen, die wir kennen, Bekannte, Freunde, Verwandte – nicht eine Person, die irgendwo auf einer pazifischen Insel zu ertrinken droht. Nein, ein Mensch den wir vielleicht lieben, aber zumindest schätzen.

Dies bedeutet im Umkehrschluss: Wir alle sind betroffen, wir alle sind gefordert unseren Beitrag zu mehr Klimaschutz zu leisten. Die Politik muss die Rahmenbedingungen dafür schaffen. Auf Bundes- und Landesebene, und die Kommunen wie unser Mainz müssen es schnell und konsequent umsetzen. Wegducken gilt nicht mehr. Handeln ist gefordert – „da oben“ wie auch ganz unten in unserer Familie, in unserem Haus und in unserer Wohnung, um alles „Klimaresilient“ – also den sich ändernden Klimabedingungen angepasst - zu machen wie es in der Wissenschaft heißt.

Der Stadtrat hat wieder ein ganz wichtiges Signal gesendet, das wir als Bürgerinnen und Bürger aufgreifen müssen. Wir haben mindestens so viel Verantwortung für unsere Stadt wie die Politiker*innen. Denn es ist unsere Stadt, es ist unsere Erde auf die wir für ein gesundes Leben angewiesen sind. Die Erde ist auf uns nicht angewiesen, die wird sich auch ohne uns wieder erholen – und dies wahrscheinlich sogar schneller als mit uns! Das Aussterben der Dinosaurier hat dies eindrücklich bewiesen.

Beteiligen wir uns also an den Prozessen, die jetzt zu mehr Klimaschutz, zu einem lebenswerteren Mainz angestoßen werden. Die heutige Online-Auftaktveranstaltung „Fortschreibung Masterplan 100% Klimaschutz Mainz“ oder bei der Online-Veranstaltung zur Umgestaltung von Bonifazius-Straße und -Platz am 30. November sind nur zwei Beispiele für bürgerliche Partizipation. Die sollten wir alle vermehrt einfordern und dann auch wahrnehmen. Denn Expertise ist bei den Bürger*innen vorhanden, viel mehr als die Politik (manchmal) wahrhaben will oder wahrnimmt. „Sei dabei, mach mit“ muss die Devise lauten. So wird sich vom Kleinen (in unserer Stadt) zum Großen (in Deutschland und …) das dringend Notwendige verändern. Und wir werden feststellen: Das Neue ist gar nicht so schlecht wie befürchtet!

Das ist unsere historische Chance, nachfolgende Generationen werden es uns danken.

*Michael Lengersdorff (Jahrgang 1955)

Geboren in Höhr-Grenzhausen / Westerwald, Sportlehrer und Journalist. Vater von drei Kindern und zweifacher Opa.

Bereits in den 1970 und 80er Jahren politisch engagiert in der Anti-AKW-Bewegung. Fast 30 Jahre in der Pressestelle des Landessportbundes (bis 2008) und danach als Entwickler und Leiter der Kampagne „100% erneuerbar“ der beiden juwi-Gründer Fred Jung und Matthias Willenbacher tätig. Gründer des gleichnamigen „100% erneuerbar“-Vereins und der Stiftung.

Seit Mai 2019 in der „Parents for future“-Bewegung Mainz engagiert und Mitorganisator der Mainzer Klimastreiks u.a. durch begleitende Pressearbeit. Und seit November 2020 Pressesprecher von „MainzZero – Klimaentscheid Mainz“, der in fünf Monaten mehr als 13.000 Unterschriften von Mainzer*innen sammelte für ein Bürgerbegehren ‚Mainz klimaneutral bis 2030‘.

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