Dramatische Situation in Mainzer Kitas – Eltern verzweifelt

Es fehlt an Personal, an Ganztagsplätzen, an genügend Betreuungsstunden: Immer wieder, so kritisieren viele Mainzer Eltern, müssten Kitas Betreuungszeiten reduzieren, die Erzieher kommen ans Limit. An was liegt das?

Dramatische Situation in Mainzer Kitas – Eltern verzweifelt

„Wir können nicht mehr, wir haben genug!“ Mit einem emotionalen Schreiben wandten sich kürzlich die Eltern der Laubenheimer Kita Riedweg I an die Verantwortlichen der Stadt. Der Grund: Seit über einem Jahr seien nun schon die Öffnungszeiten reduziert – erst hatte die Kita nur noch bis 15:30 Uhr statt bis 16:30 Uhr geöffnet, seit dem 1. Dezember schließe sie bereits um 15 Uhr.

„Wie sollen wir als Eltern da noch normal arbeiten gehen?“, fragen sie in dem Brief, der Merkurist vorliegt. Außerdem gebe es immer mehr Tage, an denen die Einrichtung ganz geschlossen sei, vor allem wegen Personalmangel. Insgesamt sei die Kita im gesamten Jahr lediglich an vier Wochen von 7:30 bis 16:30 Uhr geöffnet gewesen– normalerweise gingen die Öffnungszeit von 7 bis 17 Uhr. Hinzu würden immer wieder kurzfristige Gruppenschließungen und Änderungen wegen Krankheitsausfällen kommen.

„Zu Beginn gab es noch viel Verständnis, aber mittlerweile sind wir zornig“, so die Elternschaft. „Wir wissen nicht mehr, wie wir die fehlende Kinderbetreuung mit unserer Arbeit vereinbaren sollen.“ Insgesamt seien 2022 über 400 Stunden Betreuungszeit weggefallen, hat sie ausgerechnet. Viele Eltern wüssten nicht mehr, wie sie die fehlende Kinderbetreuung mit ihrer Arbeit vereinbaren sollen. Ausflüge, Übernachtung für den Abschlussjahrgang sowie pädagogische Angebote würden abgesagt, auch der Mittagsschlaf für die kleineren Kinder musste mehrmals ausfallen. Unklar sei ebenfalls, ob die Kita Vorschularbeit anbieten könne.

Es fehlt an Personal

Zu leiden unter den Zuständen hätten dabei nicht nur Eltern und Kinder: „Dem Personal unserer Kita sind wir für ihren unermüdlichen Einsatz zu Gunsten unserer Kinder unter diesen Arbeitsbedingungen enorm dankbar“, sagen die Laubenheimer Eltern. Vier von zehn Stellen seien derzeit unbesetzt, zwei Erzieherinnen seien zwischenzeitlich versetzt worden. Seit langer Zeit sei der Elternausschuss mit der Stadt im Gespräch, habe etliche Vorschläge gemacht, um die Situation zu verbessern, doch getan werde aus Sicht der Eltern viel zu wenig: Den Versetzungsgesuchen wurde trotz Personalmangels zugestimmt, die Stellenausschreibungen seien fehlerhaft und würden zu wenig verbreitet.

Allem Anschein nach ist das Problem ein Prinzipielles, das sich aktuell offensichtlich immer weiter zuspitzt. So müsse etwa in Hartenberg-Münchfeld eine Interimskita schließen, da es an Personal und Räumen mangele: „Eltern und Kinder sind verzweifelt“, schreibt eine Betroffene in einem Merkurist-Snip.

90 Vollzeitkräfte und 15 Springerkräfte fehlen

Wie erklärt die Stadt Mainz diese Situation? Auf Nachfrage teilt eine Pressesprecherin zunächst mit, dass man über mögliche Versorgungsengpässe keine zuverlässige Aussage treffen könne. Da es verschiedene Anmeldeverfahren für die Stadt und die freien Träger gebe, könne es zu Mehrfachanmeldungen kommen. „Es wird eine gemeinsame, trägerübergreifende, Warteliste mit freien Trägern zwar angestrebt, sie ist aber noch nicht etabliert“, so die Sprecherin. Die Entwicklung in der Versorgungsquote sei „dynamisch“, da Personal unterschiedlich verfügbar sei, Familien umziehen oder Einrichtungen umstrukturiert, ausgebaut und erweitert würden.

Aktuell jedoch fehlen laut Angaben der Stadt bei den städtischen Kitas umgerechnet 90 Vollzeitkräfte – 781 Vollzeitstellen seien besetzt, es bestehe jedoch ein Bedarf an 872 Stellen für pädagogisches Fachpersonal. Dazu kommen aktuell etwa 17 Vollzeitstellen für Springerkräften (Stand: 1. Dezember). Vorgesehen seien jedoch 32.

Wie lange die Einschränkungen bestehen bleiben, ist unklar

Die Laubenheimer Kita Riedweg I und die Interims-Kita Heiligenhaus in Münchfeld sind daher nicht die einzigen, in denen Betreuungszeiten gekürzt wurden. Seit Anfang des Jahres betreffe dies zudem die Kita Riedweg II sowie die Kita Annemarie-Renger-Straße in Weisenau. Aktuell seien die Einschränkungen teilweise bis Ende des Jahres, teilweise bis Ende Januar vorgesehen. „Ob die Einschränkungen darüber hinaus verlängert werden müssen, sei vor Ablauf der Frist zeitnah zu prüfen und den Beteiligten mitzuteilen“, teilt die Stadtsprecherin mit.

Auch in anderen städtischen Kindertagesstätten würden die Betreuungszeiten, je nach Verfügbarkeit des Personals, tage- oder wochenweise verkürzt. Anhand eines „Neun-Punkte-Plans“ werde jeweils geprüft, ob die Aufsichtspflicht sichergestellt werden könne. Kita-Leitung und Elternausschuss prüften dabei jeweils mögliche Lösungen und Handlungsoptionen. „Die Reduzierung von Betreuungszeiten kommt nur bei absoluter Notwendigkeit zum Einsatz.“

Maßnahmen, um mehr Personal zu gewinnen, würden seit über zehn Jahren ergriffen, zwischenzeitlich sei dafür auch Budget erhöht worden. Dazu gehörten etwa auch Produktionen von Kinowerbung und Imagefilmen, Radiowerbung, Plakatwerbung, Anzeigen in Broschüren, Direktansprachen in Schulen sowie die neue Marke „MachDeinsMachMainz“, mit der die Stadt versuche, sich „aus dem Meer an Angeboten herauszuheben und die Vorteile der Arbeitgeberin Stadtverwaltung Mainz transparent zu machen“, so die Sprecherin. Aktuell sei zudem eine neue Online-Karriereseite im Aufbau.

Rückläufige Bewerberzahlen

Das absolute Gehaltsniveau, das sie als „deutliches Hindernis“ bezeichnet, wolle man mit einem guten Stundenlohn und deutlich mehr Work-Life-Balance ausgleichen. Dennoch seien die Bewerbungszahlen in den letzten drei Jahren rückläufig, teilweise müssten die Verfahren für Leitungen sogar in zweite oder dritte Ausschreibungsrunden gehen. Für die Kita-Stellen würden fast wöchentlich Bewerbungsgespräche stattfinden.

„Es bleibt dennoch festzustellen, dass alle Werbemaßnahmen nicht ausreichen, um einen Bedarf zu decken, der faktisch nicht gedeckt werden kann“, so die Sprecherin. „Es gibt zu wenig Fachkräfte, die auf die Werbemaßnahmen reagieren könnten.“ Bewerber könnten sich die Stellen, auf die arbeiten möchten, regelrecht aussuchen, daher herrsche auch ein entsprechendes Anspruchsdenken vor. Beim Land versuche man, Verbesserungen durchzusetzen.

„Die Problematik, geeignetes Personal zu finden und zu halten, trifft die Stadtverwaltung Mainz sowie alle anderen Kommunen und Träger von Kindertagesstätten gleichermaßen“, heißt es bei der Stadt. Es gebe eben nur eine begrenzte Anzahl an vorhandenen Fachkräften, um die alle Träger von Kindertagesstätten kämpften.

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