"Kein skurriler Friedhof"

Zum ersten Mal kommt die umstrittene Anatomieschau Körperwelten nach Mainz. Eine Herzensangelegenheit für die Kuratorin – im wahrsten Sinne des Wortes.

"Kein skurriler Friedhof"

Dünne, rote Fäden durchziehen den faustgroßen Klumpen. Von Scheinwerfern beleuchtet, in einem ansonsten dunklen Raum, begrüßt ein rotes Herz die Besucher der Körperwelten-Ausstellung, die bis 25. Oktober im Alten Postlager am Mainzer Hauptbahnhof gastiert.

Die Körperwelten des Arztes Dr. Gunther von Hagens sind 20 Jahre nach ihrem Debut vielen ein Begriff. Sie präsentieren echte menschliche Körper, die nach einer von Hagens entwickelten und ausgearbeiteten Technik konserviert und kunstvoll in Szene gesetzt werden.

Auch wenn die Ausstellung des exzentrischen Mediziners bis heute umstritten ist, begrüßt Kulturdezernentin Marianne Grosse die Ausstellung in Mainz: „Kultur ist dafür da, damit man sich damit auseinandersetzt.“

Schwerpunktthema Herz mit seinem weit verzweigten Gefäßsystem

Die Wände sind mit schwarzem Stoff bekleidet, die Exponate - manche im Glaskasten, andere stehen frei – werden dezent von den Scheinwerfern beleuchtet. Ein leises Herzklopfen begleitet von Raum zu Raum – und verweist auf den thematischen Schwerpunkt der aktuellen Körperwelten-Ausstellung: das Herz mit seinem weit verzweigten Gefäßsystem.

Und so eröffnet ein menschliches Herz den Rundgang. Daneben stapeln sich rote Tonnen. Ein Schild liefert die Begründung: 7000 Liter - so viel Blut pumpt dieses kleine Organ täglich durch unseren Körper. Der Anblick der Tonnen lässt das Wunderwerk Herz nur erahnen. Einen Raum weiter schwebt ein menschlicher Körper im Glaskasten – unzählige Arterien und Venen erstrecken sich um das Skelett. Das dichte Netzwerk aus Arterien, Venen und Kapillaren misst über 96 500 Kilometer und würde, hintereinander geknüpft, mehr als zweimal die Erde umspannen.

Zwar stehe das Herz bereits in unserem Kulturraum im Zentrum, so die Kuratorin Whalley. „Allerdings auf unser eigenes Herz hören wir erst, wenn es nicht mehr geht“, sagt die Medizinerin. Herz-Kreislauf-Erkrankungen seien nach wie vor der „Killer Nummer eins“. Daher beleuchtet die Ausstellung auch die emotionalen Facetten dieses Organs.

An den Wänden hängen neben Schaubildern mit Informationen zu verschiedenen Funktionen der menschlichen Organe Fotografien mit Portraits von Mensch und Tier. Auch die Zitate darunter heben das Herz hervor. „Man sieht nur mit dem Herzen gut, das wesentliche ist für das Auge unsichtbar“ liest der Besucher den Klassiker von Antoine de Saint-Exupéry, oder auch: „Der Geist wird reich durch das, was er empfängt, das Herz durch das, was es gibt.“ von Viktor Hugo.

Eine gute Möglichkeit, sich mit dem Thema Mensch zu befassen

Neben dem Herzen werden aber weiterhin komplette menschliche Exponate präsentiert. Ein Radfahrer sitzt konzentriert auf seinem Bike, er hat eine Sonnenbrille auf; ein Feuerwehrmann, erkennbar an dem Helm, hält eine Person auf den Armen; ein Pärchen, vereint beim Liebesakt unter der Dusche.

Für manch einen ist diese Art der posthumen (Selbst-)Entblößung noch immer ein Dorn im Auge, die Vorbehalte gegenüber von Hagens' Fleischbeschau versiegen nicht. Ein skurriles Gruselkabinett sei es, sensationslüstern, für Kinder unzumutbar und für die Toten entwürdigend.

Dr. Franz Joseph Wetz, Philosophieprofessor und Autor zahlreicher Artikel über die „Körperwelten“, sieht das anders. Seiner Meinung nach trage die Ausstellung zu einer intensiven Auseinandersetzung mit einem selbst bei.

„Wenn wir die Körper betrachten, dann offenbaren sie uns einen komplexen Organismus, der gleichzeitig aber fragil, verwundbar und leicht zu beschädigen ist.“ - Philosoph Wetz

Eben diese Erkenntnis könne sich aber positiv auf unser Leben auswirken. Besucher würden angeregt, über sich selbst und das eigene Leben nachzudenken und Herausforderungen nicht so verbissen anzunehmen. Auch für die Kinder sieht Wetz keine Gefahr. Gerade sie hätten keine Vorbehalte, den menschlichen Körper auf diese Art zu erforschen. Die Befürchtung, der Besuch einer solchen Ausstellung würde sie verstören, sei eher eine „Erwachsenenphantasie“.

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