„Jeder Tag wie in Einzelzelle“: Mainzer Rollstuhlfahrer in Wohnung gefangen

Kein Aufzug, kein Kontakt zu Menschen, keine Lebensfreude – der Mainzer Rollstuhlfahrer Jürgen Gerlich sitzt in seiner Wohnung wie in Einzelhaft. Eine barrierefreie Unterkunft würde seine Probleme lösen. Doch die zu bekommen, scheint aussichtslos.

„Jeder Tag wie in Einzelzelle“: Mainzer Rollstuhlfahrer in Wohnung gefangen

Meist sind seine Tage einfach nur trist. „Da liege ich im Bett und weiß nicht, was ich machen soll“, sagt Jürgen Gerlich. Der ehemalige Geschäftsmann sitzt seit 2018 im Rollstuhl – die Folge seiner Multiple-Sklerose-Erkrankung. Kontakt zu anderen Menschen hat der Mainzer seit Jahren kaum mehr. Das liegt vor allem daran, dass der 61-Jährige buchstäblich in den eigenen vier Wänden gefangen ist.

Denn Gerlich lebt in der Neustadt in einer der oberen Etagen eines Mietshauses, das über keinen Aufzug verfügt.* Der Weg ins reale Leben sei ihm somit versperrt, sagt der Mainzer. Seine ganze Hoffnung gründet sich nun schon seit Jahren auf eine barrierefreie Wohnung. Doch auf der Suche danach habe er bisher nur Enttäuschungen erlebt, die auch seinem Lebensmut stark zugesetzt hätten.

„Ich will einfach nur leben“

„Ich bin quasi 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche allein“, sagt Gerlich. Seine Angehörigen seien bereits verstorben. Lediglich durch den Pflegedienst habe er noch echten Kontakt zu Menschen. Was ihm vor allem auch fehle, sei das kulturelle Leben. In seiner Wohnung verbringe er zwar viel Zeit an seinem Computer beziehungsweise im Internet, wo er auch als DJ Yogie Smith auflegt, ersetzen könne dies den Zugang zur realen Welt allerdings nicht. „Ich brauche keine goldene Uhr oder sonst einen Luxus, ich will einfach nur normal leben“, sagt Gerlich. Eine barrierefreie Wohnung, im Erdgeschoss zum Beispiel, würde ihm das ermöglichen.

Um an diese zu kommen, stehe er nur schon seit drei Jahren auf einer Liste der Mainzer Wohnbau. Auch wenn er gewusst habe, dass immer mal wieder solche Wohnungen leer gestanden hätten, habe es bis heute nicht geklappt. Das belaste ihn sehr, sagt Gerlich. Und in der Tat gibt es anscheinend sehr viele Menschen in Mainz, denen es so geht wie Jürgen Gerlich. „Derzeit sind auf unserer Warteliste etwa 150 Personen vermerkt, die auf eine rollstuhlgerechte Wohnung im Erdgeschoss warten“, erklärt eine Sprecherin der Wohnbau Mainz auf Anfrage von Merkurist.

Man versuche zwar immer, die Wünsche der Mietinteressenten zu berücksichtigen, aber nicht jede Erdgeschoss-Wohnung sei auch für Rollstuhlfahrer geeignet. Doch gerade im Neubau versuche die Wohnbau, auf die Bedarfe einzugehen, so die Sprecherin. „Hier stocken wir die vorgegebene Zahl an R-Wohnungen (Rollstuhl-Wohnungen) regelmäßig auf, um noch mehr Wohnungen an Rollstuhlfahrer vergeben zu können.“

Für Gerlich sind diese Ziele der Wohnbau jedoch kein Trost. Im letzten Jahr habe er zwar schon einmal eine Wohnung von der Wohnbau angeboten bekommen. Allerdings sei diese im dritten Stock – wieder ohne Aufzug – gewesen, obwohl er „rollstuhlgerecht“ im Mietgesuch angeklickt habe, sagt Gerlich. Eine barrierefreie Zwei-Zimmer-Wohnung in Gonsenheim, auf die er sich ebenfalls 2022 beworben hatte (Schreiben liegt Merkurist vor), ist dagegen wieder an einen anderen Interessenten gegangen.

Hilfe von außen möglich?

Dass der Fall von Jürgen Gerlich stellvertretend für unzählige andere Menschen steht, weiß auch der Verbund Pflegehilfe (VP) in Mainz, der Pflegebedürftige täglich berät. „Die Leidensgeschichten und Schicksalsschläge sind nicht nur auf emotionaler Ebene belastend, sondern zumeist mit einem hohen bürokratischen Aufwand verbunden“, sagt VP-Sprecherin Franziska Schmitt gegenüber Merkurist. So versuche man mit über 100 Beratern, bestmöglich auf die individuellen Fälle einzugehen, wichtige Hinweise zu geben und bei akuten Problemen zu helfen. Allerdings sei es nicht möglich, auf direktem Weg zu vermitteln, so Schmitt. Die Kommunikation mit Behörden und Ämtern müsse durch den Betroffenen oder Angehörige erfolgen.

Jürgen Gerlich hofft indes weiterhin auf eine für ihn geeignete Wohnung, die er ohne Probleme mit dem Rollstuhl verlassen kann. „Ich dreh’ hier echt am Rad, jeder Tag ist wie in einer Einzelzelle“, erklärt der Rollstuhlfahrer verzweifelt. Ein Ausweg für den 61-jährigen Mainzer könnten jetzt momentan nur Wohnungen von Privatanbietern sein. „Wenn jemand vielleicht eine barrierefreie Wohnung hat, kann er sich gerne melden, ich wäre sehr dankbar dafür.“ Sein Leben würde so wieder endlich lebenswerter werden, sagt Gerlich.

*Zuletzt berichteten wir bereits einmal über einen ähnlich gelagerten Fall.

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