Tobias Huch im Interview: Warum er sich in Mainz nicht mehr sicher gefühlt hat

Der Journalist, Flüchtlingshelfer und frühere FDP-Politiker Tobias Huch im Merkurist-Interview über Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach, die Situation in der Ukraine und seine Bedrohungssituation in Mainz.

Tobias Huch im Interview: Warum er sich in Mainz nicht mehr sicher gefühlt hat

Der gebürtige Mainzer Tobias Huch ist unter anderem wegen seines Einsatzes für kurdische Flüchtlinge bekannt geworden. So gründete er im August 2014 die Initiative „Wasser für Flüchtlinge in Kurdistan“ und kurz darauf die „Liberale Flüchtlingshilfe“. Auch in den sozialen Medien ist er sehr präsent – und setzt seine Bekanntheit gezielt ein.

„HILFE! Wir haben dutzende LKW randvoll mit lebenswichtigen Medikamenten fahrbereit für die Ukraine, bekommen aber keine Ausfuhrgenehmigung“, twitterte Huch Anfang März (wir berichteten). Dabei verlinkte er das Profil von Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD). Per Kommentar ergänzte Huch noch: „Egal welche/r Minister/in. Gerne direkt melden.“ Genau eine Stunde und 18 Minuten später meldete sich Lauterbach auf Huchs Tweet. „Ich habe gerade veranlasst, dass Deutschland eine pauschale Ausfuhrgenehmigung durch das Bfarm* vorbereitet.“

Doch warum wandte sich Huch überhaupt direkt an den Gesundheitsminister? Im Merkurist-Interview spricht er außerdem über seine bedrohliche Lage in Mainz, seinen Umzug nach London und mit welchen Projekten er aktuell beschäftigt ist.

Merkurist: Hallo Herr Huch, wir können direkt anknüpfen an das Thema unseres Artikels. Wie ging die Geschichte weiter?

Tobias Huch: Es war eigentlich ein Projekt von Mainzer Leuten. Eine gute Freundin, Susanne Glahn, hatte mich angerufen und gefragt: Kannst du irgendwie helfen? Wir kommen nicht weiter, kriegen keine Genehmigung. Dann habe ich diesen Tweet abgesetzt, gleichzeitig ging auch eine Nachricht an Christian Lindner, der auch sofort geholfen hat. Am Ende war es eine gemeinsame Arbeit von Lauterbach und Lindner.

Haben Sie damit gerechnet, dass Lauterbach so schnell antwortet?

Ich habe es gehofft und auch eine Wahrscheinlichkeit von 70, 80 Prozent gesehen, dass er antwortet, aber dass er so schnell antwortet, hat mich schon positiv überrascht. Aber ich halte von ihm ohnehin sehr viel. Auch in der Pandemie fand ich seine teils extremen Äußerungen passend.

Und die Ausfuhrgenehmigung kam dann auch sofort?

Mir wurde nur gesagt: Es läuft jetzt alles. Und diese Art von Genehmigung wird jetzt nicht mehr benötigt. Das Bundesverkehrsministerium von Volker Wissing hat jetzt auch eine Zugverbindung eingerichtet. Ich habe es nicht mehr im Detail verfolgt, aber gehört, dass es jetzt über die Bahn sehr gut läuft. Der Tweet hat wohl dazu beigetragen, dass die Ukraine-Hilfe generell etwas entbürokratisiert wurde.

Wie sieht Ihr Engagement in der Ukraine aus?

Wir haben noch unsere eigene Hilfsaktion vor Ort in Kooperation mit dem Team Humanity. Es ist eine NGO, die ihren Hauptsitz in Norwegen hat. Der Gründer, Salam Aldeen, ist ein sehr guter Freund von mir, wir haben schon zusammen auf Lesbos gearbeitet. Er hilft jetzt an der Grenze zu Moldawien und wir finanzieren einen großen Teil der Evakuierungen aus der Gegend um Odessa.

Dennoch läuft auch unsere Arbeit in Irak, Syrien und Kurdistan weiter. Da hatten wir kürzlich eine sehr große Spendenaktion. Vor kurzem war der vierte Jahrestag des völkerrechtswidrigen Angriffs auf die mehrheitlich von Kurden bewohnte Stadt Afrin, das genauso wie die Ukraine überfallen wurde. Nur in diesem Fall war es ein Nato-Staat: die Türkei in Kooperation mit ehemaligen IS-Kämpfern und al-Qaida. Seit vier Jahren ist Afrin besetzt, Frauen und Kinder werden vergewaltigt. Das darf alles nicht in Vergessenheit geraten.

Sie sind viel in Krisengebieten unterwegs und setzen sich für Flüchtlinge ein. Erwarten Sie jetzt eine Flüchtlingswelle aus der Ukraine, die andere Wellen in den Schatten stellt?

Definitiv. Die Welle von 2015 wird harmlos dagegen. Intern spricht man schon von bis zu 15 Millionen Flüchtlingen. Das können Staaten wie Polen, die Slowakei oder Moldawien nicht allein abfangen. Da braucht es ganz Europa. Nicht nur deshalb muss Putin gestoppt werden. Der würde ja nicht aufhören, wenn er die Ukraine hat. Moldawien ist ein selbstverständliches Ziel, das wird er im Federstreich mit übernehmen, dann wird wieder Georgien dran sein. Und dann ginge es mit anderen Ländern weiter. Erst einmal die Nicht-Nato-Staaten. Entweder stoppen wir ihn jetzt oder wir müssen ihn irgendwann später stoppen.

Auch in den sozialen Medien übt Huch immer wieder deutliche Kritik, meistens an dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan oder politischen Extremisten wie Salafisten oder Reichsbürgern. Auch deswegen wurde Huch vor allem von Salafisten mit dem Tod bedroht. Wie die „Welt“ berichtete, erhielt er 2015 Nachrichten wie „Wir schneiden Dir den Kopf ab, wenn wir Dich sehen, brechen wir Dein Genick“. In Mainz fühlte er sich zuletzt nicht mehr sicher.

Sie sind vor sechs Jahren aus Sicherheitsgründen von Mainz nach London gezogen. Was war damals genau los?

Im Jahr 2016 wurde meine Privatadresse durch schlampiges Arbeiten einer Behörde geleakt. Dann hieß es, ich solle umziehen. Weil immer eine abstrakte Gefährdung vorlag. Ich dachte aber: Dann passiert das wieder und wieder. Ich habe überlegt, wo ich hingehen könnte, wo man mich nicht kennt und ich mit der Sprache zurechtkomme. Da blieb eigentlich nur England. Dann habe ich mich in den Flieger gesetzt, um mir ein Bild vor Ort zu machen – und habe sofort eine Wohnung gefunden. Das war im Norden von London. Dann bin ich zurückgeflogen, habe meine Sachen gepackt und mich abgemeldet. Dort gibt es kein Meldesystem. Es war sehr angenehm, nach drei Jahren, in denen ich wirklich aufpassen musste, einfach mal wieder frei rumzulaufen.

Wie war Ihr Leben in Mainz in den letzten Jahren vor dem Umzug?

Es war extrem geplant. Ich habe immer unterschiedliche Fahrtrouten genommen, wenn ich nach Hause fuhr. Habe darauf geachtet, wer hinter mir ist, ich habe immer Leute um mich gehabt, am Ende auch Personenschützer. Auch meine Wohnung war stark gesichert. Ich hatte einen eigenen Ansprechpartner beim Staatsschutz. Diese Zeit war schon extrem belastend. Die Bedrohung kam meist von Salafisten, aber teilweise auch von Reichsbürgern oder anderen Extremisten.

Gab es denn auch ganz konkrete Gefährdungssituationen?

Es gab zwei sehr konkrete Situationen in Mainz. In einem Fall war es ein Islamist, das andere war ein grauer Wolf. In einem Fall musste ich abhauen, im anderen Fall hatte ich Freunde aus Rüsselsheim dabei. Das war der graue Wolf, der nicht damit gerechnet hatte, dass 20 Leute vor ihm standen. Dann gab es noch eine dritte Situation an der Autobahnraststätte. Ich hatte eine Rede in Köln gehalten und auf der Rückfahrt wurde ich dann wieder von einem grauen Wolf bedroht. Ich hatte aber zum Glück einen Personenschützer dabei, der dazwischen gegangen ist.

Und ging diese Unsicherheit dann in London so weiter?

Überhaupt nicht. Ich hatte einen Ansprechpartner bei der britischen Polizei, aber ich musste ihn nie anrufen. Ich habe mich in London nie unsicher gefühlt. Aber Covid und Brexit haben dort viel kaputt gemacht. Jetzt wohne ich nicht mehr in London.

Was sind aktuell Ihre Projekte?

Ich bin weiterhin Journalist, schreibe hauptsächlich für Yahoo-Nachrichten. Außerdem habe ich zwei Bücher veröffentlicht: die erste moderne Übersetzung der Jefferson-Bibel und das Buch „Kurdistan“, das ein Bestseller wurde. Ansonsten bin ich auf Youtube aktiv, schließe zwei Studiengänge ab, in Politik- und Kommunikationswissenschaft und nächstes Jahr dürfte ich noch den Master in Spielwissenschaft haben. Mir ist also nicht langweilig.

Danke für das Gespräch!

*Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte

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