Mainzer Uni: Wie viel Lehre findet tatsächlich in Präsenz statt?

Nach eineinhalb Jahren ist die Mainzer Uni am Montag wieder mit Präsenz gestartet. Rund 90 Prozent der Veranstaltungen sollen vor Ort stattfinden. Doch ist das wirklich so?

Mainzer Uni: Wie viel Lehre findet tatsächlich in Präsenz statt?

Eineinhalb Jahre lang haben Studierende der JGU fast ausschließlich von zuhause aus studiert. Das soll sich dieses Semester ändern. Nach Angaben der Universität finden 81 Prozent der Lehre in Präsenz statt, 7 Prozent in hybriden Lehrformaten, bei denen sowohl Präsenz- als auch die Online-Lehre genutzt werden. Einige Studierende berichten jedoch gegenüber Merkurist, dass sie dieses Semester nach wie vor keine einzige Lehrveranstaltung auf dem Campus hätten.

Wie geht es den Studierenden im neuen Präsenzsemester?

Dass nicht unbedingt an die 90 Prozent der Veranstaltungen in Präsenz stattfinden, können auch die Fachschaften der Studierenden bestätigen. Die Fachschaft für Mathematik und Informatik teilt mit, dass vor allem Studierende der ersten drei Semester häufig noch von zu Hause studierten – also jene, die bislang noch nicht an die Uni konnten. Im Studiengang Informatik seien es insgesamt rund ein Drittel der Vorlesungen, die noch digital ablaufen, bei Mathematik seien es noch mehr. „Es wird sich erst im Semester zeigen, ob die Studierenden wirklich auch nur annähernd 90 Prozent ihrer Veranstaltungen an der Uni wahrnehmen werden.“ Ein Student aus demselben Fachbereich sagt sogar, dass für die Studierenden weiterhin rund 50 Prozent der Lehrveranstaltungen digital stattfänden.

Die starken Beschränkungen wie die 3G-Regelung und die Maskenpflicht sind laut der Fachschaft für viele Studierende ein Grund, sich eher privat zu treffen und die Online-Vorlesungen gemeinsam anzuhören, statt auf den Campus zu kommen. Die stark begrenzten Arbeitsplätze für Studierende seien schlecht ausgestattet und in manchen Präsenzveranstaltungen bestehe eine Anwesenheitspflicht, obwohl diese in einem Hochschulgesetz von 2020 abgeschafft wurde. Der Student aus demselben Fachbereich ergänzt, dass die angebotenen Präsenzveranstaltungen zudem nur halbherzig umgesetzt seien.

„Als Student fühle ich mich aber schon fast ungewollt mit den ganzen halbherzigen Umsetzungen.“ - Student aus dem Fachbereich Mathematik und Informatik

Auch die Fachschaften für Rechtwissenschaften und Wirtschaft teilen mit, dass sie „weniger Präsenzlehre erfahren dürfen als die meisten anderen Fachbereiche“. Sie sehen Probleme bei der Umsetzung mancher Präsenzlehrveranstaltungen. Die Vorgaben der Dozierenden änderten sich teilweise täglich, so die Fachschaften. Es entstünden Probleme aus der Regelung, dass Lehrveranstaltungen vor Ort auf eine Teilnehmerzahl von 100 Leuten begrenzt sind. „Für die Veranstaltungen des Grundstudiums (1.-4. Semester) der Wirtschaftswissenschaften sind mehr als ca. 800 Personen angemeldet.“

Für diese Studierenden gelte beim Besuch der Lehrveranstaltungen entweder das Prinzip „First come, first serve“ oder aber ein hybrides Format, nach dem zum Beispiel Studierende mit Nachnamen A-L und Studierende mit dem Nachnamen M-Z abwechselnd auf den Campus kommen dürfen. „Beide Lösungsansätze haben zur Folge, dass, wenn sie verschiedene Module an einem Tag besuchen müssen, dies mal in Präsenz machen, wenn sie Glück haben, mal digital teilnehmen müssen“, erklären die Fachschaften. Die verfügbaren Plätze für Lehrveranstaltungen im größten Hörsaal des Campus, das ReWi, würden gleichzeitig nicht ausgeschöpft werden.

Die Fachschaft für Erziehungswissenschaften hingegen freut sich über die Rückkehr an den Campus. Man merke sowohl den Studierenden als auch den Dozierenden an, „dass sie glücklich sind, wieder in einem einigermaßen normalen Rahmen zu lehren“. Es sei zwar immer noch nicht das Gleiche wie vor drei Semestern, aber es sei ein Schritt zurück zur Normalität.

Was sagt die Uni dazu?

Zur Gestaltung von Lehrveranstaltungen gebe es an der Uni verschiedene Sichtweisen, so eine Sprecherin der JGU. Ein Faktor für die Entscheidung zwischen Präsenz- und Online-Lehre sei zum Beispiel die Größe der Veranstaltungen. „Im laufenden Semester betrifft die personelle Begrenzung von Lehrveranstaltungen solche Fachbereiche stärker, in denen regelmäßig sehr viele Studierende (z.B. an einführenden Vorlesungen) an einer Veranstaltung teilnehmen.“

Die Entscheidung, ob die Lehre in Präsenz oder online stattfindet, liege bei den Dozierenden selbst. Dabei würden vor allem die „fachlichen Vermittlungsziele“ berücksichtigt, teilt die JGU mit. Je nach Fachbereich unterscheiden sich die Lehrformate deshalb deutlich. „Das zeigt sich insbesondere als Unterschied zwischen eher theoretisch und stärker praktisch angelegten Studiengängen.“ Studiengänge mit hohem Praxisanteil wie zum Beispiel Sport, Naturwissenschaften und künstlerische Fächer seien schwer in Online-Lehrformate umzusetzen und finden deshalb wieder vermehrt auf dem Campus statt. Theoretischere Studiengänge hingegen ließen sich besser in Online-Lehrformaten umsetzen.

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