Christian Viering: Für was er die Biontech-Millionen am liebsten einsetzen würde

OB-Wahl am 12. Februar 2023: Im Merkurist-Interview erklärt Grünen-Kandidat Christian Viering, warum er Oberbürgermeister werden will, wie er den ÖPNV attraktiver machen möchte und welche Themen er zuerst angehen würde.

Christian Viering: Für was er die Biontech-Millionen am liebsten einsetzen würde

Er ist ausgebildeter Chemiefacharbeiter und arbeitet seit vielen Jahren im Betriebsrat eines großen rheinhessischen Pharmaunternehmens. Nun möchte der Grünen-Politiker Christian Viering (38) nächster Mainzer Oberbürgermeister werden. Was sind seine Pläne?

Merkurist: Herr Viering, seit 1949 stellt die SPD den Oberbürgermeister in Mainz. Warum könnten Sie für die Grünen nun den Wechsel bringen?

Viering: Oberbürgermeister ist ja kein Ausbildungsberuf. Trotzdem gibt es einige Fähigkeiten, die man mitbringen sollte, wenn man Oberbürgermeister werden möchte. Ich glaube, dass ich vielerlei Dinge mitbringe, die es dafür braucht. Zum einen geht es um kommunalpolitische Erfahrungen in dieser Stadt. Etwa wie Kommunalpolitik funktioniert, wie Prozesse in den vergangenen Jahren und möglicherweise auch seit Jahrzehnten gelaufen sind und wie man sie verbessern kann. Da bringe ich Know-how aus zehn Jahren im Mainzer Stadtrat mit.

Zum anderen bin ich jemand, der verschiedene Gruppen zusammenführen kann. Ich bin aus Überzeugung Grüner und gleichzeitig Mitglied der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie. Hier gibt es bei fast jedem inhaltlichen Thema Konflikte. Ich war immer und bin immer noch jemand, der diesen Konflikten nicht aus dem Weg geht, sondern mit den Leuten darüber sprechen will – um Positionen zu verstehen und somit gemeinsam eine Lösung finden zu können. Mir ist auch wichtig, andere Seiten zu hören. Und ich glaube, das ist eine wichtige Eigenschaft, die der Oberbürgermeister haben sollte.

Sie sind ausgebildeter Chemiefacharbeiter, damit unterscheiden Sie sich von vielen anderen, die Berufspolitiker sind. Denken Sie, es ist entscheidend, dass man schonmal in einem anderen Bereich gearbeitet hat, oder ist es genauso gut, wenn man eine reine Politikerkarriere eingeschlagen hat?

Ich denke, dass es am Ende darum geht, was die Person zu leisten imstande ist und welche persönlichen Fähigkeiten man mitbringt. Am Ende muss es immer darum gehen, dass man in der Politik offen sein muss, und das in ganz verschiedene Richtungen. Ob das ein Chemiefacharbeiter ist oder eine Professorin an der Uni, eine Krankenschwester oder Erzieherin, ein Busfahrer oder eine Müllwerkerin – es geht nicht darum, dass man das alles per Quote in der Politik hat, sondern dass Menschen den verschiedenen Gruppen in unserer Gesellschaft zuhören wollen. Ich habe bei den Grünen immer erlebt, dass die Sicht eines Arbeiters, die ich eingebracht habe und die oft eine andere war, immer auf große Offenheit und positive Rückmeldung gestoßen ist.

Bei den Grünen waren viele Namen im Gespräch, die für den Posten des Oberbürgermeisters gehandelt wurden: Katrin Eder, Daniel Köbler oder auch Tabea Rößner. Warum wurden dann Sie ausgewählt?

Es ist ein Abwägungsprozess, in dem auch die persönlichen Entscheidungen der anderen möglichen Kandidatinnen und Kandidaten eine Rolle gespielt haben. Letztendlich war ich in der Situation, in der wir jetzt sind, der beste Kandidat. Und aus der Überzeugung heraus hat man in Vorstand und Fraktion diese Entscheidung so getroffen.

In Ihrem Wahlprogramm sagen Sie, dass Sie Mainz voranbringen wollen. Sie unterstützen auch den geplanten Biotech-Campus. Doch nun regt sich Widerstand, unter anderen von Klima-Aktivisten. Wie stehen Sie als Grüner dazu?

Zum Biotechnologie-Standort hier in Mainz sage ich deutlich ‚Ja'. Schon allein deswegen, weil wir durch das Glück mit der Entdeckung des BioNTech-Impfstoffs nun die finanziellen Möglichkeiten aber auch die Verantwortung haben, dass in diesem Bereich mehr passiert. Und dazu haben sich die Mainzer Grünen positioniert, weit vor Eblings Ernennung zum Innenminister. Grundlage für den Beschluss ist eine Stellungnahme des Grün- und Umweltamts: Wenn wir maximal 41 Prozent am Standort Eugen-Salomon-Straße bebauen, hat das keine entscheidenden Auswirkungen auf das innerstädtische Klima. Ich habe dem Antrag damals auch zugestimmt.

„Wenn wir maximal 41 Prozent am Standort Eugen-Salomon-Straße bebauen, hat das keine entscheidenden Auswirkungen auf das innerstädtische Klima.“

Und was sagen Sie zu den Protesten?

Nun gibt es zum Glück in dieser Stadt sehr viele engagierte Menschen, die bei dem Thema auch die Stimme erheben. Denn das bringt uns dazu, uns selbst immer wieder in Frage zu stellen und zu fragen, ob die Entscheidungen, die wir gestern getroffen haben, heute noch richtig sind. Wenn es irgendwann neue Informationen gibt, dann müssen wir das neu bewerten. Aber das ist grundsätzlich die Aufgabe von Politik. Ich freue mich sehr über den intensiven Austausch dazu mit den Umwelt- und Naturschutzverbänden. Davon brauchen wir in Zukunft mehr und nicht weniger.

Zum Klimaschutz gehören auch mehr Grünflächen, was auch Sie fordern. Wie genau soll das in Mainz aussehen?

Gerade an heißen Sommertagen merkt man, was es ausmacht, in der Neustadt noch Bäume zu haben. In der Kaiserstraße stehen noch ein paar Bäume, in Richtung Altstadt wird es aber immer weniger. Man merkt, dass sich die Stadt immer mehr aufheizt. Da müssen wir einfach etwas machen. Die Menschen, die hier leben, sollen sich im Sommer noch draußen aufhalten können. Wir könnten beispielsweise Bäume pflanzen oder Fassaden- und Dachbegrünungen angehen, um das Mikroklima in der Stadt abzukühlen. Das ist auch eine wichtige Frage, wenn wir darüber reden, wie attraktiv denn unsere Innenstadt ist. Wir brauchen Sitzgelegenheiten für ältere Menschen. Räume, in denen es ein bisschen schattiger ist, wo man sich hinsetzen und kurz ausruhen kann. Ob man tatsächlich Bäume pflanzen kann, müsste man an jedem einzelnen Standort prüfen. Manchmal reicht vielleicht auch eine kleine Hecke.

Zu einer attraktiven und klimafreundlicheren Innenstadt könnte auch ein reduzierter Autoverkehr gehören. Doch viele Menschen kommen am liebsten mit dem Auto, um hier einzukaufen. Würden Maßnahmen, die Autos aus der Stadt bringen sollen, nicht dazu führen, dass auch Kunden wegbleiben?

Also hier machen wir zwei Fragen auf, zum einen zur Verteilung des Verkehrsraums und zum anderen, wie wir die Innenstadt attraktiver machen. Die Verkehrsraum-Frage ist in Mainz natürlich mit unfassbar viel Konflikten beladen. Es hat manchmal etwas von Kulturkampf. Ich möchte, dass wir diese Diskussion ein bisschen versachlichen. Zum Beispiel: Am Hopfengarten wurden sieben Parkplätze entfernt, dafür wurden hier Fahrradbügel installiert. Drei Tage nach Installation der Fahrradbügel habe ich dort 34 Fahrräder gesehen. Wir haben also 34 Menschen in ihrer nachhaltigen Mobilität unterstützt. Für die Autofahrer ist es doof, da sie möglicherweise 150 Meter weiter entfernt ins Parkhaus fahren müssen. Das ist eine Umstellung, und die kostet auch ein bisschen was. Aber es steht einfach am Ende 34 zu sieben.

Wie kann man denn Autofahrer dazu bewegen, auf andere Verkehrsmittel umzusteigen, um in die Stadt zu kommen?

In Mainz gibt es ‚Parken aufs Haus'. Warum gibt es denn nicht einmal ‚ÖPNV aufs Haus'? Wenn jemand aus Ingelheim mit dem Zug nach Mainz in die Stadt reinfährt, dann im Geschäft etwas kauft, soll er eben die Rückfahrkarte dazubekommen – im Zweifel auch noch für seine Familie. Das sind so Dinge, über die müssen wir nachdenken. Aber wir müssen auch die Innenstadt unter der Woche attraktiv machen. Wir haben unter der Woche zwei Markttage, an denen ist die Stadt recht gut besucht. Aber was ist mit den anderen drei Tagen? Ich glaube nicht, dass am Ende 10 Euro fürs Parken darüber entscheiden, ob jemand in die Innenstadt fährt oder nicht. Sondern das Angebot an Gastronomie, an Läden und an kulturellen Angeboten wird am Ende darüber entscheiden, ob die Menschen in die Innenstadt kommen oder nicht.

„In Mainz gibt es ‚Parken aufs Haus'. Warum gibt es denn nicht einmal ‚ÖPNV aufs Haus'?“

Und wie könnte die Innenstadt attraktiver für Investoren gemacht werden?

Wenn wir die Stadt attraktiv für Menschen machen, wird sie automatisch attraktiv für Investoren. Es gibt wenige Orte, an denen man mit den Kindern eine kleine Auszeit nehmen kann, ohne sie von Geschäft zu Geschäft schleppen zu müssen. Beispielsweise gibt es Am Brand ein paar Spielgeräte. Aber ich glaube, wir müssen mehr draufpacken, um die Innenstadt für Familien mit Kindern attraktiver zu machen. Dazu gehören Räume, wo man sich mal ausruhen kann, nicht nur kommerzielle Räume. Dann würde ich mir wünschen, dass wir im öffentlichen Raum mehr Kultur ermöglichen. Dass wir jungen Künstlerinnen und Künstlern mal eine Möglichkeit geben, sich zu präsentieren. So wird man auf Kultur auch noch einmal aufmerksam. Und ich würde mir wünschen, dass wir als Sportstadt mal das ein oder andere Sportevent in die Stadt holen.

In Mainz ist man gerade dabei, das Rheinufer aufzuwerten. Wie könnte das Ihrer Ansicht nach gelingen?

Ich finde, wenn wir ein mehr Grün ans Rheinufer bekommen und ein bisschen mehr Aufenthaltsqualität, dann wäre da schon viel gewonnen. Ich würde mir wünschen, dass wir das Rheinufer den Mainzerinnen und Mainzern mehr zur Verfügung stellen, als wir das bisher machen. Also mehr denjenigen, die mit ihrer Schorle, mit ihrem Wein oder mit ihrem Wasser von daheim mit ihren Freunden dahin gehen, um sich hinsetzen und gemeinsam in aller Ruhe etwas zu trinken und „draußen" zu sein.

Nun hat ja der große Erfolg des Impfstoffherstellers Biontech Mainz Hunderte Millionen Euro an Gewerbesteuern beschert. Für was würden Sie das Geld am liebsten einsetzen?

In den zehn Jahren, die ich im Mainzer Stadtrat gesessen habe, war Mainz immer fremdbestimmt, was die Finanzlage anging. Diese Erfahrung sollte man im Hinterkopf behalten, um in der aktuellen Lage verantwortungsvoll mit dem Geld umzugehen. Der größte Batzen muss aus meiner tiefen Überzeugung in das Thema Klimaschutz fließen, das wird die zentrale Zukunftsaufgabe werden. Auf der anderen Seite stelle ich mir die Frage: Wie können wir die Menschen unterstützen, die kein so hohes Einkommen haben? Wie können wir die Gemeinwesen-Projekte, die vielen sozialen Träger in dieser Stadt, die unglaublichen vielen Ehrenamtlichen, unterstützen? Diese beiden zentralen Themen – Klimaschutz und der soziale Zusammenhalt in unserer Gesellschaft – das sind die beiden Fragen, in die ich vor allen Dingen investieren möchte. Denn das entscheidet, ob diese Stadt zukunftsfähig ist oder nicht.

Würden Sie angesichts der inzwischen hohen Mieten in Mainz auch den geförderten Wohnungsbau unterstützen?

Dass wir jetzt so viel Geld haben, gibt uns auch die Möglichkeit, Grundstücke oder Gebäude selbst zu kaufen. Das sollten wir als Stadt auch tun: Landwirtschaftliche Grundstücke, mögliche Baugrundstücke und Wohngebäude sollten in den Besitz der Stadt kommen, wenn möglich über städtische Gesellschaften, so dass wir dann sozial geförderten Wohnraum entwickeln können. Um die Frage nach Schaffung von neuem Wohnraum in unserer Stadt zu beantworten, werden wir Kreativität und Innovationskraft benötigen, um Potenziale zu entwickeln.

Wie kann man als Stadt die Energiekrise bewältigen?

Indem wir uns so schnell es geht energieunabhängig machen. Photovoltaik auf alle Dächer, quartiersbezogene Wärmekonzepte und einen Sanierungsturbo für die städtischen Gebäude.

Die Grünen sind stärkste Kraft in Mainz. Kommen Sie am Ende in die Stichwahl?

Ich werde die nächsten Wochen und Monate dafür nutzen, die Mainzerinnen und Mainzer zu überzeugen, dass das die beste Lösung für Mainz ist.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führten Sandra Werner und Michael Meister.

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