Weniger Autos, mehr Grün: So sollte Mainz in Zukunft aussehen

Laut Forschern werden wir in Zukunft häufiger Extremwetter erleben. Wie müssen sich Städte verändern, um darauf vorbereitet zu sein? Damit beschäftigt sich der Mainzer Benjamin Kraff. Im Interview erzählt er, wie Mainz zukünftig aussehen muss.

Weniger Autos, mehr Grün: So sollte Mainz in Zukunft aussehen

In den letzten Jahren haben wir heiße, lange Sommer erlebt; in diesem Jahr eine Hochwasserkatastrophe, die wir so gefühlt nur aus weit entfernten Ländern kannten. Forscher sagen, sowohl Hitzewellen als auch Starkregen und Hochwasser werden in Zukunft häufiger vorkommen – das stellt auch die Stadtplanung vor Herausforderungen

Benjamin Kraff ist Wirtschaftsingenieur, arbeitet an der Technischen Universität Darmstadt und beschäftigt sich damit, wie Städte umweltfreundlich umgebaut werden können. Der Mainzer promoviert unter anderem in den Bereichen innovative Transformation, nachhaltige Stadtentwicklung und kritische Infrastrukturen. Außerdem war er Kandidat der Klimaliste bei der Landtagswahl und engagiert sich bei den Scientists und den Architects For Future. Im Merkurist-Interview erzählt er, wie sich Mainz verändern muss, um auf Extremwetter vorbereitet zu sein und den Klimawandel nicht weiter voranzutreiben.

Merkurist: Herr Kraff, wie gut sind Städte wie Mainz und Wiesbaden auf Extremwetter vorbereitet?

Benjamin Kraff: Extremwetterereignisse werden durch den Klimawandel häufiger und intensiver vorkommen und die Städte sind bei weitem nicht so vorbereitet, wie sie vorbereitet sein müssten.

Woran liegt das?

Zum einen sind Dinge, die wir eigentlich bräuchten, wie gute Hochwasserschutzgebiete, sehr bürokratisch, planungsintensiv und an politische Interessen geknüpft. Bis man beispielsweise mehr Felder schaffen kann, die bei Starkregen überflutet werden können, braucht es verschiedene Planungsverfahren mit Bürgerbeteiligung und Interessensausgleichen. Es dauert also lang, bis so etwas umgesetzt wird. Außerdem wird die Thematik auch bei der Stadtplanung einfach nicht ernst genommen und zu wenig berücksichtigt. Es gab immer Sachen, die vermeintlich kritischer waren.

Sieht man das auch bei neueren Bauprojekten in Mainz?

Das einfachste Beispiel ist der Zollhafen in Mainz. Das ist ein komplett neues Gebiet, wo aber viele Flächen versiegelt sind, es keine Dach- oder Fassadenbegrünung gibt und soweit ich weiß auch keine Solarzellen auf den Dächern. Ich vermisse dort insgesamt ein ganzheitliches Konzept, bei dem viele verschiedene Bereiche miteinander verbunden werden. Das ist das, was wir in Zukunft in den Städten brauchen.

Was für Bereiche sind das? Wie muss sich Mainz verändern, um besser auf Extremwetter wie Starkregen und Hitzewellen vorbereitet zu sein?

Wir müssen Konzepte entwickeln, die Begrünung, Energiegewinnung und Mobilität mit einbeziehen. Wir brauchen Begrünung, mehr abgesenkte Grün- und weniger versiegelte Flächen, um die Temperatur zu senken aber auch als Versickerungsflächen für Starkregen. Gerade bei neuen Bauprojekten muss man versuchen, die Ökobilanz zu nullen. Das heißt, Gebäude müssen in gut gedämmter Passivbauweise und aus recyclebaren oder klimaneutralen Materialien wie Holz gebaut werden. Die Energie wird am besten direkt vor Ort durch Solar auf dem Dach oder an der Fassade gewonnen.

Auf den Dächern brauchen wir intensive Begrünung – also nicht nur ein bisschen Moos mit Schotter dazwischen, sondern eine dicke Substratschicht mit Bäumen auf den Dächern oder auch Fassadenbegrünung. Wegen der Statik ist das aber oft nur bei Neubauten möglich. Ältere Häuser müssen energetisch saniert werden, das wird noch viel zu wenig gemacht. Und: ein ganz wichtiger Teil ist der Mobilitätsbereich, weil er sehr deutlich zu den Emissionen beiträgt.

Beim Thema Mobilität wird immer wieder davon gesprochen, dass man Autos weniger und Rad- und Fußgängern mehr Raum geben muss. Aus Parkraum sollen Grünflächen werden. Wird das in Zukunft so sein?

Definitiv. Es wird in Zukunft sogar so sein, dass es Stadtquartiere gibt, die komplett autofrei sind. Das wird zum Beispiel gerade in Utrecht geplant. Bei dem Thema muss man auch sagen: Eigentlich brauchen wir die radikale Transformation, weil keine Zeit mehr bleibt. Wir haben lange genug so gelebt, dass es auf Kosten zukünftiger Generationen geht. Wir müssen also eigentlich schnell umbauen. Ich vertrete aber auch stark die Meinung, dass man nicht von heute auf morgen sagen kann: „Wir machen jetzt die Neustadt autofrei.“ Das funktioniert nicht und würde nur polarisieren. Wenn man eine Transformation erfolgreich umsetzen will, dann muss man das sinnvoll machen.

Wie würde das in Mainz aussehen?

Wenn man Parkraum wegnimmt, dann muss man im ÖPNV und im Radverkehr bessere Anreize schaffen. Man muss Quartiere von vorneherein so bauen, dass die Leute gar kein Interesse daran haben, mit dem eigenen Auto zu fahren. Mit guten Bus- und Bahnanbindungen, Carsharing und Radwegen. Was Mainz im Moment beispielsweise macht, ist Radwege bauen, die allerdings wieder irgendwo enden. Damit schafft man es nicht, die Leute dazu zu bringen, den Radweg als Pendelweg zu nutzen und nicht das Auto.

Es ist viel sinnvoller, wenn man sich die Stadt von oben anguckt und sich fragt, wie man die Quartiere mit autofreien Achsen sinnvoll verbinden kann. Man könnte zum Beispiel die Hindenburgstraße von der Neustadt in die Altstadt komplett autofrei gestalten, Rad- und Fußwege bauen, sie begrünen und Platz für Gastronomie und Läden schaffen. Als Radfahrer oder Fußgänger muss man dann lediglich an den Hauptverkehrsstraßen anhalten und kommt viel schneller durch die Stadt. Wenn man es schafft, so ein Netz in der gesamten Stadt zu errichten, kann man außenherum immer noch parken, aber natürlich weniger. Für alle, die aktuell wirklich ein Auto brauchen, weil sie zum Beispiel im Umland arbeiten, braucht es dann sinnvolle ÖPNV-Verbindungen und gute Park-and-Ride-Angebote im Umland.

Wer steht in Ihren Augen jetzt in der Pflicht, zu handeln und etwas zu verändern?

Die Baubranche an sich ist relativ konservativ. Da dauert es oft ein bisschen länger als in anderen Branchen, bis sich etwas verändert. Die verschiedenen Akteure wie Architekten, Ingenieurplaner, Umweltverbände und alle Beteiligten müssen enger zusammenarbeiten. In vielen Bereichen braucht es aber auch politische Beschlüsse, damit wir unsere klimapolitischen Ziele überhaupt erreichen können. Man könnte zum Beispiel eine Solarpflicht oder noch besser eine ökobilanzielle Nullung von neuen Gebäuden als Pflicht einführen. Ich bin der Meinung, die Verhältnismäßigkeit für solche Gebote oder Verbote ist mittlerweile gegeben, weil wir sonst an einen Kipppunkt kommen und auch die Folgekosten viel höher sein werden.

Kann man eigentlich auch als Stadtbewohner, der vielleicht nur zur Miete wohnt, etwas dazu beitragen?

Leider hat man als Mieter in den allermeisten Fällen weder einen Einfluss auf die Art der Energiegewinnung noch auf Dinge wie Dach- oder Fassadenbegrünung. Bei einzelnen Vermietern kann man solche Sachen vielleicht anstoßen, aber gerade große Konzerne werden da nicht mitmachen. Viele ältere Gebäude haben beispielsweise noch Wärmedurchlauferhitzer in den Bädern hängen. Die meisten werden erst umbauen, wenn etwas kaputt geht oder es verboten wird.

Aber man kann natürlich in den meisten Fällen zum Beispiel seinen eigenen Balkon bepflanzen. Oder auch im Alltag Entscheidungen treffen, wie beispielsweise, mit dem Rad anstatt mit dem Auto zu fahren. Wichtig ist in jedem Fall, dass wir jetzt als Gesellschaft gemeinsam handeln.

Vielen Dank für das Gespräch, Benjamin Kraff.

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