Virologe: „Wir können vielleicht schon im März viel besser mit dem Virus leben“

Die Omikron-Variante weckt Hoffnungen, dass die Corona-Pandemie bald vorbei sein könnte. Der Mainzer Virologe Bodo Plachter spricht im Merkurist-Interview darüber, wie wahrscheinlich das ist und wann es soweit sein könnte.

Virologe: „Wir können vielleicht schon im März viel besser mit dem Virus leben“

Über zwei Jahre Corona-Pandemie und die Inzidenzen in Mainz, Wiesbaden und vielen anderen deutschen Städten haben ihre Höchststände erreicht. Trotzdem macht die hochansteckende Omikron-Variante vielen Hoffnung, weil die Erkrankung anscheinend in den meisten Fällen leichter verläuft. Es ist vom Beginn der Endemie die Rede – also von der Zeit, in der wir in etwa so mit dem Virus leben können wie mit der Grippe. Steht das Ende der Pandemie also kurz bevor?

Prof. Dr. med. Bodo Plachter ist Virologe und kommissarischer Direktor des Instituts für Virologie an der Unimedizin in Mainz. Im Merkurist-Interview erzählt er, ob noch weitere Virusvarianten auf uns zukommen könnten, wann wir endlich normal mit dem Virus leben können und wie viel Endemie-Euphorie in der aktuellen Situation überhaupt angebracht ist.

Merkurist: Herr Prof. Dr. med. Plachter, wie realistisch ist es, dass Omikron das Ende der Pandemie einläutet?

Prof. Dr. med. Plachter: Ich denke schon, dass das ein realistischen Szenario ist, vorausgesetzt die Entwicklung setzt sich so weiter fort. Wenn Omikron sich nicht noch verändert und die vorherrschende Variante bleibt, dann ist durchaus die Chance gegeben, dass wir bald ganz anders über Corona reden als jetzt.

Kann denn noch einmal eine Virusvariante kommen, die uns wieder schwerer zusetzt als Omikron?

Es ist nicht ganz auszuschließen, dass wieder Varianten auftreten und sich durchsetzen, die einen schweren Krankheitsverlauf verursachen. Niemand kann garantieren, dass das nicht passiert. Aber es ist wahrscheinlicher, dass sich die Viren immer weiter abschwächen und Omikron oder ein möglicher Nachfolger eher weniger Krankheitslast verursachen als mehr. Ein solches Geschehen würde den Verlauf der Pandemie abschwächen und das ist natürlich jetzt die Hoffnung. Die Voraussetzung ist aber, dass eine breite Grundimmunität in der Bevölkerung besteht, durch Impfung oder Infektion. Wir haben immer noch eine Impfrate, die nicht wirklich ausreicht. Es müssen sich also noch mehr Menschen impfen lassen.

Wann könnten wir in der Endemie ankommen?

Wenn nicht mehr so viele Menschen im Krankenhaus behandelt werden müssen, die Intensivstationen nicht mehr so belastet sind und generell die Krankheitslast deutlich geringer ist. Außerdem hat die Coronainfektion natürlich eine gewisse Saisonalität, die Inzidenzen werden also im Frühjahr wieder abnehmen. Ich denke, wenn sich alles so entwickelt, wie erwartet, können wir vielleicht schon im März oder April viel besser mit dem Virus leben.

Dann werden wieder viele Dinge möglich sein, beispielsweise in der Gastronomie oder bei Veranstaltungen. Wie lange wir aber noch Maske tragen und uns weiter zurückhalten müssen, das kann keiner voraussagen.

Sie haben die Saisonalität angesprochen. Virologe Christian Drosten hat vor kurzem gesagt, dass er auch im Herbst und Winter noch einmal mit hohen Inzidenzen rechnet, es dann aber wahrscheinlich weniger strenge Einschränkungen geben wird. Sehen Sie das auch so?

Ja, im Winter werden die Zahlen sicherlich wieder ansteigen. Wenn zu diesem Zeitpunkt aber viele Menschen geimpft und genesen sind, wird die Krankheitslast absinken. Das heißt nicht, dass dann nicht Einzelne noch immer schwer erkranken können. Aber dann haben wir eine ähnliche Situation wie bei der Grippe und können ähnlich mit dem Virus leben.

Könnten die aktuellen Rekord-Inzidenzen also auch dabei helfen, die Pandemie zu beenden, weil sich immer mehr Menschen infizieren und dann genesen und so besser gegen das Virus gewappnet sind?

Das wird vielfach diskutiert. An dieser Stelle wäre ich aber vorsichtig. Zum einen kann man trotz allem im Einzelfall auch nach einer Omikroninfektion schwer erkranken. Wir wissen darüber hinaus noch nicht genau, wie sich Omikron mittel- und langfristig auf die Gesundheit auswirkt. Wir haben bei anderen Varianten erlebt, dass auch Patienten mit milden Verläufen noch lange Zeit danach unter Long Covid Symptomen litten. Ich wäre also zurückhaltend bei dem Gedanken „Ich stecke mich jetzt an, dann habe ich es hinter mir“. Man sollte nicht zu locker mit Infektionserregern wie Omikron umgehen. Man sollte sich immer schützen und sich vor allem impfen lassen.

Die hohen Inzidenzen führen zurzeit auch zu Problemen in anderen Bereichen wie Personalausfällen in der kritischen Infrastruktur. Wie viel Endemie-Euphorie ist also im Augenblick angebracht?

Euphorie ist nie besonders gut, weil das oft dazu führt, dass man leichtsinnig wird. Die Inzidenzen steigen aktuell stark an. Das führt unter Umständen zu Problemen wie Personalnotstand in Kliniken und anderen Bereichen. Deshalb wurden die Quarantäne-Regeln angepasst und man muss die Situation weiter beobachten. Wir müssen immer noch auf die Bremse treten, aber wir können sicherlich vorsichtig optimistisch sein.

Vielen Dank für das Gespräch!

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