Virologe über Lockerungen: „Es ist eine Sorge, dass die Situation eskaliert“

Die 7-Tage-Inzidenz steigt seit wenigen Tagen wieder an - sowohl in Mainz als auch insgesamt in Rheinland-Pfalz. Der Mainzer Virologe Prof. Dr. Bodo Plachter erklärt, woran das liegen könnte und was ihm momentan Sorgen bereitet.

Virologe über Lockerungen: „Es ist eine Sorge, dass die Situation eskaliert“

Prof. Dr. med. Bodo Plachter ist Virologe und stellvertretender Direktor des Instituts für Virologie der Unimedizin Mainz. Im Merkurist-Interview spricht er über die möglichen Gründe der aktuell steigenden Inzidenzen, das Infektionsrisiko im Einzelhandel und darüber, was ihm aktuell mit Blick auf die Zukunft Sorgen bereitet.

Merkurist: Herr Plachter, die Inzidenz in Mainz steigt wieder an. Einige Leser vermuten, dass die Öffnung des Einzelhandels am Montag daran schuld ist. Kann man heute überhaupt schon Auswirkungen der Lockerungsmaßnahmen auf die Zahlen erkennen?

Bodo Plachter: So schnell geht das natürlich nicht. Man würde erst nach der Inkubationszeit von fünf bis sieben Tagen Symptome bekommen und sich auch dann erst testen lassen. Dementsprechend würde jemand, der sich am Montag infiziert hat, erst in etwa sieben bis zehn Tagen in den Zahlen auftauchen.

Worauf würden Sie den aktuellen Anstieg stattdessen zurückführen?

Bei dem relativ guten Wetter geht man öfter nach draußen und hat Lust, etwas zu unternehmen. Dabei stehen mehr Menschen auch ohne Maske zusammen, wobei Übertragungen entstehen können. Außerdem haben wir seit etwa zwei Wochen ein ausgeprägtes Interesse an Schnelltests, die auch zuhause durchgeführt werden können. Auch das wird einen Einfluss auf die Zahlen haben, weil man dadurch unter Umständen auch Menschen identifiziert, die vielleicht keine oder nur milde Symptome haben und sonst nicht zum Arzt gegangen wären. Die Meldezahlen werden immer durch unterschiedliche Faktoren beeinflusst.

Wie hoch schätzen Sie das Infektionsrisiko im Einzelhandel ein?

Wenn entsprechende Hygienekonzepte umgesetzt werden, dann ist dort meiner Ansicht nach nicht viel mehr Gefahr als im Supermarkt, der immer offen war. Als große Hotspots haben sich Supermärkte und Einzelhandel bisher nicht herausgestellt.

Trotz des eher geringen Infektionsrisikos im Einzelhandel ist es abhängig von der Inzidenz, ob die Geschäfte offenbleiben dürfen. Das heißt, wenn die 7-Tage-Inzidenz drei Tage hintereinander bei über 50 liegt, darf der Einzelhandel wieder nur Terminshopping anbieten. Für viele Einzelhändler ist das unverständlich. Ist dieses Vorgehen denn überhaupt sinnvoll?

Der Punkt ist: Mehr Mobilität führt zu mehr Infektionen. Durch Lockerungen, wie die Öffnung des Einzelhandels, gehen mehr Menschen raus und damit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Leute zusammenkommen und sich anstecken. Da kann das Hygienekonzept im Laden noch so gut sein - wir können nicht kontrollieren, was auf dem Weg zum Bekleidungsgeschäft und in den Fußgängerzonen passiert.

„Die Gesundheitsämter müssen handlungsfähig bleiben und weiter in der Lage sein, Ausbrüche nachzuverfolgen.“

Was wir außerdem unbedingt im Auge behalten müssen: Die Gesundheitsämter müssen handlungsfähig bleiben und weiter in der Lage sein, Ausbrüche nachzuverfolgen. Ab einer gewissen Inzidenz können sie das nicht mehr und dann fängt das an, was wir in der zweiten Welle hatten. Dann breiten sich die Infektionen flächendeckend aus, ohne dass man die eigentlichen Hotspots und Quellen identifizieren und eingrenzen kann. Und so weit darf es nicht kommen, deshalb muss man ab einer gewissen Zahl an Neuinfektionen zurückrudern und den Leuten wieder sagen, dass sie zuhause bleiben müssen. Das ist unangenehm, und ich verstehe auch die Beschwerden des Einzelhandels. Aber auf der anderen Seite müssen wir in der Lage bleiben, schnell Gegenmaßnahmen zu treffen.

Wie sehr würde es aus virologischer Sicht dann tatsächlich helfen, bei steigenden Inzidenzen wieder zum Terminshopping zurückzugehen? In die Stadt müssen die Menschen dafür ja trotzdem gehen.

Es kommen nicht alle auf einmal am Samstagmorgen in die Stadt, weil sie gerade Zeit haben. Sondern es kommen nur diejenigen, die einen Termin haben. Damit verhindert man, dass Shoppingmalls volllaufen oder dass in den Fußgängerzonen viel zu viele Menschen unterwegs sind. Es ist natürlich klar, dass das Terminshopping für den Einzelhandel auch keine wirkliche Hilfe ist. Es ist eine schwierige Situation und da verstehe ich die Argumentation des Einzelhandels vollkommen, aber es geht eben nicht nur um Hygienekonzepte, sondern auch um das Drumherum.

Wenn die Inzidenzen nicht hochgehen, sondern stabil unter 50 bleiben, darf als nächster Schritt unter anderem die Außengastronomie ab dem 22. März wieder öffnen. Wie schätzen Sie dort das Infektionsrisiko ein?

Wenn zehn Leute eng zusammen und ohne Maske an einem Tisch sitzen, ist es ziemlich egal, ob etwas im Raum oder draußen stattfindet. Man isst, man lacht und man hat keine Maske an. Das Risiko ist im Außenbereich natürlich etwas geringer, vor allem durch den Luftzug, aber ich würde nicht sagen, dass es bei null ist. Die großen Partys in der Außengastronomie sehe ich deshalb immer noch nicht kommen. Da besteht eine Gefährdung, besonders bei Windstille.

Wenn man das Ganze aber so organisiert, dass nur Haushalte und Familien zusammensitzen, die auch sonst zusammen sind und Tische weit genug voneinander entfernt sind, ist das machbar. Das Problem ist nur, dass es schwer zu kontrollieren ist, ob sich die Menschen an einem Tisch auch sonst treffen. Und da wird irgendwann die Argumentation kommen, dass man vorher Schnelltests machen soll – diese Diskussion wird sich nicht aufhalten lassen.

Darüber klingen Sie nicht besonders glücklich. Was halten Sie von verpflichtenden Schnelltests vor Restaurantbesuchen?

Das Problem ist: Wo soll man die Schnelltests durchführen? Sollen wir alle, bevor wir zum Essen gehen, erstmal in ein Testzentrum gehen? Oder macht man es vor dem Restaurant auf einer Bank? Man muss eine Viertelstunde auf die Auswertung warten, man muss sicherstellen, dass man bei der Materialentnahme andere nicht infiziert und das Ganze muss dokumentiert werden – da ist viel Aufwand dahinter. Klar, wenn die Tests richtig durchgeführt wurden und sie negativ sind, hat man ein geringes Risiko, dass man infektiös ist. Dies ist jedoch immer nur eine Momentaufnahme. Und dann ist auch die Frage, ob sich das bei all dem Aufwand für den Gastwirt überhaupt rentiert.

Bei all den Diskussionen um Öffnungen und wie es jetzt weitergehen soll: Was ist aktuell das, was Sie als Virologe beschäftigt oder Ihnen vielleicht sogar Bauchschmerzen bereitet?

Wir wissen nicht, wie sich die Zahlen entwickeln und es gibt die Mutanten, die etwas infektiöser sind. Außerdem haben wir jetzt einen massiven Druck in der Bevölkerung zu öffnen. Es ist eine gewisse Sorge, dass die Situation eskaliert. Dass wieder ein hoher Anstieg mit Überlastung der Gesundheitsämter und Krankenhäuser zu verzeichnen ist und man dann auch wieder viele Tote beklagen muss. Deshalb ist es jetzt sehr wichtig, dass wir mit den Impfungen vorankommen – das ist ein ‘Game Changer’ und das Wichtigste in den nächsten Wochen.

Vielen Dank für das Gespräch.

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