Torwart-Klartext von René Adler: Wer die neue Nummer 1 bei Mainz 05 sein sollte

Zwei Jahre spielte Ex-Nationaltorhüter René Adler beim FSV Mainz 05. Wie er die Mainzer Torwartschule damals wahrgenommen hat und wer in der kommenden Saison im Tor der 05er stehen sollte, lest Ihr hier.

Torwart-Klartext von René Adler: Wer die neue Nummer 1 bei Mainz 05 sein sollte

In ihrer aktuellen Sommerreportage beschäftigen sich die drei Mainz-05-Podcaster „Die Hinterhofsänger“ ausführlich mit dem Torwartspiel beim 1. FSV Mainz 05. Dazu haben sie mit hochkarätigen Gästen gesprochen - unter anderem mit dem ehemaligen Mainz-05- und Nationaltorhüter René Adler (2017 bis 2019). Teile dieses Interviews darf Merkurist vorab veröffentlichen. Adler spricht unter anderem über seine Erfahrungen mit Kult-Torwarttrainer Stephan „Kuhni“ Kuhnert und legt sich fest, wer die neue Nummer 1 im Tor der 05er sein sollte.

Jan Budde (Hinterhofsänger): René, wenn Du Deine Spielweise mal selbst einschätzen müsstest, bist Du noch einer vom alten Schlag oder ein junger Hüpfer?

René Adler: Ich würde sagen, ich bin ein Hybridmodell. Früher war ich einer der jungen, neueren, der moderneren Generation. Ich glaube man kann auch gut sagen, dass Manuel Neuer und ich diesen Übergang zu den extrem offensiv spielenden Torhütern, der so schön als moderne Spielweise beschrieben wird, mehr oder weniger eingeleitet haben. [...] Wenn Du jetzt auf diesen rein offensiven Mitspielaspekt gehst, gibt es sicherlich Torhüter, die das inzwischen noch viel offensiver interpretiert haben. Insofern: Früher ja, früher war ich definitiv einer der Mitsalonfähigmacher in der Bundesliga. Jetzt kommen dann die Jungen und lösen Dich ab.

Du bist 2000 von Leipzig ins Leverkusener Nachwuchsleistungszentrum gewechselt. Wie hat sich das, was Du in der Jugend beim VfB Leipzig gelernt hast von dem unterschieden, was Dir dann in Leverkusen beigebracht wurde?

2000 bin ich nach der 9. Klasse, im Alter von 15 Jahren, nach Leverkusen gekommen und hab dann ein Jahr in der Jugend gespielt. Ich muss dazu sagen, um ein bisschen weiter auszuholen, ich habe unheimlich viel profitiert von meiner Ausbildung in Leipzig und zwar nicht nur beim VfB Leipzig damals. Obwohl das nicht so professionell und in keiner Weise gleichzusetzen war mit den Strukturen eines Bundesligavereins. [...] Aber damals in Leipzig wurde der Schwerpunkt noch ganzheitlicher auf die sportliche und gesamtkörperliche Ausbildung gelegt. Was meine ich damit: Ich war zum Beispiel auf dem Sport-Gymnasium, das heißt jetzt Elite-Schule des Sports, die in der Form jetzt auch von RB Leipzig genutzt wird und die profitieren heute extrem von diesen alten DDR-Strukturen. [...] Wir sind mit der Straßenbahn zur Schule gefahren und hatten dann später am Tag noch einmal Training. Das heißt, ich hatte dort eine extrem gute Ausbildung nicht nur sportlich, sondern auch gesamtkörperlich. Wir mussten turnen, wir mussten schwimmen, wir mussten Tennis spielen. So eine allumfassende sportliche Ausbildung hat keiner mehr. […]

Kleines Beispiel: Wenn du den Jungs heute sagst, macht mal einen Handstand oder macht mal eine Rolle rückwärts, dann brechen die sich fast das Genick, weil die einfach so spezialisiert sind. Die können mit links und rechts einen Ball annehmen und perfekt schießen, passen, Taktik, sämtliche Systeme und Variationen laufen, aber die elementaren Dinge wie Körpergefühl haben sie nicht mehr drauf. Ich glaube, ich habe davon extrem viel profitiert. Als ich dann nach Leverkusen gekommen bin, war das natürlich alles viel professioneller. Ich hatte jeden Tag einen Torwarttrainer, der speziell an mir gearbeitet hat. All das zusammengefügt hat dann aus mir das gemacht, was ich in der Bundesliga zeigen konnte.

Sicherlich kommt auch mein spezielles Verhältnis zu meinem damaligen Torwarttrainer Rüdiger Vollborn, bei dem ich auch gewohnt habe, der so eine gewisse Mentoren-Funktion hatte. [...] Wir haben vor dem Training analytisch Sachen besprochen und ich habe versucht, die Dinge im Training umzusetzen und wir haben es auf dem Nachhauseweg ausgewertet. Also so ein Gesamtkonzept kannst du heute nicht nochmal machen.

Du bist dann für Dein Karriereende nach Mainz gekommen. Wie hast Du hier die Torwartschule wahrgenommen? Mainz 05 hatte zu diesem Zeitpunkt die meisten U-Nationaltorhüter Deutschlands.

Ich habe mit Kuhni sehr viel darüber gesprochen. Das hat ja auch Gründe. Die liegen natürlich auch im Recruitment der Torwarttrainer, aber man muss noch einen Schritt weiter zurückgehen. Vor allem in der Philosophie des Torwartspiels. Ich finde schon, dass Mainz eine Philosophie hat, wie die Torhüter sein sollten und dann aber nicht schablonenartig versucht, aus einem Zwei-Meter-Turm einen spielerischen, springenden, fliegenden Torwart zu machen, sondern das dann nochmal neben der Struktur geguckt wird, okay was haben wir hier für eine DNA, was haben wir für Material, um da den bestmöglichen Torhüter draus zu machen. [...] Und das wird in der Regel von ganz oben vorgegeben.

Kuhni bespricht das natürlich, oder ist da federführend mit dabei. Weil das Ziel ist, möglichst viele Torhüter auszubilden, die dann bestenfalls in Mainz zum Profi-Kader stoßen und dann wie der Florian [Müller] oder Robin [Zentner] auch das Bundesligator hüten. Also, wie habe ich das wahrgenommen: Ich habe jetzt die zwei Jahre bei den Profis trainiert und habe da allein mit Jannik Huth aus der eigenen Jugend, mit Flo Müller aus der eigenen Jugend, mit Robin Zentner aus der eigenen Jugend – also das sagt doch alles – trainiert. Das war vielleicht für die Jungs auch wichtig, dass sie noch mal den Input von außen bekamen.

Es gibt ja diesen Spruch über Torhüter, die einen „Hau weg“ haben. Auf Kuhni zu seiner aktiven Zeit trifft das definitiv zu. Wie war das Training unter ihm?

Ja, das Kuhni einen Hau weg hat, unterschreibe ich sofort. Aber ich liebe das auf jeden Fall. Ich habe grade schon gesagt, dass ich es extrem wichtig finde, dass du noch in der im Jugend und auch im Profibereich diese alten Haudegen wie Kuhni, wie Hermann Gerland, wie Peter Herrmann damals, noch hattest, weil sie für die Entwicklung gerade der jüngeren Generation wichtig sind. Dort herrscht viel Selbstdarstellung, so viel geht über Social Media. Sport und die eigentliche Leistung gerät da auch mal in den Hintergrund. Dafür sind solche alten Trainer extrem wichtig und Kuhni um so mehr, weil der rückt den Jungs auch ab und an mal den Kopf gerade und das finde ich extrem wichtig für die Entwicklung.

Das habe ich selbst gesehen. Kuhni war hart, Kuhni verlangt viel ab. Manchmal denkst Du Dir, der hat keinen Plan, aber Du merkst relativ schnell, auch wenn es manchmal ein bisschen blöd ist, da steckt ein Plan dahinter. [...] Kuhni ist immer hart, kritisch, aber ehrlich mit seinen Jungs. Auch wenn das vielleicht für den Verein jetzt mal zum Nachteil ist, sieht Kuhni sich, das kann ich durchaus sagen, als Teil dieses Teams und berät die Jungs, auch wenn er das Gefühl hat, der Spieler muss für seine Entwicklung den Verein verlassen. Dann würde er dem das auch klar sagen, obwohl er bei Mainz 05 spielt und angestellt ist. Das ist, was ich an Kuhni so extrem schätze, dass er, wenn Du fliegst, Dich wieder runterholt. Wenn Du Hilfe brauchst, dann ist er immer da, Du kannst immer anrufen, Du kannst mit ihm Spaß machen, aber er weiß auch, wann seriös und ernsthaft gearbeitet wird. [...]

„Flo muss weg, diesen Sommer noch.“ - René Adler über Florian Müller

In Mainz hat man jetzt mit Florian Müller und Robin Zentner zwei unheimlich talentierte Torhüter, die sich auch neben dem Platz gut verstehen. Du als „neutraler“ Dritter, wen würdest du spielen lassen?

Die Situation ist relativ klar, das habe ich aber auch gesagt: Flo muss weg, diesen Sommer noch. Es ist jetzt auch ein bisschen spät für ihn. Ich lese auch gar keine Gerüchte. Ich muss ja nicht für Mainz 05 sprechen und das wissen die beiden auch, deswegen kann ich das so sagen. Flo ist sicherlich, wenn Du das wie eine Aktie bezifferst, die interessantere Aktie mit mehr Wachstumspotential, weil jünger und deutscher Nationaltorhüter. Aber Robin hat eine brutale Mentalität. Wenn Du ihn als Nummer zwei hinter Dir hast, dann macht der so viel Druck und gibt so viel Gas und ist einfach in jedem Training 100 Prozent da, bis der Dich rausdrängt. Und Flo muss das noch lernen. Er hat immer so ein bisschen das Problem, und das ist was, das kann man an der Mainzer Schule kritisieren, dass die Jungs ein Stückchen zu weich sind. Das ist generell eine Entwicklung im Nachwuchsfußball, weil den Jungs alles abgenommen wird. Das ist aber auch ein gesellschaftliches Problem – Stichwort Helikoptereltern – die Jungs müssen eine Widerstandsfähigkeit erlangen in der Jugend. Denn oben werden die Ellenbogen richtig ausgepackt. [...]

Robin ist ein anderes Beispiel. Er hat eine Schleimbeutelentzündung und nen dicken Arsch, aber trainiert. Und das habe ich dem Flo gesagt, deswegen kann ich das hier auch so sagen. Das ist der Unterschied. Wenn du ganz nach oben willst, musst du das lernen. Als Torwart gibt es nur eine Position. Die kannst du nicht einfach deinem Konkurrenten geben und sagen, dass der auch gut ist. [...] Deswegen ist für Mainz Robin Zentner der Torwart für die nächsten Jahre. Und ich sehe ihn, auch wenn Danny Latza sich herausragend als Persönlichkeit entwickelt hat und es ohne ihn vermutlich noch ganz eng geworden wäre, als Kapitän der nächsten Jahre. Bei allem Talent, das Flo Müller hat, er braucht diese Härte auch für sich, jedes Trainingsspiel gewinnen zu wollen, kein Trainingsspiel abzuschenken und das kriegt er bei einem Verein, wo mehr Druck ist, wo er rauskommt aus seinem gewohnten Umfeld. [...]

Das kann sich ja Finn Dahmen als dritter Torwart dann in Ruhe anhören, falls er später hinter Robin hervorkommen will.

Finn finde ich auch einen sensationell guten Jungen. Super Einstellung, gibt in jedem Training Vollgas, von der Torwarttechnik her richtig gut, hört zu, will lernen, ist demütig und kann für mich der nächste in der Garde sein. [...] Also da kommt schon wieder der nächste.

Die Sommerreportage der „Hinterhofsänger“ erscheint am Donnerstag, den 27. August. Diese Reportage so wie alle weiteren Folgen des Mainz-05-Podcasts könnt Ihr hier hören.

Das könnte Euch auch interessieren

(df)

Logo