Nino Haase: „Wir brauchen eine neue Rheinbrücke“

Chemiker, Raab-Besieger, Bibelturmgegner - und jetzt will Nino Haase Oberbürgermeister von Mainz werden. Die CDU hat ihn ins Rennen geschickt. Im Merkurist-Interview erzählt er, was er in der Stadt verändern will. Der erste Teil unseres Gesprächs.

Nino Haase: „Wir brauchen eine neue Rheinbrücke“

Es war ein Paukenschlag der Mainzer CDU: Vor knapp einem Monat gab die Partei bekannt, den parteilosen Kandidaten Nino Haase, 35, ins Rennen um das Amt des Oberbürgermeisters zu schicken. Die Wahl ist im September, Haase hat also noch rund ein halbes Jahr Zeit, die Mainzer von sich zu überzeugen. Bekannt wurde er durch die Sendung „Schlag den Raab“ (2009), in der er 3,5 Millionen Euro gewann. In der Mainzer Politik machte er sich als einer der größten Gegner des Bibelturms einen Namen.

Am vergangenen Dienstag stattete er der Merkurist-Redaktion einen Besuch Am Brand ab. In unserem zweiteiligen Interview lest Ihr, was Haase in Mainz verändern will. Im ersten Teil geht es um die Themen Wohnen, Baustellen und Verkehr.

Thema Wohnen

Merkurist: Herr Haase, das Thema, das die meisten Mainzer bewegt, ist wohl die Frage nach bezahlbarem Wohnraum. Die Stadt will bis 2020 mehr als 6500 neue Wohnungen schaffen. Ist das genug?

Haase: Es ist natürlich richtig, neue Wohnungen zu bauen. Ich finde es aber falsch zu sagen: Wir bauen jetzt im Heiligkreuz-Areal 2000 Wohnungen und der OB bezeichnet das als „Großangriff auf den Mainzer Wohnungsmarkt“. Das suggeriert den Leuten, dass dadurch die Mieten sinken würden. Aber das ist nicht der Fall. Der Zuzug nach Mainz bleibt weiter stark.

Wir sind in Mainz finanziell nicht auf Rosen gebettet. Das liegt auch daran, dass Themen wie Wirtschaftsförderung und Wirtschaftsansiedlung sträflich vernachlässigt wurden. Wie sollen wir so die Unternehmen dazu bekommen, sich hier anzusiedeln? Wie sollen wir so gegen den Leerstand in der Innenstadt ankämpfen? Wir müssen den Mainzern vermitteln: Eine wirtschaftsfreundliche Stadt schließt eine soziale Stadt nicht aus. Wenn wir durch mehr Gewerbeansiedlungen mehr Einnahmen generieren, haben wir in der Zukunft beispielsweise auch die Möglichkeit, an Sachen wie der Grundsteuer zu drehen und diese zu senken.

Wenn die Stadt mehr Geld hat, kann sie also auch aktiv dafür sorgen, dass die Mieten nicht überall steigen, sondern an manchen Stellen auch sinken und so die Bevölkerung entlasten. Mainz muss in der Zukunft mehr finanziellen Spielraum haben, um die Lebensqualität für alle hochzuhalten - das ist mein Credo.

Was kann die Stadt noch gegen steigende Mieten tun?

Wir müssen die Attraktivität von Wohngebieten außerhalb der Innenstadt steigern und mit den rheinhessischen Gemeinden viel stärker zusammenarbeiten, vor allem beim ÖPNV. Es gibt Leute, die lieber etwas außerhalb wohnen als in der Stadt. Aber die müssen auch schnell in die Stadt kommen.Wir brauchen eine gute Taktung bei den Öffentlichen bis in die Nachtstunden hinein.

Die CDU hat einen komplett neuen Stadtteil ins Gespräch gebracht: die Rheinhöhe. Sind Sie auch dafür?

Definitiv. Ob es jetzt die Rheinhöhe ist, das muss man prüfen. Ich habe in München gelebt, dort wird jetzt ein komplett neuer Stadtteil geplant und für 30.000 Menschen Wohnungen gebaut. Frankfurt will auch einen neuen Stadtteil errichten. Und das ist es, was ich in Mainz vermisse: aktiv zu werden. Stattdessen wurde die Vorlage der CDU direkt weggewischt, weil sie von der falschen Partei kam. Man darf aber nicht immer nur darauf hoffen, dass irgendwo etwas frei wird. Auch das Heiligkreuz-Areal ist ein Zufallsprodukt. Das ist ja in Ordnung, aber wir müssen auch aktiv werden und wie andere Städte jetzt schon an Stadtteile von morgen denken.

Thema Baustellen

Ein anderes großes Thema in Mainz sind die Baustellen. Bahnhofstraße, Große Langgasse, Boppstraße – auf ein Großprojekt folgt das nächste. Wird zu viel gebaut?

Wir hatten in Mainz natürlich einen Investitionsstau. Aber: Das Baustellenmanagement und die Kommunikation waren einfach schlecht. Das haben der Oberbürgermeister und die Verkehrsdezernentin ja auch selbst eingeräumt. Mussten wir wirklich diese Baustellen gleichzeitig aufmachen? Lustigerweise wird im Wahljahr 2019 keine Großbaustelle aufgemacht. Man sieht also, dass es durchaus strategische Gründe gibt. Natürlich muss die Koordination im Vorfeld auch mit den Gewerbetreibenden abgesprochen werden. Wir dürfen einfach nicht auf dem Rücken der Bürger abladen, was über Jahre vorher verschlafen wurde.

Eine weitere große Baustelle wäre eine Rheinbrücke zwischen Mainz und Wiesbaden.

Mittlerweile hat sich ja sogar Herr Ebling positiv über eine neue Rheinbrücke geäußert. Und das, obwohl der Antrag schon vor langer Zeit von der CDU kam. Wiesbaden hat es jetzt auch geprüft und ist zu dem Schluss gekommen, dass es keine schlechte Idee wäre. Und das ist es auch nicht.

Warum nicht?

Wir brauchen eine neue Brücke, um den Verkehr in der Innenstadt zu reduzieren. Und dafür reicht die Schiersteiner Brücke nicht aus. Deshalb sollten wir über eine zusätzliche Brücke nachdenken, auf der man vielleicht auch noch eine Straßenbahnlinie mitaufnehmen kann. Es läuft ja darauf hinaus, dass die geplante Citybahn über Mainz-Kastel führt. Aber Wiesbaden ist noch nicht durch mit der Prüfung. Der Ball liegt jetzt erst mal dort. Unabhängig davon: Ich glaube, dass diese Region eine zusätzliche Brücke gut verkraften kann.

Gäbe es denn überhaupt realistische Standorte?

Die gibt es. Zum Beispiel auf Höhe der Kaiserbrücke am Zollhafen. Das würde auch die Auto-Ströme von der Theodor-Heuss-Brücke umlenken. Wenn man diese Verkehrsentlastung geschafft hätte, wäre es auch etwas anderes, die Citybahn über die Theodor-Heuss-Brücke zu führen. Aber natürlich dauern Brückenprojekte lange, nach der bisherigen Erfahrung 10 bis 15 Jahre.

Thema Verkehr

Es gibt wenige Parkplätze in Mainz und die, die da sind, sind teuer. Muss die Stadt wieder mehr für die Autofahrer tun?

Ich glaube eher, wir müssen uns klar darüber werden, dass der Auto-Anteil stark reduziert werden muss. Aber ich finde nicht gut, wie die Verkehrspolitik derzeit aussieht: Wir zerschlagen mit der Großen Langgasse einfach eine Hauptverkehrsachse, nehmen die Parkplätze dort weg und sagen den Autofahrern: Schaut mal, wie ihr weiterkommt. Das ist nicht der richtige Weg.

Was ist der richtige Weg?

Ein wichtiges Thema sind große Park and Ride-Anlagen, wofür es einige Standorte gäbe – wie den Europakreisel oder das Messegelände. Es geht vor allem darum, Pendlern einen komfortablen und günstigen Umstieg von ihrem Auto auf öffentliche Nahverkehrsmittel zu ermöglichen. Individualverkehr, auch durch Carsharing, wird und muss immer für die Bevölkerung möglich sein - aber an vielen Stellen kann man ihn reduzieren. Das machen viele andere Städte genauso. Ich bin überzeugt davon, dass das auch in Mainz der richtige Weg wäre.

Also: Verkehrsberuhigung ja, aber bitte mit einem langfristigen Plan und mit Alternativen, auf den ÖPNV umzusteigen. Die existieren ja derzeit nicht. Ich bezweifle, dass die Mainzelbahn auch nur einen Pendler aus der Innenstadt heraushält. Denn es gibt keine Möglichkeit, zum Beispiel an der Saarstraße, das Auto komfortabel stehen zu lassen und auf die Mainzelbahn umzusteigen.

Eine Leserin fragt, wie Sie ein tragfähiges ÖPNV-Konzept für Rheinhessen entwickeln wollen.

Es wurde ja gerade ein Nahverkehrsplan für die nächsten fünf Jahre verabschiedet. Und der hat immer noch kein Konzept für eine bessere Vernetzung des ÖPNV zwischen Mainz und Rheinhessen. Das ist schade. Man spricht dazu seit Jahren von guten Gesprächen, aber wir brauchen auch mal gute Ergebnisse. Sicher ist: Wir werden in Zukunft unseren ÖPNV breiter aufstellen müssen. Aber schafft man das mit der Art, wie die Stadtwerke derzeit ausschreiben?

Oder müssen wir für die Anbindung an Rheinhessen nicht überlegen, auch auf private Unternehmen zu setzen, die kosteneffizienter arbeiten? Mit der aktuellen Struktur schaffen wir es zumindest seit Jahren nicht, eine komfortable Anbindung ins Rheinhessische zu finanzieren. Derzeit gibt es 30- oder 60 Minuten-Takte. Das entspricht überhaupt nicht der Lebensrealität und damit schaffen wir es nicht, die Innenstädte zu entlasten. Auch die schnelle Verbindung der Stadtteile, beispielsweise durch Ringlinien, die nicht über den Hauptbahnhof führen, muss endlich Teil des Mainzer ÖPNV werden.

Eine letzte Frage zum Thema Verkehr: Wie wollen Sie die Fahrradnutzung fördern?

Ich selbst fahre viel Fahrrad. Und das ist in Mainz oft abenteuerlich. Allein die Verkehrsführung: Wie oft muss ich eine Straße kreuzen, wie viele sichere Schutzzonen habe ich? Da fehlt einfach ein Konzept. Wenn wir Fahrradfahrer in den Verkehr integrieren wollen, dann mit eigenen Schutzstreifen, im Idealfall auch farblich markiert.

Außerdem gibt es beispielsweise aus Gonsenheim noch Verbindungen, die nicht mehr gepflegt wurden: Fahrradautobahnen. Aber auch hier gilt: Wir müssen in Mainz mehr Geld erwirtschaften, um solche Projekte anschieben zu können.

Im zweiten Teil unseres Interviews lest Ihr morgen, was Nino Haase für jüngere Leute in Mainz machen will und wie er mit seinem plötzlichen Reichtum nach „Schlag den Raab“ umgegangen ist.

Das Interview führten Peter Kroh und Ralf Keinath.

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