Tabea Rößner: „Das Lomo war eine Institution in Mainz“

Zehn Jahre war Tabea Rößner im Bundestag, jetzt will sie die erste grüne Oberbürgermeisterin von Mainz werden. Im zweiten Teil des Merkurist-Interviews erzählt sie, wie sie zu E-Scootern steht und wie sie Kneipenwirte unterstützen will.

Tabea Rößner: „Das Lomo war eine Institution in Mainz“

Wenn am 27. Oktober der neue Oberbürgermeister oder Oberbürgermeisterin der Stadt Mainz gewählt wird, geht sie für die Grünen ins Rennen. Tabea Rößner, gebürtig aus dem Münsterland, zog vor knapp 30 Jahren nach Mainz und fand hier ihre Heimat. Seit 1986 ist die gelernte Journalistin Mitglied der Grünen, engagierte sich lokalpolitisch und später auch auf Bundesebene. Jetzt will sie die erste Frau und gleichzeitig die erste Grüne an der Stadtspitze werden.

Vergangenen Donnerstag war die Politikerin zu Gast in der Merkurist-Redaktion. Im zweiten Teil geht es um das Thema Klimawandel, ob Rößner schon einmal E-Scooter ausprobiert hat und inwiefern die Arbeit für die Kindernachrichten „Logo“ lehrreich für ihren heutigen Beruf war.

Merkurist: Gerade das Thema Klimawandel wird in den vergangenen Monaten stark diskutiert. Stichwort: Klimaschutz – wo ist Mainz auf einem guten Weg?

Tabea Rößner: Der wichtigste Weg war erst einmal, dass wir hier ein Kohlekraftwerk verhindert haben. Da hat sich aber eine richtige Bewegung über alle Gesellschaftsschichten hinweg gebildet. Wir haben gekämpft, als andere noch nicht an Klimaschutz gedacht haben. Und es hat letztlich zu einer veränderten Politik geführt. Die Stadtwerke und die Kraftwerke Mainz-Wiesbaden setzen heute auf erneuerbare Energien und sind Vorreiter. Das Kohlekraftwerk hätte übrigens Verlust gemacht und wäre auch eine finanzielle Belastung gewesen. Jetzt kann Mainz wieder Vorreiter sein. Zum Beispiel mit einer Solarsatzung. Wir müssen gerade auf die öffentlichen Gebäude Photovoltaik-Anlagen (PV-Anlagen) draufsetzen oder für die Bürgergenossenschaft zur Verfügung stellen. Warum nicht die Leute, die ihr Haus sanieren, und die Genossenschaften zusammenbringen? Solarstrom ist nämlich der günstigste Strom – 10 Cent pro Kilowattstunde. Außerdem brauchen wir mehr Grün in der Stadt. Wenn ich sehe, was es in anderen Städten schon an Fassadengrün gibt, da gibt es hier Nachholbedarf. Das alles kostet Geld und muss erwirtschaftet werden.

Wie wollen Sie das finanzieren?

Wir brauchen dazu eine starke lokale Wirtschaft. Und wir müssen über die Finanzausstattung der Kommunen reden. Vieles zählt zu den so genannten freiwilligen Aufgaben der Stadt. Ich finde gut, dass Finanzdezernent Günter Beck neue Sporthallen vorausschauend mit Tribünen ausrüstet, denn unsere Vereine haben Erfolg und freuen sich über Zuschauer. Aber auch das gilt als freiwillige Leistung. Völlig absurd! Im Zweifel setzt die Kommunalaufsicht dort als erstes den Rotstift an, auch bei Klimaschutz oder Nahverkehr. Dabei gehört Klimaschutz meiner Ansicht nach zu den Pflichtaufgaben. Das kostet aber eben auch Geld, und da müssen die Kommunen auch in die Lage versetzt werden, diese Aufgaben zu stemmen.

Die Deutsche Umwelthilfe fordert ein Böllerverbot in 31 Städten, darunter auch Mainz: Wie stehen Sie zu diesem Thema?

Natürlich ist so eine Silvesternacht, was die Feinstaubbelastung betrifft, schon heftig. Aber offen gesagt: Ich gucke auch gerne Feuerwerke an, gemeinsam mit anderen, zum Beispiel beim Johannisfest. Und das Leben soll ja auch Freude und Spaß bringen. Ich glaube aber, dass tatsächlich ein Umdenken stattfindet. Neulich war ich überrascht, als ich eine Umfrage las, bei der die Mehrheit für ein Verbot war. Wahrscheinlich wird man die Böllerei nicht ganz verhindern. Aber wenn man ein zentrales Feuerwerk hätte, um das Jahr zu begrüßen, hätten alle etwas davon. Was den Feinstaub angeht: Weniger alltäglicher Verkehr und ein gestärkter ÖPNV leisten dazu einen großen Beitrag. Wer hätte gedacht, dass Mainz einmal dank grüner Politik ein Fahrverbot abwendet?

In Mainz hat in dieser Woche der erste E-Scooter-Verleih seinen Betrieb aufgenommen. Wie stehen Sie diesem neuen Verkehrsmittel gegenüber?

Ich selbst bin immer noch klassisch mit dem Rad unterwegs, denn da muss man sich körperlich auch ein bisschen anstrengen. Aber ich finde die Scooter erst einmal gut. Die Leute, die nicht Fahrrad fahren wollen, sind damit mobil. Aber natürlich muss das Miteinander im Straßenverkehr stimmen. Das ist jetzt ein Lernprozess. Mobilität insgesamt ändert sich, daran müssen wir uns auch städtebaulich anpassen. In der Klimabilanz sind Scooter jedenfalls besser als Autos und jedes Auto, das nicht fährt, bringt mehr Platz auf der Straße. Auch die Batterieproduktion wird zunehmend umweltfreundlicher.

Haben Sie selbst schon einmal auf einem E-Scooter gestanden?

Ja, macht Spaß. Aber man unterschätzt leicht, dass diese E-Scooter schnell sind. Deswegen ist es sehr wichtig, dass die Regeln klar sind. Man kann eben nicht einfach durch Fußgängerzonen rasen oder die Scooter quer auf den Fußweg legen.

Können Sie sich vorstellen, dass in zehn Jahren nur noch Fußgänger, Radfahrer und E-Scooter in der Innenstadt unterwegs sind?

Individualverkehr wird es immer geben, weil es für manche notwendig ist. Attraktive Innenstädte sind aber oft die, in denen keine Autos fahren. Auch das ist ein Wirtschaftsfaktor. Es ist schöner, wenn man ruhig durch die Stadt laufen und auch verweilen kann. Man muss nur aufpassen, welchen Schritt man zuerst macht. Nahverkehr und Radrouten ausbauen, Park & Ride-Plätze schaffen. Und dann kann man langsam auch Verkehr aus der Innenstadt nehmen. Diese Vision habe ich.

L’Arcade, Lomo, Viva Moguntia: In den vergangenen Monaten ist ein starkes Kneipensterben in Mainz zu beobachten. Inwiefern kann die Stadt da eingreifen und die Betreiber unterstützen?

Das ist eine Frage der Wirtschaftlichkeit. Die Mieten wurden teilweise extrem erhöht. Gerade beim Lomo zum Beispiel tut das weh, denn es war eine Institution in Mainz. Wenn da jetzt noch eine Kette reinkommt, ist es einfach nicht dasselbe. Gerade diese von einem Wirt geführten Kneipen sind ja Begegnungsstätten, in der der Inhaber auch mal mit am Tisch sitzt und man vieles über die Stadt und ihre Menschen erfährt. Es wäre schade, genau das zu verlieren. Gut wäre, die örtlichen Gastronomen bei den Festen einzubinden, damit sie davon profitieren. Außerdem arbeitet die grüne Bundestagsfraktion an einem Gesetzentwurf, in dem auch für Kleingewerbe Kündigungsschutz und Mieterhöhungen besser geregelt werden.

„Ich finde, es ist nach 70 Jahren auch mal Zeit für eine Frau an der Spitze der Stadt.“

Sie haben früher als Autorin für die Kindernachrichten-Sendung „Logo“ gearbeitet. Inwiefern war diese Zeit für Ihren heutigen Job lehrreich?

Ich habe gelernt, komplizierte Sachverhalte verständlich darzustellen ohne ungenau zu sein. Das hilft in der Politik, weil sie immer komplexer geworden ist. Außerdem hilft mir meine Erfahrung, Menschen für Politik zu begeistern. Die Frage lautet ja immer: Was hat das eigentlich mit mir zu tun? Bei „Logo“ haben wir daher überlegt, wie wir Politik für Kinder so interessant machen, dass sie wissen, das hat diese oder jene Auswirkungen auf mein Leben. Außerdem hilft es, die Politik durch Kinderaugen zu sehen. Dann behält man auch die Zukunft und die großen Fragen im Blick und verzettelt sich nicht nur im Klein-Klein.

Sie könnten die erste Oberbürgermeisterin von Mainz werden. Gleichzeitig auch die erste gewählte Grüne in dieser Position, nachdem Günter Beck das Amt schon einmal für einige Monate kommissarisch übernommen hatte. Haben Sie sich mit diesem Gedanken schon mal auseinandergesetzt?

Ich bin eine Frau, daran kann ich nichts ändern (lacht). Es ist aber letztlich egal, ob man eine Frau oder ein Mann ist, es kommt auf die Ziele und den Erfahrungshorizont an. Mit der Erfahrung als berufstätige Mutter habe ich sicherlich einen anderen Blick auf das Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf, auf Kitaplätze oder Schulsituation. Deshalb bin ich vor zwanzig Jahren in die Kommunalpolitik eingestiegen. Ich fände es jedenfalls toll, wenn Mainz Geschichte schreiben würde und die erste grüne Oberbürgermeisterin deutschlandweit bekommt. Ich finde, es ist nach 70 Jahren auch mal Zeit für eine Frau an der Spitze der Stadt.

Sie sind ja im Vergleich zu den anderen Kandidaten mit Ihrer Kandidatur recht spät an die Öffentlichkeit gegangen. Hätten Sie sich auch zur Wahl gestellt, hätten die Grünen bei der Europa- und Kommunalwahl nicht so gut abgeschnitten?

Ja. Schon vor über einem Jahr bin ich auf eine Kandidatur angesprochen worden. Wir haben das in der Partei sehr freundschaftlich diskutiert und waren uns vor der Kommunalwahl einig. Wir wollten aber bewusst die Kommunalwahl nicht mit der OB-Frage überlagern; uns geht es um Inhalte. Ich will eine Oberbürgermeisterin für alle Mainzer sein, aber es ist immer gut, wenn das Amt auch durch eine starke Fraktion im Rat getragen wird.

Das Interview führten Peter Kroh und Denise Frommeyer.

Hier geht es zum ersten Teil des Interviews. (nl)

Logo