Sandro Schwarz: „Liebe zu unterdrücken - das finde ich unvorstellbar“

Warum war Sandro Schwarz Schirmherr der Mainzer Sommerschwüle? Und wie lebt es sich als bekannter Bundesligatrainer? Das hat uns der Mainz 05-Trainer im Merkurist-Interview verraten.

Sandro Schwarz: „Liebe zu unterdrücken - das finde ich unvorstellbar“

Mainz-Trainer Sandro Schwarz steht vor seiner dritten Saison als Bundesligatrainer. Seit rund einer Woche bereitet er die Mannschaft auf die kommende Spielzeit vor. Merkurist hat den Trainer zum Interview im Bruchwegstadion getroffen. In Teil 2 unseres Interviews spricht Schwarz über seine Schirmherrschaft bei der Mainzer Sommerschwüle, seine Freundschaft zu Gladbach-Coach Marco Rose und darüber, was Bundesligatrainer in ihrer Freizeit machen.

Sie waren Ende Juni als Bundesligatrainer Schirmherr der Mainzer Sommerschwüle. Wie kam es dazu?

Ich habe eine Anfrage bekommen und fand das Thema total spannend und interessant. Deswegen habe ich mich dafür entschieden, als Schirmherr mitzumachen. Manche, auch im Leistungssport, müssen ihre Liebe zu einem Menschen unterdrücken, weil sie Angst haben müssen vor Anfeindungen - das finde ich unvorstellbar. Liebe ist doch das schönste Gefühl, das es gibt. Ich bin ein emotionaler Mensch und empfinde die Situation, nicht man selbst sein oder lieben zu können, wen man eben liebt, als schlimm.

Deswegen möchte ich die öffentliche Aufmerksamkeit, die mit der Position eines Bundesligatrainers einhergeht, nutzen, um die Öffentlichkeit auf dieses Thema aufmerksam zu machen.

Sie haben schon vor der Sommerschwüle gesagt, dass Homophobie, Sexismus und Rassismus in den Fußballstadien noch immer präsent sind. Haben Sie das schon persönlich mitbekommen, sei es in Mainz oder in Auswärtsstadien?

Es gab 2018 einen Vorfall bei einem Auswärtsspiel in Hannover. Leon Balogun und Anthony Ujah haben beide nicht von Anfang an gespielt und sich in der zweiten Halbzeit neben dem Hannoveraner Tor aufgewärmt - vor dem Hannover-Fanblock. Leon und Tony wurden dort rassistisch beschimpft. Ich habe die beiden am Tag später noch in der Kabine sehr aufgewühlt erlebt, das hat mich total bewegt und berührt.

Sie wurden vor rund 20 Jahren Profifußballer. Das war eine andere Zeit, was hat sich seitdem in Sachen Homophobie, Sexismus, Rassismus im Fußball zum Positiven entwickelt?

Ich glaube, vieles ist offener geworden, da haben wir schon Schritte gemacht. Es gibt trotzdem noch große Schritte zu gehen, was Toleranz angeht. Man stellt sich die Frage: Wie geht man damit in den Stadien um? Ich würde mir wünschen, dass sich homosexuelle Spieler und Fans weder unterdrückt fühlen noch Angst davor haben müssen, ihre Liebe offen zu leben.

Ich habe auch am Samstag auf der Sommerschwüle gesagt, dass ich ein Problem mit dem Wort „outen“ habe. Warum muss man sich outen? Das hat etwas von einem Geständnis, dabei gibt es nichts zu gestehen. Du lebst in einer Gesellschaft und liebst halt einen Kerl oder eine Frau liebt eine Frau. Das muss für alle das Normalste auf dieser Welt sein. Daran müssen wir alle arbeiten - nicht nur die Medien oder die Trainer und Spieler. Man sollte Menschen so behandeln, wie man selbst gerne behandelt werden möchte - und da hat Ausgrenzung nichts zu suchen.

Ihren Sommerurlaub haben Sie nicht nur für gesellschaftliches Engagement genutzt. Beim Finale der RTL-Show „Let‘s Dance“ haben Sie Ihren Kumpel Pascal „Pommes“ Hens moralisch unterstützt. Mit Erfolg: Er gewann die Show. Hätten Sie sich eigentlich zugetraut, auch mitzutanzen?

Wenn ich an die sensationelle Entwicklung von „Pommes“ denke, dann ist das der Beweis dafür, dass wir es alle schaffen können (lacht). Ich habe mir aber ehrlicherweise keine Gedanken darüber gemacht, ob ich das auch machen würde.

Auch Ihr Ex-Mitspieler Marco Rose saß mit Ihnen im Publikum. Früher haben sie sogar in einer WG zusammengewohnt. Am zweiten Spieltag werden Sie sich spätestens wiedersehen - er wird als Trainer von Borussia Mönchengladbach in die OPEL ARENA kommen. Haben Sie schon eine Wette für das Spiel vereinbart?

Nein, die wird es auch nicht geben. Wir haben uns per SMS kurz ausgetauscht, nachdem der Spielplan veröffentlicht wurde. So, wie ich uns beide kenne, werden wir uns herzlich empfangen, herzlich verabschieden und dazwischen natürlich auch über das Spiel reden. Es wird keine große Genugtuung des Gewinners gegenüber dem Verlierer geben.

Kommt das Aufeinandertreffen vielleicht sogar zu früh?

Nein, das ist gut so: zweiter Spieltag, sein erstes Auswärtsspiel und unser erstes Heimspiel. Ich wüsste auch kein Argument, warum die Begegnung zu einem späteren Zeitpunkt der Saison besser wäre.

Vielleicht sind Sie ja dann beide…

…nicht mehr im Amt? (lacht).

So meinten wir das nicht. Aber es wird komisch sein, neben seinem ehemaligen Mitbewohner aus dem Spielertunnel zu kommen und sich obligatorisch die Hand zu reichen, oder?

Wir haben das ja schon einmal als Spieler erlebt. Ich habe damals zu Zweitligazeiten beim SV Wehen Wiesbaden gespielt, Marco Rose bei Mainz 05 - und da haben wir sogar noch zusammen gewohnt. Wir wissen also schon ungefähr, wie sich das anfühlen wird. Aber ja, es ist schon etwas Besonderes, wenn die beiden besten Freunde in einem Bundesligaspiel als Trainer aufeinandertreffen. Es ist für die Medien aber wahrscheinlich ein größeres Thema als für uns. Unsere Eltern sind stolz auf uns und darauf, wie sie uns erzogen haben - unabhängig vom Job als Bundesligatrainer. Wenn sie uns da an der Seitenlinie sehen, werden sie sicher auch denken, das kann doch alles nicht wahr sein.

Mainz 05 ist zuletzt wieder nahbarer geworden: Es gab zum Beispiel eine eigene Fastnachtssitzung und eine Kneipenaktion, bei der Sie und die Spieler sich bei den Fans bedankt haben. Sind solche Aktionen für Sie als Trainer eine willkommene Abwechslung?

Das macht mir total viel Spaß! Unabhängig von meinem Beruf als Trainer: Ich bin einfach gerne unter Menschen, unterhalte mich gerne und habe gerne Spaß mit Menschen. Da führe ich auch mal tiefere oder intensivere Gespräche. Wenn das jetzt jede Woche wäre, würde ich natürlich ein Problem mit meiner Familie bekommen (lacht).

Ich gehe da hin, habe Spaß und mal ehrlich: Es sind ja auch nur zwei Stunden, in denen man Menschen auch mal glücklich machen kann. Oder auch nicht (lacht). Ich finde das aber auch wichtig für uns als Klub. Dass der Verein das Motto herausgibt, wieder in die Stadt zu gehen, ist herausragend. Und wir als Team müssen das leben. Auch die Teilnahme am Rosenmontagszug ist so eine Sache: Warum sollten wir Dinge nicht machen, die ein integraler Bestandteil unserer Tradition und unserer Kultur sind?

Übrigens: Uns wurde in der vergangenen Woche ein Video zugespielt, das Sie in der Altstadtkneipe „Viva Moguntia“ beim Bier-Pong-Spielen mit Fans zeigt (Anm.: Ein Trinkspiel, bei dem man Ping-Pong-Bälle in Bierbecher werfen muss). So etwas macht aber auch nicht jeder Bundesligatrainer, oder?

(Lacht) Oh ja, das war während der Mainzer Johannisnacht.

Wie kam es denn dazu?

Ich habe Kleingeld gebraucht, deswegen bin ich in die Kneipe gegangen. Da standen ein paar Jungs, die mich sofort erkannt haben. Da ich das Spiel auch kenne, habe ich gedacht: Dann spiele ich jetzt eben eine Runde mit. Es war aber nicht mal eine ganze Runde, vielleicht drei oder vier Würfe.

Waren Sie denn gut in dem Spiel?

Nein, ich habe nicht getroffen. Aber zum Trainieren komme ich nicht, da gibt es für mich wichtigere Dinge.

Wie oft kann man als Bundesligatrainer denn einfach mal so auf ein großes Fest gehen? Werden Sie nicht ständig erkannt?

Ich mache mir null Gedanken darüber, wie oft ich das machen kann. Klar ist: Zeitpunkt oder Timing sind wichtig. Man muss ein Gefühl dafür entwickeln, in welcher Phase man sich als Verein gerade befindet. Rauszugehen bedeutet aber nicht, dass man als Trainer seine Arbeit vernachlässigt. Nur weil ich Bundesligatrainer bin, kann ich ja trotzdem mit meiner Familie oder meinen Kumpels mal essen gehen.

„Und wenn ich Lust darauf habe, dann spiele ich eben auch mal eine Runde Bier-Pong.“ - Sandro Schwarz

Und wenn mich Leute erkennen und Lust haben, zwei oder drei Sätze mit mir zu reden, ist das doch vollkommen okay. Ob ich jetzt in dieses oder jenes Café gehen kann oder ob ich öffentlich um 23 Uhr noch den Zehn-Euro-Schein wechseln lasse, darüber mache ich mir keine Gedanken. Diese Freiheit möchte ich mir auch bewahren. Und wenn ich Lust darauf habe, dann spiele ich eben auch mal eine Runde Bier-Pong.

Vielen Dank für das Gespräch, Sandro Schwarz!

Das Interview führten Ralf Keinath und Peter Kroh. In Teil 1 unseres Interviews ging es um den Pokal-Kracher gegen den 1. FC Kaiserslautern, die Hausaufgaben eines Trainers im Sommerurlaub und das Ziel, ins DFB-Pokal-Finale zu kommen. (rk/mm)

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