OB Ebling: „Ich verstehe es vom Kopf her, aber das Herz zuckt manchmal“

Auch für den Mainzer Oberbürgermeister Michael Ebling ist die Corona-Krise eine Herausforderung. Welche persönlichen Erfahrungen macht er damit? Teil 2 unseres Interviews.

OB Ebling: „Ich verstehe es vom Kopf her, aber das Herz zuckt manchmal“

Große Feste werden abgesagt, zahlreiche Läden und Restaurants sind geschlossen: Die Corona-Krise hat Mainz fest im Griff. Wir haben Oberbürgermeister Michael Ebling zum Interview in seinem Büro in der Großen Bleiche getroffen – natürlich mit gehörigem Sicherheitsabstand. Im zweiten Teil unseres Interviews spricht er über das Dieselfahrverbot, das kreative Potenzial der Krise und seine persönlichen Erfahrungen.

Es gibt ja noch andere Themen als Corona, die derzeit ein bisschen untergehen. Zum Beispiel wurde das Dieselfahrverbot auf Oktober verschoben. CDU und FDP fordern, das Verbot ganz aufzuheben. Wie stehen Sie dazu?

Manche Themen gehen tatsächlich etwas unter. Das ist aber nicht gewollt oder gemacht. Die Aufgaben der Stadt haben sich einfach momentan verschoben. Ich habe nie für das Dieselfahrverbot gekämpft, weil ich darin irgendeinen Erfolg sehe, sondern ich vertrete es, weil wir als Stadt 2018 ein Urteil bekommen haben, dass Fahrverbote in unserem Luftreinhalteplan verankert sein müssen. Es ist die logische und juristische Konsequenz, dass das Verbot jetzt kommt, da wir auf weiten Teilen der Rheinachse die Stickoxidgrenzwerte weiter überschreiten. Da Gesundheitsschutz und die Einhaltung der Gesetze vorgehen, ist dieses streckenbezogene Fahrverbot geboten. Ich stehe da jetzt auch nicht mit Applaus und stolz erfüllter Brust neben dran. Ich halte das natürlich für eine Belastung, aber wir halten die Messwerte eben nicht ein. Mit milderen Maßnahmen versuchen wir so aber ein Fahrverbot für die gesamte Innenstadt zurückzudrängen.

Hat Verkehrsberuhigung durch die Corona-Krise schon einen Effekt auf die Luftqualität?

Ja! Durch die Einschränkungen haben wir derzeit gute Werte. Die Stadt ist runtergefahren, auf der Rheinachse ist kaum etwas los. Am Ende ist aber entscheidend, wie ist das Jahresmittel, wenn wir Normalbetrieb haben. Und wir hoffen ja, dass wir diesen bald wieder haben.

Viele Gastronomen, Einzelhändler und Kulturschaffende haben sich ja schon einiges einfallen lassen, um ein Stück Normalität zurückzubringen. Wie nehmen Sie das wahr?

Es ist schön zu sehen, dass wir trotzdem die Kreativität nicht verlieren. Das ist eine positive Seite der Krise. Aber auch, wie wir mit digitalen Medien umgehen. Unser Peter-Cornelius-Konservatorium hat zum Beispiel auch auf Videoprogramme oder digitale Plattformen umgestellt. Ich sehe auch in fast allen Stadtteilen, dass es Initiativen gibt, wo Leute sagen: „Ich will irgendwas tun“. Jetzt zeigt die Gesellschaft ihre wirklich starke und soziale Seite. Das ist ein großes kreatives Potenzial und ich sehe, dass auch Künstler das nutzen, um sichtbar zu bleiben. Und es gibt Dinge, die können in der Zeit deutlich machen, dass Menschen auch die schwierigsten Situationen beherrschen, indem wir einfach Mensch sind. Indem wir kreativ werden oder etwas Außergewöhnliches zeigen. Das ist für mich ein Zeichen, das mir Zuversicht gibt. Wir wissen ja noch nicht, wie lange dieser Zustand anhalten wird und wie er sich lösen wird – da könnte man nur spekulieren. Es wird auch wieder Normalität kommen, vielleicht eine gereiftere Normalität. Eine, die Werte der zwischenmenschlichen Beziehungen und Mitmenschlichkeit stärker betont.

Sie sind jetzt offiziell in Ihrer zweiten Halbzeit, wie Sie es im Wahlkampf genannt haben. Konnten Sie die Amtseinführung etwas genießen?

Natürlich hätte ich mir gewünscht, dass es ein feierlicherer Rahmen gewesen wäre, in dem man mit einem Glas Wein anstoßen und normal miteinander reden kann. Das soll jetzt eben nicht so sein, deswegen haben wir es auf das Notwendigste zusammengekürzt. Mein Vertreter Günter Beck (Grüne) hat mir also die Urkunde überreicht – und er hat es sich ja auch nicht nehmen lassen, ein paar ironische Worte fallen zu lassen, die mir sehr gut gefallen haben. Im Moment stehen aber einfach andere Dinge im Vordergrund. Und ich habe mich daran erinnert, dass es momentan unglaublich viele Kinder gibt, die ihren Geburtstag nicht richtig feiern können, weil sie nicht mal ihre Freunde einladen können. Ich glaube, die haben viel mehr gelitten als ich.

„Ich verstehe es vom Kopf her, aber das Herz zuckt manchmal.“ - OB Ebling

Herr Beck hat das alles auch mit dem nötigen Sicherheitsabstand gemacht.

Ein kleines bisschen war das auch parodistisch, das gebe ich gerne zu. Aber wir wollten auch nicht den Eindruck erwecken, als würden für uns die Abstandsregeln nicht gelten. Ich habe es mir auch selbst auferlegt, dass ich soziale Kontakte minimiere. Ehrlich gesagt, leide ich auch sehr darunter, denn es ist das Gegenteil von dem, was ich mag und was ich vom eigentlichen Job sonst gewohnt bin. Es ist auch eine Erfahrung, von der ich hoffe, dass sie nicht lange anhalten muss. Zum Beispiel, wenn ich im Supermarkt Menschen begegne und dann plötzlich ausweiche. Früher wäre ich auf sie zugegangen und hätte etwas Freundliches gesagt. Jetzt verschanzt man sich im nächsten Regal und wahrt den Sicherheitsabstand. Es ist manchmal befremdlich. Ich verstehe es vom Kopf her, aber das Herz zuckt manchmal.

Wenn Menschen auf Sie zukommen – wie regeln Sie das?

Ich war vor einer Woche auf dem Wochenmarkt und es war tatsächlich so, dass es bei ein bis zwei Leuten für einen Moment fast hätte normal werden können, aber dann setzt der Verstand ein und man hält Abstand. Das zeigt mir, wie einsichtsfähig die Menschen sind. Aber wie gesagt: Das sollte nicht der Normalzustand werden.

Haben Sie selbst Angst vor einer Ansteckung? Wie gehen die Menschen in Ihrem Umfeld damit um?

Nein, ich habe selbst keine Angst vor einer Ansteckung. Wir können uns alle am Ende vermutlich nicht davor schützen und wahrscheinlich werden wir in einem hohen Prozentsatz selbst das Virus bekommen. Wir müssen keine Symptome zeigen, aber vielleicht sind wir Träger des Virus. Davor können wir uns am Ende alle nicht schützen. Daher habe ich keine Angst oder Sorge. Ich kann gerne darauf verzichten, aber ich hoffe, dass es bei mir vergleichbar wie bei einer milden Grippe verlaufen würde. Normalerweise ist meine körperliche Konstitution mehr als ordentlich. Das eigentliche Thema ist, dass es in unserer Gesellschaft Gruppen gibt, die Risikopatienten sind. Dieser Anteil ist zwar gering, aber wenn dieser Anteil bei einer Pandemie in einem engen Zeitraum erkrankt, dann kommen wir schnell an die Grenzen unseres Gesundheitssystems. Wir können im Moment bei reduzierter Leistung, auch als Verwaltung, die Daseinsvorsorge nach wie vor zuverlässig erfüllen. Wir wollen uns keine Situationen vorstellen, in denen dieses durch Ausfall von Mitarbeitern auch noch krisenhaft wird.

„Wir bemerken, dass es 90 Prozent der Menschen auf dem Erdball noch schlechter geht.“ - OB Ebling

Worauf freuen Sie sich nach der Corona-Krise am meisten?

Ich habe schon zu Hause gesagt: Wenn es wieder das erste Marktfrühstück gibt, wo man sich bedenkenlos auch in der Nähe begegnen kann, dann wird das der Tag sein, den ich mir ganz besonders vormerke. Vor allem, weil ich es vermisse, was ich an dieser Stadt liebe und was ich mit den Menschen teile, nämlich dass man gesellig zusammenkommt. Diese Erfahrung ist neu und ich hoffe, dass ich auch daraus etwas mitnehme, was den Wert von solchen Begegnungen und verlässlichen Beziehungen angeht. Ich bin dann schon froh, dass man Menschen kennt, um sicher zu sein, dass man nicht allein ist. Ich möchte derzeit nicht mit jemandem tauschen, der in so einer Situation tatsächlich auf sich allein gestellt ist.

Was können wir aus der Krise lernen?

Vielleicht nehmen wir aus dieser Krise mit, dass es ein paar Werte gibt, die für unser Zusammenleben so essenziell sind, dass wir sie nicht als selbstverständlich betrachten. Ich nehme auch die Erfahrung mit, dass es nicht das Schlechteste ist, wenn man im Supermarkt nicht alles bekommt (lacht). Dass man in den Supermarkt geht, etwas im Kopf hat und damit rausgeht, das ist eben gerade nicht so. Ich finde, dass das gar keine blöde oder lächerliche Erfahrung für die Gesellschaft ist, die in den vergangenen Jahren sehr viel, manchmal sogar zu viel, konsumiert hat. Wir bemerken, dass es 90 Prozent der Menschen auf dem Erdball noch schlechter geht.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Ebling.

Das Interview führten Ralf Keinath und Denise Frommeyer.

Im ersten Teil unseres Interviews spricht Ebling über den Stand bei den Mainzer Sommerfesten, den finanziellen Schaden für die Stadt und darüber, welche Maßnahmen ihm zu weit gehen würden. (rk)

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