Bischof Kohlgraf: „Auch ich brauche Freundschaften und Beziehungen“

Seit 2017 ist der gebürtige Kölner Peter Kohlgraf Bischof von Mainz. Im zweiten Teil unseres Interviews spricht der Bischof über Kirchenaustritte, Zölibat und seinen Vorgänger Kardinal Lehmann.

Bischof Kohlgraf: „Auch ich brauche Freundschaften und Beziehungen“

Von der Katholischen Hochschule zum Bischof von Mainz: Im Jahr 2017 wurde Peter Kohlgraf (52) Nachfolger von Kardinal Lehmann. In der vergangenen Woche besuchte er die Merkurist-Redaktion. Im zweiten Teil unseres großen Interviews spricht Kohlgraf über Missbrauchsskandale in der katholischen Kirche und verheiratete Priester. Den ersten Teil unseres Interviews könnt Ihr hier lesen.

Merkurist: Im Jahr 2018 gab es so viele Kirchenaustritte im Bistum Mainz wie sonst nur im Jahr 2014. Wie sieht Ihre Strategie aus, dem entgegenzuwirken?

Kohlgraf: Als Reaktion auf die Missbrauchsskandale gehen wir in Deutschland jetzt den „Synodalen Weg“. Wir wollen weiter an unserer Glaubwürdigkeit arbeiten, uns den Problemen stellen. Es gibt nicht die Patentlösung bei der Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch. Aber ich finde, im Bistum Mainz sind wir auf einem guten Weg. Wir sprechen intensiv mit Fachleuten, ich habe auch Gespräche mit Betroffenen geführt. Aber klar ist auch: Das wird viele Menschen nicht davon abhalten, sich mit dem Kirchenaustritt zu beschäftigen.

Die Frage ist auch: Wie können wir gerade mit jungen Leuten im Gespräch bleiben? Ich glaube, dass unsere Botschaft immer noch eine gute ist. Aber wir leben in einer Zeit, in der große traditionsreiche Institutionen insgesamt ein Problem haben. Etwa die Parteien. Leute binden sich nicht mehr so stark an Ideen. An „Fridays for Future“ sieht man aber, dass sich Menschen sehr wohl für konkrete Themen engagieren. Dennoch müssen wir als Kirche natürlich für unsere Ideen werben - und sie vor allem begründen. Ich kann heute nicht mehr sagen: Das hat der liebe Gott vom Himmel geschickt, jetzt macht das mal. Aber das ist doch eine gute Entwicklung. Ich halte eine plurale Gesellschaft mit verschiedenen Sinnanbietern für eine gute Sache. Ich will weder Gottesstaat noch Staatsreligion.

„Wenn ich nachts die Krise kriegen würde, wüsste ich, wo ich anrufen kann.“

Sie haben mal in einem Interview gesagt: „Ich hielte verheiratete Priester in bestimmten Regionen weder für einen Angriff auf die Weltkirche noch auf das Priesteramt.“ Würden Sie denn verheiratete Priester in Deutschland als Angriff auf die Weltkirche und das Priesteramt sehen?

Wir haben ja schon verheiratete Priester: zum Beispiel ehemals evangelische Pfarrer, die ihre Konfession gewechselt haben. Die bleiben selbstverständlich bei ihrer Familie. Ich sehe es überhaupt nicht als Angriff, wenn nebenan ein Priester mit Familie wohnt. Aber ich will auch nicht die Botschaft senden: Ihr Zölibatären seid die letzten Mohikaner. Es gibt sehr viele Priester, die sich darum bemühen, was sie tun, auch geistlich zu füllen. Auch ich lebe zölibatär und mache das auch aus einer inneren Haltung. Es war meine freie Entscheidung, so zu leben. Jede Lebensform hat ihre eigene Schönheit und ihre eigenen Chancen. Zölibatär leben heißt nicht einsam sein. Auch ich brauche Freundschaften und Beziehungen. Ich habe einen sehr engen und guten Freundeskreis - und nicht nur Priester, sondern auch „normale Leute“. Wenn ich nachts die Krise kriegen würde, wüsste ich, wo ich anrufen kann.

Als Mainzer Bischof sind Sie in große Fußstapfen getreten. Kardinal Lehmann war eine richtige Institution in Mainz. Wollen Sie das auch werden oder bewusst andere Wege gehen?

Ich bleibe meinem Naturell treu. Weder Kardinal Lehmann hat von mir verlangt, dass ich genauso werden soll wie er, noch die Menschen in der Diözese. Jede Zeit braucht eine eigene Persönlichkeit. Jetzt bin ich knapp drei Jahre Bischof von Mainz. Die Füße wachsen natürlich auch mit dem Gehen. Das war bei Kardinal Lehmann sicher genauso. Auch er hatte einen großen Vorgänger mit Kardinal Volk. Es wird sich zeigen, ob die Mainzer nach 25 Jahren sagen: Das war ne tolle Zeit.

„Die katholische Kirche soll auch ruhig ihr Fett wegbekommen.“ - Bischof Kohlgraf über „Mainz bleibt Mainz“

In Mainz hat jetzt die wichtigste Zeit des Jahrs begonnen: die Fastnacht. Sie saßen in der Vergangenheit schon bei „Mainz bleibt Mainz“ im Publikum. Mit welchem Gefühl sitzt man da? Gerade die katholische Kirche bekommt ja gerne mal ihr Fett weg.

Die katholische Kirche soll auch ruhig ihr Fett wegbekommen. Über die meisten Themen kann ich auch wirklich herzhaft lachen. Beim letzten Mal wurde auch sehr deutlich das Missbrauchsthema aufgespießt. Da ist es für mich als Bischof schwierig, in schallendes Gelächter auszubrechen. Dafür ist das Thema einfach nicht geeignet. Aber ich will den Fastnachtern nicht ihre Themen vorschreiben. Man darf über den Bischof spotten und man darf über die Kirche spotten. Da bin ich ganz entspannt - und werde auch dieses Jahr wieder hingehen.

Vielen Dank für das Gespräch, Bischof Kohlgraf!

Das Interview führten Ralf Keinath und Denise Frommeyer. (df)

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