Tabea Rößner: „Das Lebensgefühl der Stadt ist bedroht“

Zehn Jahre war Tabea Rößner im Bundestag, jetzt will sie die erste grüne Oberbürgermeisterin von Mainz werden. Im ersten Teil des Merkurist-Interviews erzählt sie, warum das kein Karriererückschritt für sie ist und was Mainz lebenswert macht.

Tabea Rößner: „Das Lebensgefühl der Stadt ist bedroht“

Wenn am 27. Oktober der neue Oberbürgermeister oder Oberbürgermeisterin der Stadt Mainz gewählt wird, geht sie für die Grünen ins Rennen. Tabea Rößner, gebürtig aus dem Münsterland, zog vor knapp 30 Jahren nach Mainz und fand hier ihre Heimat. Seit 1986 ist die gelernte Journalistin Mitglied der Grünen, engagierte sich lokalpolitisch und später auch auf Bundesebene. Jetzt will sie die erste Frau und gleichzeitig die erste Grüne an der Stadtspitze werden.

Vergangenen Donnerstag war die Politikerin zu Gast in der Merkurist-Redaktion. In unserem zweiteiligen Interview lest Ihr, was Mainz für Tabea Rößner attraktiv macht und wie sie sich zum Thema Wohnen äußert.

Merkurist: Frau Rößner, nach zehn Jahren als Mitglied des Deutschen Bundestags – warum wollen Sie zurück nach Mainz? Ist Berlin so hässlich oder reizt Sie das Amt der Oberbürgermeisterin so sehr?

Tabea Rößner: Ich war nie weg aus Mainz. Mainz ist meine Heimat. Auch politisch, selbst während ich im Bundestag war. Dort bin ich zwar in meiner Fraktion für Digital- oder Verbraucherpolitik zuständig, aber ich habe mich immer auch für Mainz engagiert, zum Beispiel gegen Fluglärm, Bahnlärm, für die Städtebauförderung oder für ein unabhängiges ZDF. Und ich war ja auch bis 2012 sowie von Dezember bis jetzt Mitglied des Stadtrats. Global denken, lokal handeln – dies hat mich immer angetrieben.

Viele, die schon einmal in Berlin waren, würden diese Entscheidung vielleicht auch als Karriererückschritt ansehen.

Ich sehe das nicht so. Das Schöne ist ja, dass Lokalpolitik so unmittelbar ist. Man lebt in der Stadt und gestaltet sie mit. Ich bin immer Mainzerin geblieben. Wenn meine Töchter so alt sind wie ich, sollen auch sie das Mainz erleben, das wir heute schätzen und lieben. Aber damit es liebenswert bleibt, müssen wir es verändern und entwickeln. Ich sehe schon, dass das Lebensgefühl der Stadt bedroht ist. Nicht nur das meteorologische Klima verändert sich, auch das gesellschaftliche. Es geht bei dieser Wahl daher um Grundsätzliches.

Was bedeutet das?

Es geht um Fragen, wie wir der Klimakrise begegnen können und was die Stadt für den Klimaschutz tun kann. Es geht aber auch um das Auseinanderdriften unserer Gesellschaft. Wie gestalten wir Mainz, damit sich alle ein Leben hier leisten können, nicht nur Reiche? Was stellen wir Hass und Hetze entgegen und bleiben eine Stadt, in der die Menschen sich mit Respekt begegnen? Dafür stehe ich. Eine Politik des Zusammenhalts. All das geht nur, wenn wir Ökologie, Soziales und eine starke Wirtschaft zusammendenken. Und wenn wir verlässlich sind und Haltung zeigen. Die Nase immer nach dem Wind zu drehen, heute so, morgen so, ist nicht mein Politikverständnis.

Das Thema, das die meisten Mainzer bewegt, ist wohl die Frage nach bezahlbarem Wohnraum. Derzeit gibt es einige Bauprojekte, zum Beispiel an der Wallaustraße oder am Heiligkreuzweg. Ist das genug?

Es gibt natürlich noch einige Flächen, die entwickelt werden können und die wir entwickeln werden. Die Bundeswehr muss dringend die GFZ-Kaserne an die Stadt übergeben, damit wir dort bezahlbaren Wohnraum schaffen können. Ich will den Anteil an mietgebundenem Wohnraum bei Neubauprojekten von 25 auf 30 Prozent erhöhen. Das ist ein fairer und wirtschaftlich vernünftiger Ausgleich. Manche Städte haben sogar 40 Prozent. Wir können aber gegen den Bedarf nicht nur anbauen. Ich werde als Oberbürgermeisterin auch für andere Wohnformen werben. Es gibt große Wohnungen oder Häuser, in denen nur eine Person ganz allein wohnt. Da bietet sich gemeinschaftliches oder generationenübergreifendes Wohnen förmlich an.

Welche anderen Wohnformen könnten Sie sich vorstellen?

Was auf jeden Fall möglich ist, ist gemeinschaftliches Wohnen zu fördern. Ich habe das selbst erlebt, als ich nach Mainz gezogen bin. Unterm Dach wohnte eine ältere Dame, die dachte, sie müsse ausziehen, als ich mit meiner Familie in das Großelternhaus meines damaligen Mannes zog. Aber wir haben es zu schätzen gewusst, dass da noch jemand war. Und da sie selbst kinderlos war, hat sie sich über die „Leih-Enkel“ riesig gefreut. Es gibt ein ganz anderes Verständnis für die Generationen, wenn man so zusammenlebt und fördert gesellschaftlichen Zusammenhalt. „Wohnen für Hilfe“ ist ein weiteres Projekt, das in anderen Städten gut funktioniert. Leider weniger in Mainz. Ich würde gerne eine Stabsstelle einrichten, die das gemeinschaftliche Wohnen stärker fördert und gleichzeitig ein Ansprechpartner für Mieter sein kann.

Wie wollen Sie das denn noch erreichen?

Wir müssen auch mit den Umlandgemeinden zusammenarbeiten, denn Mainz hat nur eine begrenzte Fläche. Wir können nicht alles zubauen, die Stadt braucht auch Freiräume, Frischluft, Grünflächen – das gehört mit zum Lebensgefühl dazu. Ich will keine zubetonierte Stadt haben. Um Wohnraum mit den Nachbargemeinden zu schaffen, muss aber zum Beispiel auch der Nahverkehr gut ausgebaut sein, damit es attraktiv ist, dort zu wohnen. Auch nachhaltiges Bauen finde ich wichtig. Man kann zum Beispiel so bauen, dass die Grundflächen flexibler gestaltet werden. So dass man Wohnungen nach Bedarf zusammenlegen oder in kleinere Einheiten aufteilen kann. Die Wohnungen könnten sozusagen Begleiter der jeweiligen Lebensphasen werden. Erst klein, dann größer, später wieder kleiner.

„Ich bin also tief überzeugte Mainzerin mit Herz und Leidenschaft.“

Was macht Mainz zu einer attraktiven Stadt?

Das ist so wahnsinnig viel. Am meisten mag ich die Menschen. Ich finde es schön, dass die Stadt so offen ist. In Mainz setzt man sich einfach mit an den Tisch oder trifft sich beim Marktfrühstück und kommt ins Gespräch. Aber nicht so oberflächlich wie anderswo, wo man sich am nächsten Tag nicht mehr kennt. Diese Weltoffenheit, diese „Völkermühle“, die ja auch Carl Zuckmayer beschrieben hat, das hat ganz viel Lebensqualität. Sich begegnen, auch mal einen Wein zu trinken - und mittlerweile gibt es ja auch ganz gute Brauereien (lacht). Mainz hat etwas Gemütliches und ideal für Familien. Großstädtisch, aber nicht zu groß. Ich hatte immer das Gefühl, meine Kinder können hier allein unterwegs sein, ohne dass ich Angst haben musste. Dann finde ich eine Stadt am Fluss immer sehr schön. Da könnte man natürlich das Rheinufer auch noch ein bisschen netter gestalten, damit man diesen Fluss noch mehr erleben kann. Gut, dass wir da jetzt etwas auf den Weg gebracht haben. Ich bin tief überzeugte Mainzerin mit Herz und Leidenschaft.

Im zweiten Teil unseres Interviews lest Ihr, was Tabea Rößner von E-Scootern hält, wie sie die Arbeit bei den Kindernachrichten „Logo“ geprägt hat und wie sie dem Kneipensterben entgegentreten will.

Das Interview führten Peter Kroh und Denise Frommeyer.

(nl)

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