OB Ebling: „Beim Marktfrühstück bin ich pessimistischer geworden“

Mundschutz, Lockerungen, Marktfrühstück: Im Interview mit Merkurist nimmt Oberbürgermeister Michael Ebling Stellung zu Themen rund um die Corona-Krise.

OB Ebling: „Beim Marktfrühstück bin ich pessimistischer geworden“

Mehr als zwei Monate ist unser letztes Interview mit Oberbürgermeister Michael Ebling (SPD) her (Teil 1 und 2). Damals war die Corona-Krise noch am Anfang. Seitdem gab es in vielen Bereichen Lockerungen. Wie bewertet der OB die Situation jetzt? Im ersten Teil unseres Interviews erklärt Michael Ebling, was er von der Maskenpflicht hält und warum er beim Thema Marktfrühstück mittlerweile pessimistischer ist.

Herr Ebling, Sie haben in unserem letzten Interview Anfang April gesagt, dass Sie zwar den „wohlwollenden Gedanken“ hinter der Mundschutzpflicht verstehen. Aber auch: „Was macht es mit uns, wenn wir das Gegenüber nicht mehr sehen? Wenn wir nicht mehr sehen, wie jemand lacht oder leidet? Das verändert die Menschen auch unbewusst und das macht mir Sorge.“ Mittlerweile wurde die Maskenpflicht eingeführt. Sehen Sie das immer noch so?

Im Grunde sehe ich es immer noch so. Für uns Menschen ist das Gesicht sehr entscheidend, um Emotionen wahrzunehmen. Nicht umsonst reagieren wir ja auf Menschen, deren Gesicht wir nicht sofort erkennen, ganz unbewusst eher reserviert. Ich habe diese Sorge also durchaus immer noch. Ich freue mich deshalb immer dann, wenn wir dort, wo es möglich ist, auf die Mund-Nasen-Bedeckung verzichten können. Ich hoffe, dass es angesichts der Infektionsrate bald weitere Lockerungen geben wird, etwa, dass man sich in der Außengastronomie auch auf dem Weg zum Tisch ohne Mund-Nasen-Bedeckung bewegen kann.

Aber ich will jetzt auch gar nichts gegen die medizinischen Erkenntnisse sagen, die wir ja mittlerweile haben: dass ein Mund-Nasen-Schutz uns bei der Eindämmung des Virus helfen kann. Wir sollten es aber auf die Fälle beschränken, bei denen es je nach Lage Sinn ergibt. Denn letztlich zieht doch niemand gerne diese Masken auf.

Andere Regeln wurde bereits gelockert. Welche Lockerung haben Sie als Erleichterung empfunden?

Ein großer Schritt war auf jeden Fall die Öffnung der Gastronomie. Das hat wieder Leben in die Stadt zurückgebracht. Ich war an jenem Mittwoch mit Günter Jertz, dem Hauptgeschäftsführer der IHK, unterwegs – und draußen saßen wieder Leute in der Augustinerstraße. Das war ein wichtiger Schritt in Richtung Normalität. Die nächsten Schritte müssen jetzt aber auch gegangen werden. Die Neuinfektionen sind so gering, da gibt es keinen Grund mehr, gewisse Dinge aufrecht zu erhalten. Wir müssen jetzt Schritt für Schritt weiter lockern. Denn es sind die Einschränkungen, die rechtfertigt werden müssen – nicht die Lockerungen.

Denken Sie da an bestimmte Lockerungen, die bald kommen müssen?

Wie eben schon erwähnt, ist das zum einen der komplette Verzicht auf Mund-Nasen-Bedeckungen in der Außengastronomie, natürlich unter Beachtung der Abstandsregelungen. Alle Erkenntnisse sagen uns, dass es das Beste ist, sich draußen aufzuhalten. Und derzeit haben wir auch das Wetter dazu. Auch Kirmes und Jahrmarkt müssen wieder möglich werden. Natürlich mit Auflagen, natürlich mit Beschränkungen. Der Zugang muss kontrolliert werden, es muss eine Nachverfolgung geben. Auch andere Dinge im Freien müssen wieder möglich sein. Das heißt jetzt nicht, dass das Marktfrühstück wieder erlaubt wird, das wäre einfach noch zu riskant. Aber man muss im Freien das Leben wieder genießen können.

Sie haben die Lockerungen in der Gastronomie erwähnt. Dennoch klagen viele Gastronomen noch über fehlende Unterstützung von Stadt und Land. Was können Sie als Stadt noch für die Gastronomen tun?

Wir haben von Anfang an gesagt: Wo wir helfen können, helfen wir. Aber wir können natürlich nicht das stemmen, was Bund und Land stemmen können: nämlich Investitionshilfen oder Liquiditätshilfen. Das sind keine Dimensionen, in denen wir als Stadt helfen können. Deshalb war es von Anfang an richtig, dass Bund und Land das anbieten. Und wir konzentrieren uns auf die Dinge, die wir auch wirklich machen können: zum Beispiel die Erweiterung der Außengastronomie im Rahmen unseres Hilfspakets „Mainz hilft sofort“. Dafür mussten zwar Parkplätze geopfert werden, aber es hat für eine große Lebendigkeit in der Stadt gesorgt, zum Beispiel in der Großen Langgasse. Das kam einfach gut an.

Was mich aber weiter beschäftigt: Gerade die kleinen Kneipen haben weiter das Problem, dass diese Form des Genusses völlig konträr ist zu dem, was wir in Corona-Zeiten beachten müssen. Ich gehe ja in eine Kneipe, um auf engem Raum mit Leuten zusammen zu sein. Und das sollten wir aus guten Gründen gerade nicht machen. Diese Kneipen leiden besonders. Das Problem kann man auch nicht einfach mit Außengastronomie lösen. Deshalb bin ich froh, dass die Bundesregierung in ihrem Konjunkturpaket nochmal etwas draufgesattelt hat: Überbrückungshilfen für genau diesen Bereich. Bars, Kneipen, Clubs: Das sind die wirklichen Sorgenkinder in der Gastronomie.

Haben Sie die Sorge, dass manche Kneipen Corona nicht überleben werden?

Ja, diese Sorge habe ich. Die Sorge habe ich auch beim Handel. Corona hat auch die Tendenz Richtung Internethandel verstärkt. Es ist für viele selbstverständlich geworden, über das Internet zu bestellen. Weil Geschäfte geschlossen hatten, aber auch, weil gesagt wird, man muss da vorsichtig sein. Das ist ja auch richtig so, aber dadurch entsteht natürlich eine Zurückhaltung. Die große Kunst wird es jetzt sein, in den nächsten Wochen und Monaten wieder die Lust zu spüren, das zu genießen, was wir auch vorher genossen haben – natürlich unter anderen Rahmenbedingungen. Das Einkaufen wieder als Erlebnis zu sehen, auch wieder zu verreisen. Es muss ja nicht die ferne Welt sein, das kann auch das eigene Land sein. Auch Gastronomen haben immer noch freie Plätze. Wir müssen jetzt alle auch ein Stück weit gegen die eigene Zurückhaltung kämpfen.

In unserem letzten Interview haben Sie außerdem die Prognose gewagt, dass wir in diesem Jahr nochmal ein reguläres Marktfrühstück erleben werden. Wie sehen Sie das jetzt?

Beim Marktfrühstück bin ich tatsächlich pessimistischer geworden. Mit solchen Sätzen wollte ich aber auch einfach deutlich machen, dass wir nicht alles gleich wegwischen und übereilt absagen. Ganz ehrlich: So genau wissen wir auch einfach noch nicht, was das Richtige ist. Deshalb fahren wir auch immer ein Stück weit auf Sicht und entscheiden je nach Infektionslage. Ich bin aber insofern pessimistischer geworden, als dass ich sage: Ein Marktfrühstück, wie wir es kennen, mit vielleicht 3000 Menschen auf engem Raum, werden wir ganz sicher in diesem Jahr nicht mehr erleben. Aber es muss andere Angebote im öffentlichen Raum geben, wo was verkauft wird, wo auch genossen wird. Zum Beispiel der mobile Freizeitpark, der bald kommen wird. Da wird es wieder etwas Zerstreuung geben – und das ist wahnsinnig wichtig. Sonst verfallen wir irgendwann in eine große Depression. Das Leben ist mehr als Corona.

Bis zum 31. August sind Großveranstaltungen untersagt (Anmerkung der Redaktion: Kurz nach dem Interview wurde die Sperre auf Ende Oktober verlängert. Allerdings könnten größere Veranstaltungen bis dahin unter bestimmten Bedingungen möglich sein). Das erste Fest, das nach dem 31. August wieder möglich wäre, ist der Weinmarkt. Gibt es hier schon konkrete Überlegungen?

Wir werden spätestens im Juli eine Entscheidung treffen müssen, weil sonst der Vorlauf zu knapp wird. Das Entscheidende wird sein: Haben wir gute Ideen, wie wir die Corona-Regeln einhalten können? Das kann nur funktionieren, wenn etwa der Zugang geregelt wird. Man muss wissen: Wer geht rein, wer geht raus? Zudem muss die Zulassung auch beschränkt werden. Es muss große Entzerrungen geben. Es ist schwer vorstellbar, dass man die Stände eng beieinander hat. Und hinzu kommt: Am Ende muss das Ganze auch wirtschaftlich sein. Und da sind wir schon ein wenig bei der Quadratur des Kreises. Am Ende brauchen wir auch Menschen, die es machen. Wenn man begrenzt, wenn man nachverfolgt, braucht man einfach mehr Personaleinsatz. Es kann ja auch nicht sein, dass am Ende die Schorle zehn Euro kostet, weil das Geld wieder reinkommen muss. Das alles müssen wir ausbalancieren. Aber ich sage auch nicht, dass der Weinmarkt nicht stattfinden wird.

Das Interview führten Peter Kroh und Ralf Keinath.

Teil 2 unseres Interviews mit Oberbürgermeister Michael Ebling lest ihr bald auf Merkurist. (pk)

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