Findet die Johannisnacht statt? Das sagt OB Ebling

Kann die Johannisnacht stattfinden, brauchen wir eine Mundschutzpflicht oder sogar eine Ausgangssperre? Teil 1 unseres Interviews mit Oberbürgermeister Michael Ebling.

Findet die Johannisnacht statt? Das sagt OB Ebling

Es war eine schmerzhafte Entscheidung für die Stadt Mainz: Das 46. „Open Ohr“-Festival, das über Pfingsten hätte stattfinden sollen, wurde wegen der Corona-Krise abgesagt. Nur rund einen Monat später würde das Mainzer Traditionsfest Johannisnacht beginnen, kurz darauf weitere große Volksfeste. Sind sie in Gefahr? Wir haben Oberbürgermeister Michael Ebling (SPD) in seinem Büro in der Großen Bleiche getroffen – natürlich mit gehörigem Sicherheitsabstand. Im ersten Teil unseres Interviews spricht er über den Stand bei den Mainzer Sommerfesten, den finanziellen Schaden für die Stadt und darüber, welche Maßnahmen ihm zu weit gehen würden.

Herr Ebling, seit einigen Tagen gelten in Mainz Kontaktverbot und Abstandsregeln. Die überwiegende Mehrheit hält sich daran, aber nicht alle. Kommt noch eine Ausgangssperre?

Ich glaube nicht, dass die Ausgangssperre kommt. Wir lernen aber auch in dieser Krise, man soll Dinge nicht einfach ausschließen. Die große Mehrheit hält sich an die Regeln. Aber natürlich gibt es auch Menschen, die die neuen Regeln nicht mögen, sie nicht verstanden haben oder bewusst provokativ dagegen agieren – aber das ist eine verschwindende Zahl. Und deswegen glaube ich, dass wir von einer Ausgangssperre verschont bleiben. Wir müssen aber in den nächsten Tagen und Wochen weiterhin so viel Disziplin zeigen, wie wir sie derzeit erleben.

Die Bürger setzen die Regeln also gut um?

Ich nehme das persönlich so wahr. Gerade in den wenigen Momenten, in denen ich draußen bin – das ist ja auch für mich neu – sehe ich viele Menschen, die Disziplin zeigen. Es gibt zwar ärgerliche Einzelfälle, in denen wir mit den Kolleginnen und Kollegen vom Ordnungsamt eingreifen mussten, aber das sind sehr wenige.

Das Open Ohr hätte Ende Mai, Anfang Juni stattfinden sollen und wurde vor wenigen Tagen abgesagt. Da ist natürlich die Frage nahe liegend, wie es mit anderen Mainzer Festen aussieht: Johannisnacht, Sommerlichter, Weinfest im Kirchenstück… Ist hier schon eine Entscheidung gefallen?

Wir schauen immer etwa zwei bis drei Wochen im Voraus und bewerten dann anhand der aktuellen Corona-Lage, ob eine Veranstaltung stattfinden kann. Beim „Open Ohr“ war es so, dass das Festival jetzt erhebliche Kosten verursacht hätte, wenn wir weiter geplant und beauftragt hätten. Wenn wir das dann zurückdrehen müssten, wäre das ein echter finanzieller Schaden gewesen. So ist es auch sehr schmerzhaft, dass wir es absagen mussten, aber nun bleibt man kaum auf Kosten sitzen. Weiter in die Zukunft zu schauen, wäre ein Blick in die Glaskugel. Ob also die Johannisnacht stattfinden kann, können wir erst in den nächsten Wochen beantworten. Wir können jetzt noch nicht beantworten, wie lange die Krise andauert.

Können solche Feste nachgeholt werden oder fallen sie einfach aus?

Es gibt sicherlich Feste, die man nachholen könnte, beispielsweise den Rheinfrühling. Hier schlagen wir eine „Wintermesse“ am Rheinufer nach den Weihnachtsfeiertagen vor. Dies gäbe auch die Möglichkeit für ein zentrales Silvesterfeuerwerk. Das Problem ist nur, im engen Festkalender der Stadt ist ja kaum Platz für weitere neue Feste. Gerade im Sommer wird es mit den Weinfesten eng. Das meiste werden wir wahrscheinlich leider nicht nachholen können.

„Was für die Japaner die Absage der Olympischen Spiele war, war für uns hier die Absage des Open Ohrs.“ - OB Ebling

Welche Festabsage würde Ihnen besonders weh tun?

Das Open Ohr hat schon sehr weh getan. Es klingt jetzt vielleicht ein bisschen übertrieben, aber was für die Japaner die Absage der Olympischen Spiele war, war für uns hier die Absage des Open Ohrs. Ein solches jugendpolitisches Festival mit dieser Tradition gibt es sonst nirgendwo mehr in der Republik. Und es hätte gut in diese Zeit gepasst.

Was schätzen Sie: Werden wir in diesem Jahr nochmal ein reguläres Marktfrühstück haben?

Ich rechne fest damit und ich rechne auch fest damit, dass ich es besuche. Und nicht nur eines hoffe ich (lacht).

Ist jetzt schon der finanzielle Schaden für die Stadt abzusehen, die die ganzen Absagen und Schließungen mit sich bringen?

Nein, das ist bei Weitem noch nicht abzusehen und er wird teilweise vermutlich größer sein, als es auf den ersten Blick scheint. Wenn wir bestimmte Dinge absagen, haben wir ja nicht nur Folgeschäden, sondern auch über stadtnahe Gesellschaften wie die mainzplus CITYMARKETING GmbH zum Beispiel massive Verluste. Die müssen wir irgendwie ausgleichen. Das ist das, was wir unmittelbar wahrnehmen. Der größte finanzielle Nachteil wird aber für die Stadt dadurch entstehen, dass viele Betriebe keine Gewerbesteuer mehr zahlen können, weil sie keinen Ertrag mehr haben. Das wird in diesem Jahr sehr stark zu spüren sein, die Einnahmen werden einbrechen. Da reden wir schon über satte, zweistellige Millionen-Beträge. Wie sich das auf lange Sicht mit anderen politischen Aufgaben verbindet, das wird großes Thema im Herbst sein. Es darf nicht sein, dass wir nach der Corona-Krise eine kommunale Krise bekommen.

Wie lange kann die Stadt diesen Zustand aushalten?

Theoretisch kann die Stadt diesen Zustand ewig aushalten, wir können ja nicht in Konkurs gehen. Aber natürlich hat das alles Auswirkungen, wir können und dürfen derzeit keine Schulden aufnehmen. Erst einmal geht es jetzt aber um die Bewältigung der Krise. Und wenn das gesellschaftliche Leben wieder hochfährt, dann wird auch der Blick auf die Kommunen gelenkt werden. Aber eins nach dem anderen.

„Nur dann können wir verhindern, dass wir hier solche Bilder wie in Italien zu Gesicht bekommen.“ - OB Ebling

Welchen Appell haben Sie an die Mainzer wegen Corona?

Ich kann die Bitte immer nur wiederholen: Jeder kann einen Beitrag leisten. Soziale Distanz heißt in diesem Fall, das Risiko einer Ansteckung zu minimieren. Soziale Distanz und trotzdem Zusammenstehen dürfen sich aber nicht widersprechen. Wir müssen noch einige harte Wochen durchstehen mit dieser Art der Kontaktsperre, mit Einschränkungen dessen, was uns Mainzern lieb ist. Nur dann können wir verhindern, dass wir hier solche Bilder wie in Italien zu Gesicht bekommen.

Am Anfang der Corona-Krise haben viele auf die angeblich schwerfällige deutsche Demokratie und den Föderalismus geschimpft und dass jede Stadt so ihr eigenes Tempo habe. Viele wollten, dass sofort eine Ausgangssperre kommt. Mittlerweile scheinen die Menschen zufrieden mit dem „deutschen Weg“. Kann man die Corona-Krise – trotz aller Tragik – auch als Bewährungsprobe für die Demokratie sehen?

Ja, wir haben an einigen Stellen Bewährungsproben. Das eine ist die Akzeptanz von demokratisch legitimierten Entscheidungen über Einschränkungen, die wir so nie erlebt haben. Ich komme auch aus einer Generation, die sich nicht hätte vorstellen können, dass so etwas passiert. Wenn es jetzt noch ein Problem mit der Akzeptanz dieser Maßnahmen gäbe, hätten wir ein noch größeres Problem. Ich sehe aber eine große Zustimmung und eine Einsicht. Mit den neuen Erfahrungen umzugehen, ist auch eine Bewährungsprobe. Wir müssen derzeit mit Fehlern rechnen, und ich glaube, das ist etwas, das der deutschen Seele gehörig stinkt. Wir haben kein Handbuch für diese Krise, wir lernen in dieser Entwicklung und müssen immer wieder nachsteuern. Am Ende der Krise steht dann aber das Ziel, als Gesellschaft wieder zu den guten Tugenden zurückzufinden. Und unter dieser sozialen Distanz leidet das gesellschaftliche Miteinander natürlich auch, Empathie fehlt. Ich verstehe zum Beispiel den wohlwollenden Gedanken dahinter, eine Mundschutz-Pflicht einzuführen. Aber was macht es mit uns, wenn wir das Gegenüber nicht mehr sehen? Wenn wir nicht mehr sehen, wie jemand lacht oder leidet? Das verändert die Menschen auch unbewusst und das macht mir auch Sorge. Ich wünsche mir, dass wir aus dieser Krise heraus wieder zu einem Zusammenleben finden, das von dem Bewusstsein geprägt ist, dass es sehr zerbrechlich ist. Das ist eine neue Erfahrung, aber das hebt auch den Wert des Zusammenlebens und des Zusammenhalts.

„Wer ist jetzt der größte harte Hund in der Republik?“ - OB Ebling

Gibt es noch andere Diskussionspunkte, die Ihnen zu weit gehen?

Mir ging eine Ausgangssperre immer zu weit. Zeitweise kam es mir wie ein „Bieter-Wettbewerb“ vor: Wer ist jetzt der größte harte Hund in der Republik? Dieser Wettbewerb wurde ja zum Glück gebrochen, wenn auch zum Nachteil von Herrn Söder (bayerischer Ministerpräsident, CSU). Es geht nicht darum, wer der härteste Hund ist, sondern darum, was den Menschen nutzt. Wenn selbst führende Virologen sagen, eine Ausgangssperre hätte uns nicht weitergeholfen, dann ist das ernster zu nehmen, als Muskelspiele auf der politischen Plattform. Es ist immer auch eine Gratwanderung und solche Debatten brauchen Raum. Ansonsten fügen wir uns als Demokratie Schaden zu – derzeit aber nehme ich nicht wahr, dass das passiert.

Das Interview führten Denise Frommeyer und Ralf Keinath.

Im zweiten Teil unseres Interviews spricht Ebling über das Dieselfahrverbot, das kreative Potenzial der Krise und seine persönlichen Erfahrungen. (df)

Logo