Ortsvorsteherin Siebner: „Wir stoßen bei der Nachverdichtung an Grenzen“

Bretzenheim wächst - und kommt zunehmend an seine Grenzen. Welche Herausforderungen es ansonsten gibt und was den Stadtteil lebenswert macht, darüber hat Merkurist mit Ortsvorsteherin Claudia Siebner (CDU) gesprochen.

Ortsvorsteherin Siebner: „Wir stoßen bei der Nachverdichtung an Grenzen“

Bei der Ortsvorsteherwahl im Juni 2019 setzte sich Claudia Siebner (CDU) denkbar knapp gegen ihren Herausforderer von den Grünen durch. Die 54-Jährige befindet sich nun in ihrer zweiten Amtszeit. Im Merkurist-Interview erzählt die Lokalpolitikerin, was ihren Stadtteil ausmacht und welche Themen die Bretzenheimer aktuell beschäftigen.

Merkurist: Frau Siebner, was mögen Sie an Bretzenheim?

Siebner: Ich fühle mich hier einfach wohl. Bretzenheim hat mehrere schöne Ecken: den alten Ortskern, der seinen eigenen Reiz hat, auch wegen der vielen historischen Gebäude. Außerdem gibt es zum Beispiel den Naturschaugarten bei der Haltestelle Lindenmühle, wo man mal im Grünen entspannen kann - quasi eine Naturoase mitten in der Stadt. Auch die Menschen in Bretzenheim sind mir sehr ans Herz gewachsen - mit ihrem Engagement und ihrer Unterschiedlichkeit.

Welche Menschen leben in Bretzenheim?

Es gibt viele Studenten, junge Familien, aber auch viele Ur-Bretzenheimer, die seit Generationen hier leben. Es ist eine gute Mischung, weil man nicht sagen kann, dass Bretzenheim überaltert oder nur junge Menschen hier leben. Das Angebot ist für alle Generationen vor Ort sehr gut - von Boule bis zur Jugendfeuerwehr.

Ist Bretzenheim für junge Mainzer attraktiv?

Es gibt Gastronomie, allerdings nicht mehr in dem Umfang wie vor 10 oder 15 Jahren. In dem Bereich haben wir einiges verloren. Das hat unterschiedliche Gründe. Das was da ist, ist gut, aber natürlich nicht mit Stadtteilen wie beispielsweise der Neustadt vergleichbar. Bei den Sportvereinen sind wir sehr gut aufgestellt. Ob TSG, DJK oder 1912er: Beim Handball oder auch Fußball haben wir ein riesiges Angebot, zudem gibt es auch noch einige Fitnessstudios.

Was macht Bretzenheim aus, was muss man gesehen haben?

Zum Beispiel das Rathaus nach der Sanierung. Der Plan ist, dass diese bis Sommer 2021 abgeschlossen ist, aber es kann auch gut sein, dass es sich noch etwas länger hinzieht. Es handelt sich nämlich um eine Komplettsanierung: Das Rathaus wird barrierefrei. Dann haben wir den bereits erwähnten Naturschaugarten und das Wildgrabental. Hier kann man wunderbar spazieren gehen. Aber auch die Alte Ziegelei, die unter Denkmalschutz steht, mit ihrem Ziegelmuseum, ist sehenswert. Genauso wie der Ententeich neben der Koblenzer Straße: ein malerisches kleines Fleckchen, an dem man für kurze Zeit in einer anderen Welt ist. Auch der Gänsmakt mit dem Brunnen und seinen Fachwerkhäusern ist schön.

Welche Probleme gibt es derzeit im Stadtteil?

Da ist vor allem der Fluglärm zu nennen. Unser Stadtteil ist sehr stark betroffen. An dem Problem kann eine Ortsvorsteherin per se eher wenig machen, aber wir haben eine sehr aktive Anti-Fluglärm-Initiative hier in Bretzenheim, zu der ich versuche, wann immer es mir möglich ist, hinzugehen. Dann haben wir an verschiedensten Stellen im Stadtteil Probleme mit Müll. Da wünsche ich mir etwas mehr Achtsamkeit, zum Beispiel bezüglich weggeworfener Zigarettenkippen. An vielen Stellen fehlen auch Mülleimer, unter anderem an den klassischen Hundespazierstrecken.

Wie beurteilen Sie die Wohnsituation in Bretzenheim?

Die Nachverdichtung ist ein Problem. Ich will das nicht ausschließlich negativ beurteilen - wir brauchen Wohnraum, keine Frage. Aber Bretzenheim hat jetzt über 20.000 Einwohner und kein größeres Baugebiet. Wir stoßen hier wirklich an Grenzen. Außerdem fehlen uns in Bretzenheim Vereinsräume. Wir haben in unserem Stadtteil über 50 Vereine. Das Haus St. Georg existiert nicht mehr, einen angemessenen Ersatz dafür wird es auch nicht geben. Ein reges Vereinsleben ist der Kit unseres Stadtteils - für den ein oder anderen sind Vereine wie ein zweites Zuhause. Auch barrierefreies Wohnen ist ein Thema für die nächsten Jahre. Das gibt es in Bretzenheim nämlich nicht in ausreichendem Umfang. Wir müssen schauen, ob wir das Angebot an barrierefreiem Wohnraum noch vergrößern können. Die Bretzenheimer wollen nämlich auch dann hierbleiben, wenn sie gesundheitlich nicht mehr so fit sind. Wenn wir die Generationenvielfalt erhalten wollen, müssen wir mit Verstand überlegen, wie wir in Mainz Wohnraum schaffen.

In Bretzenheim kam es in der Vergangenheit immer wieder zu Straßenbahnunfällen. Konnte man dieses Problem beheben?

Aus meiner Sicht läuft noch nicht immer alles zu 100 Prozent optimal mit den Ampelschaltungen auf der Haifa-Allee. Da hat es ja schon mehrere schwere Unfälle mit Bus und Straßenbahn gegeben. Die Kreuzung an und für sich ist so kompliziert geworden, dass ich denke: Das muss man sich einfach nochmal anschauen. Das wurde mir von der Mainzer Mobilität auch schon zugesichert. Klar, gegenseitige Rücksichtnahme gehört zum Straßenverkehr dazu. Der Ortsbeirat ist bereits im Dialog mit der Mainzer Mobilität.

An der Ecke Essenheimer Straße/Marienborner Straße klagten Anwohner wegen der Mainzelbahn. Konnte hier eine Einigung erzielt werden?

Ein spezieller Fall ist inzwischen stillschweigend zwischen Mainzer Mobilität und dem Anwohner geklärt worden, da erfahre ich auch nichts. Auf das Lärm- und Straßenbahnproblem werde ich aber grundsätzlich auch weiterhin angesprochen. Die Proteste sind weniger geworden, aber man wird da keine hundertprozentige Zufriedenheit erreichen.

Tut sich etwas auf dem brachliegenden Grundstück neben der Mercedes-Niederlassung?

Das „Zu verkaufen“ -Schild steht dort schon so lange ich mich zurückerinnern kann. Mir ist nicht bekannt, dass sich da irgendetwas tut. Was in Bretzenheim aber immer wieder eine Rolle spielt, ist das Zentrenkonzept der Stadt. Die Bretzenheimer fragen seit vielen Jahren nach einem Drogeriemarkt, der aber aufgrund des Zentrenkonzepts nicht angesiedelt werden kann. Ich habe das gegenüber der Stadt auch schon öfter zum Thema gemacht. Es kann nicht sein, dass sich in Mombach „dm“ und viele andere Läden ansiedeln, und das gleichzeitig bei uns in Bretzenheim aber nicht möglich ist. Der nächste Drogeriemarkt für die Bretzenheimer ist auf dem Lerchenberg oder in der Innenstadt. Es gäbe in Bretzenheim mehrere Flächen, auf denen man problemlos einen Drogeriemarkt ansiedeln könnte.

Die Kindertagesstätte am Südring wurde im vergangenen Jahr geschlossen. Wird es einen Nachfolger geben? Wie wird die Anzahl an Kita-Plätzen in dieser kinderreichen Nachbarschaft gesichert?

Die Kita ist nur geschlossen, weil sie an gleicher Stelle neu gebaut wird. Dennoch ist die Schaffung von Kitaplätzen auch in Bretzenheim eine große Herausforderung. Wir bekommen mit viel Mühe gerade so den Kita-Rechtsanspruch ab zwei Jahren gedeckt. Die Kita „Weltentdecker“ auf dem Unigelände gehört beispielsweise auch zum Gebiet Bretzenheim und hat einen Aufnahmestopp verhängt. Ich kann in der heutigen Zeit, in der an jeder Ecke Kita-Plätze fehlen und wir über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sprechen, nicht nachvollziehen, dass ein Studierendenwerk so agiert. Durch den Aufnahmestopp werden die Gruppen letztlich kleiner, und die Erzieher werden mit der Zeit nicht mehr gebraucht. So läuft die Kita schleichend leer. Die Kita ist zwar baufällig, aber da muss es eine Lösung geben, wie man die Kita erhält.

Vielen Dank für das Gespräch, Claudia Siebner.

Das Interview führten Michael Meister und Chiara Scherf. (df)

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