OB Ebling: „Mainz darf nicht zur Schlafstadt werden“

Oberbürgermeister Michael Ebling (SPD) spricht im Merkurist-Interview über Klimaschutz, Kneipensterben und darüber, wie er einen AfD-Wähler überzeugen würde.

OB Ebling: „Mainz darf nicht zur Schlafstadt werden“

Seit sieben Jahren ist Michael Ebling (SPD) Oberbürgermeister der Stadt Mainz. Wenn es nach ihm ginge, kommen noch weitere sieben Jahre hinzu: Am 27. Oktober kandidiert er erneut für das Amt des Oberbürgermeisters. Bei der Wahl tritt er gegen Nino Haase (parteilos), Tabea Rößner (Grüne), Martin Malcherek (Linke) und Martin Ehrhardt (Die Partei) an. Im Interview haben wir mit Michael Ebling über kostenlosen ÖPNV, heimliche E-Scooter-Fahrten und Graffiti in der Stadt gesprochen.

Herr Ebling, wie klimafreundlich sind Sie auf einer Skala von 1 bis 10?

Michael Ebling: Ich würde mich bei 8 einstufen. Als Verbraucher entscheide ich bestimmte Dinge bewusst – wenn es um Verpackungen oder um Müll geht. Das Häuslein ist gedämmt, die Heizung hat den neuesten Standard. Das Thema ist also bei mir präsent. Aber mache ich alles perfekt? Nein, ich bin sicher kein Klimaheiliger. Auch ich werde meinen Fußabdruck hinterlassen. Ich bin immer noch stark aufs Auto angewiesen. Das liegt einfach an den vielen Terminen, die ich abdecken muss.

Könnte es denn in Mainz eine komplett autofreie Innenstadt geben und wenn ja, wann?

Wir brauchen eine autoärmere Innenstadt – wegen Luftqualität, Gesundheitsschutz und Aufenthaltsqualität. Aber völlig autofrei? Das werden wir in absehbarer Zeit nicht hinkriegen. Aber ich bin der festen Überzeugung, dass wir in den nächsten zehn Jahren in der Innenstadt keine Autos mehr mit Verbrennungsmotor haben. Wir sollten E-Mobilität aber nicht so denken: Bald sind die Verbrenner weg und dann kommen die E-Autos. Wenn wir das 1:1 austauschen würden, hätten wir keinen wirklichen Quantensprung. Dann riecht es vielleicht nicht mehr nach Diesel und die Stickoxidbelastung ist nicht so hoch, aber wenn die Autos trotzdem hintereinander im Stau stehen, ist das ein überschaubarer Gewinn.

Die andere Alternative ist der öffentliche Nahverkehr. Zu einem kostenlosen ÖPNV haben Sie sich ja 2018 eher skeptisch geäußert. Hat sich das mittlerweile geändert?

Nein, ich bleibe bei dem Thema Kostenfreiheit wirklich skeptisch. Ein 365-Euro-Ticket für den Rhein-Main-Raum wäre ein großer Gewinn. Im Moment steigt der Ticketpreis jedes Jahr automatisch. Wir kommen da an eine Grenze, irgendwann kann es sich nicht mehr jeder leisten. Ich bin dennoch dafür, dass es einen gewissen Grundbetrag gibt. Wir wollen ein leistungsgerechtes System, das auch Kundenkomfort bietet. Für etwas zu bezahlen, drückt Wertschätzung aus. Und ich bin achtsamer für etwas, wenn ich dafür bezahle.

Und wie sieht es mit E-Rollern aus – sind Sie selbst schon damit gefahren?

Ich habe es mir bislang verkniffen, in Mainz einen E-Scooter zu nehmen, weil ich mir dann immer dachte: Das Amt bringt doch eine gewisse Vorsicht und eine gewisse Beobachtung mit sich (lacht). Aber wenn Sie mich jetzt fragen: Sind Sie noch nie E-Roller gefahren? Nein, dafür bin ich ein zu großes Spielkind. Es gibt ja noch andere Städte als Mainz (lacht).

In vielen Städten wird diskutiert, bei dem ein oder anderen Fest auf Feuerwerke zu verzichten. Wie stehen Sie dazu?

Mich stört es, wenn beim Thema Klima immer an Verbote gedacht wird. Wir müssen stattdessen beim Klimaschutz positive Anreize setzen. Zu den Feuerwerken: Es gibt eine Feinstaubbelastung in dieser Stadt, aber sie ist erkennbar unter den Normwerten. Wenn wir alles, was den Wert nach oben treibt, gleich mit Verboten belegen – es würde irgendwann eine sehr freudlose Gesellschaft. Die Menschen ändern ohnehin ihr Verhalten, ich merke auch im Bekanntenkreis, dass weniger geböllert wird als früher. Aber ein Silvesterfeuerwerk hat eine kulturelle Prägung, es steht für Freude und für Optimismus, man begrüßt das neue Jahr.

„Die Stadt wird sich weiter verändern.“

Merkurist zeigte vor Kurzem in einem Artikel alte Mainz-Bilder aus den 90er-Jahren. Uns fiel sofort auf: Mainz wirkt heute weniger provinziell als damals. Ist das eine Entwicklung, die in den nächsten Jahrzehnten so weitergehen wird? Dass sich Mainz immer mehr zur „Rheinhessen-Metropole“ entwickelt?

Ich gehe davon aus, dass sich die Stadt weiter verändern wird, das hat natürlich auch etwas mit dem Bevölkerungswachstum zu tun. Die wichtige Aufgabe wird sein, die Gemütlichkeit, den Charakter zu bewahren. Aber da mache ich mir um Mainz keine Sorgen: Wenn eine Stadt stark genug ist, sich bei allem Wandel zu behaupten, dann ist das unser Mainz. Wir würden uns nie unsere Fröhlichkeit und unsere Begegnungsmöglichkeiten wegbauen lassen.

Was zeichnet eine moderne Großstadt aus?

Eine Großstadt muss vor allem Lebensraum für Menschen sein. Es soll nie nur die Schlafstadt sein, in die man abends rein- und morgens wieder rauspendelt. Lebensraum braucht Qualität, braucht Orte, an denen man sich gerne trifft, die Identität geben. Der Dom wird ja nicht nur besungen, er ist auch ein Ort, der uns kulturelle Kraft gibt. Wir leben in einer Welt, in der vieles austauschbar wird und wir müssen um das ringen, was uns auszeichnet. Ich denke, das gelingt uns ganz ordentlich. Wir haben zum Glück mehr als nur ein Profil. Mainz ist die Stadt der Fastnacht, die Gutenbergstadt, die Hochschul-Stadt. Und es ist die Stadt, in der man mit einem positiven Grundgefühl unterwegs ist.

„Die Schließung des L’Arcade hat mich persönlich getroffen.“

Ein Thema, das vor allem viele junge Leser interessiert, ist das Kneipen- und Clubsterben der letzten Monate und Jahre. Was wollen Sie dagegen tun?

Gerade die Schließung des L’Arcade hat mich persönlich auch getroffen, denn dort habe ich legendäre Abende verbracht. Das tut dann schon ein bisschen weh. Was eine Stadt nicht tun kann, ist gute gastronomische Konzepte und Ideen entwickeln. Dafür sind wir nicht da. Die Aufgabe der Stadt ist, einen Interessensausgleich hinzubekommen. Vieles hat nämlich mit der Nachtkultur und den daraus entstehenden Konflikten zu tun. Die Kultur soll nicht leiden, aber wir sollen auch nicht in die Situation kommen, dass zum Beispiel die Altstadt irgendwann wegen der Lautstärke unbewohnbar wird. Für die Stadt ist es daher wichtig, sich die Frage zu stellen: Können wir da vermittelnd tätig sein? Ich kann mir schon vorstellen, dass es so etwas wie einen Nachtkulturbeauftragten geben sollte. Ein Mensch, der eine Affinität zur Stadt und zur kreativen Szene hat und die Kraft besitzt, sowohl Ideen zu fördern als auch Interessen auszugleichen.

Haben Sie einen weiteren Wunsch für die Kulturszene in Mainz?

Ich finde, die Szene ist an vielen Stellen sichtbarer, auch selbstbewusster geworden. Allein die Entwicklung des Mainzer Staatstheaters ist sensationell. Auch die Musikszene ist spannender geworden. Ich würde nicht sagen, dass ich etwas vermisse. Ich frage mich nur, ob wir das als Stadt noch mehr zeigen müssen. Ich denke da auch an das Thema Graffiti. Mir gefällt richtig gut, dass es im öffentlichen Raum immer mehr Graffiti-Kunstwerke gibt – zum Beispiel auf Stromkästen. Und es ist schön zu sehen, dass Leute stehen bleiben und davon Fotos machen. Dadurch schaffen wir es auch eine Kunstform zu veredeln, die sonst eher ein Nischendasein fristet.

Andere regen sich über Graffitis auf.

Ich rege mich auch über Schmierereien auf. Ich werde diese Tags nie als Kunst wahrnehmen, sondern eher als Sachbeschädigung. Da geht es nicht darum, etwas zu gestalten, sondern etwas zu markieren. Das erinnert mich etwas an das Verhalten von Hunden. Es droht ein schleichendes Laissez-faire zu werden, nach dem Motto: Die dürfen ja alles. Ich bin dafür, dass wir da Regeln entwickeln. Davon unabhängig sehe ich die Kunstform Graffiti. Das Planungsdezernat will bald neue Flächen vorstellen. Da sehe ich Gestaltungspotenzial – für die Stadt und die Künstler. Die Szene ist sehr aktiv und stolz auf ihre Kunst. Das ist auch eine Aufwertung für viele Orte in der Stadt.

„Ich kandidiere als Person.“

Kommen wir zum Thema Wahlkampf. Auf Ihren Plakaten fehlt das Logo der SPD – schämen Sie sich für Ihre Partei?

(lacht) Nein, ganz bestimmt nicht. Ich bin gewählter Oberbürgermeister und kandidiere für eine zweite Amtszeit. Und ich möchte alle Mainzer repräsentieren. Daher möchte ich mich nicht auf ein Parteilogo reduzieren. Ich bleibe natürlich Sozialdemokrat. Der Anspruch ist, die Stadt in ihrer Vielfalt zu repräsentieren. Von daher war es eine bewusste Entscheidung zu sagen, ich kandidiere als Person.

Wie würden Sie einen AfD-Wähler überzeugen, Sie zu wählen?

Ich würde erst einmal darauf hinweisen, dass die AfD den Auftrag zu gestalten überhaupt nicht angenommen hat. Sie sitzt schon seit 2014 im Stadtrat und man hat seitdem zweimal von ihr gehört – nämlich immer, wenn sie Krach hatte. Die AfD rückt immer mehr in Richtung eines autoritären und totalitären Weltbildes. Bei den bundespolitischen Äußerungen der Partei wäre „Populismus“ noch vornehm ausgedrückt. Das ist wirklich schon rechtsaußen. Aber nicht alle, die AfD wählen, sind Nazis.

Ich würde gerne mal mit Mainzer AfD-Wählern zum Mahnmal St. Christoph gehen und sie fragen: Was glaubt ihr, was dazu geführt hat, dass diese Stadt vor fast 75 Jahren in Trümmern lag? Es war der Irrweg in einen überhöhten Nationalismus. Wenn ich den Protagonisten heute zuhöre, denke ich, die haben ihre Lektion nicht gelernt.

Das Interview führten Denise Frommeyer und Ralf Keinath. (df)

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