Moseler: „Die Belastung der Bürger ist nicht mehr vertretbar“

Claudius Moseler ist der einzige Ortsvorsteher der ÖDP. Was er an seinem Stadtteil Marienborn schätzt und welche Probleme er sieht, darüber hat er mit Merkurist gesprochen.

Moseler: „Die Belastung der Bürger ist nicht mehr vertretbar“

Marienborn ist der zweitkleinste Stadtteil von Mainz und der einzige mit einem Ortsvorsteher der ÖDP. Seit 2014 ist Claudius Moseler im Amt, 2019 wurde er in der Stichwahl mit 68,7 Prozent der abgegebenen Stimmen wiedergewählt. Im Merkurist-Interview spricht er über seinen „rebellischen“ Stadtteil und über aktuelle Probleme und Dauerbrenner.

Merkurist: Herr Moseler, was muss man in Marienborn gesehen haben?

Moseler: Ich will keine Werbung für einen bestimmten Landwirt machen, aber was man auf jeden Fall gesehen haben muss, ist die Amorella Kirschmanufaktur. Eine Führung dort lohnt sich. Da gibt es Kirschwein und Kirschsekt – typische Marienborner Produkte. Wichtig ist auch die katholische Wallfahrtskirche. Diese beiden Orte sollte man als Mainzer auf jeden Fall gesehen haben.

Was mögen Sie an Ihrem Stadtteil?

Die Überschaubarkeit. Man ist nah am Menschen, es ist kein anonymer Stadtteil. Das hat den großen Vorteil, dass man im Gespräch mit den Leuten die Probleme lösen kann, die man vor Ort hat.

Kennen Sie jeden Einwohner persönlich?

Ich kenne mittlerweile sehr viele und mich kennen wahrscheinlich noch mehr. Aber wir haben jetzt rund 4600 Einwohner – das ist dann doch nicht mehr ganz so überschaubar. Da kann man nicht jeden kennen (lacht).

Welche Probleme gibt es in Marienborn?

Es gibt aktuelle Probleme und Dauerbrenner. Wir sind einer der Stadtteile, die vom Lärm am meisten betroffen sind. Das ist zum einen der Fluglärm, zum anderen aber auch der Lärm von der Autobahn. Die Wohnbebauung geht sehr nah an die Autobahnen A63 und A60. Wir fordern als Ortsbeirat Tempo 80 auf den stadtnahen Abschnitten, aber der Landesminister Volker Wissing (FDP) kommt nicht in die Puschen – und will es wahrscheinlich auch gar nicht. Momentan wissen wir auch nicht, ob es mit dem Autobahnausbau weitergeht, das würde ja noch oben drauf kommen. Da können wir nur abwarten, bleiben aber aktiv mit unserem Engagement für mehr Lärmschutz.

Beim Thema Fluglärm sind Ihnen erst recht die Hände gebunden.

Es ist belastend, wenn morgens schon um 5 Uhr die Flugzeuge über den Stadtteil fliegen. Das Ganze wird zwar in Hessen entschieden, aber das Engagement unserer Landesregierung ist auch nicht gerade beeindruckend. Meiner Meinung nach sind die Grenzen des Wachstums erreicht, die Belastung der Bürger ist nicht mehr vertretbar. Das liegt an der Wirtschaftspolitik, die betrieben wird, aber wir brauchen auch ein Umdenken der Verbraucher. Für ein paar Euro nach London fliegen, um zu frühstücken – das sollte man in Zukunft zumindest mit der Bahn machen. Auch wenn es dann etwas später wird (lacht).

Ein aktuelles Problem ist sicher das Einkaufszentrum am Sonnigen Hang, das abgerissen werden soll (wir berichteten).

Ja, diese Nachricht hat mich letztes Jahr im Urlaub ereilt. Da dachte ich noch, dass das wohl ein schlechter Scherz sein soll. Wir haben da zwei soziale Einrichtungen, einen Einkaufsmarkt und zwei Mal Gastronomie. Das ist für die Gegend, die früher ein sozialer Brennpunkt war, ein ganz wichtiger Punkt. Durch die soziale Arbeit wurde die Wohnqualität Am Sonnigen Hang verbessert und auch mehr Ruhe reingebracht. Menschen, die Probleme haben, werden dort aufgefangen. Der „Treffpunkt“ setzt sich sehr stark für die ältere Generation ein, das „Zentrum der Begegnung“ für die Jüngeren und die Migranten.

Jetzt soll das Einkaufszentrum abgerissen und stattdessen Wohnraum errichtet werden. Aber: Es sieht so aus, als könnten dort im Erdgeschoss zumindest die sozialen Einrichtungen und die Nahversorgung gesichert werden – ein Aufstellungsbeschluss für einen Bebauungsplan wurde gefasst. Gastronomie kann leider nicht per Bebauungsplan festgelegt werden. Wir müssen jetzt abwarten, ob der Investor wirklich dabei bleibt und der Eigentümer es immer noch verkaufen will. Wir beobachten die Entwicklung im Ortsbeirat weiter kritisch und ziehen an einem Strang – über die Parteigrenzen hinweg.

Marienborn fehlt es ohnehin schon an Einkaufsmöglichkeiten.

Ja, wir brauchen wieder einen Supermarkt im Ort. Da geht es um eine Fläche auf dem Sportplatz, wo ein neuer Bebauungsplan aufgestellt wurde. Dort sollen eine Kita und ein Nahversorger realisiert werden.

Beschreiben Sie bitte Marienborn in drei Worten.

Rebellisch, bodenständig, überschaubar.

Warum rebellisch?

Marienborn wurde ja 1969 zwangseingemeindet. Die letzten Jahre hat Marienborn auch ganz ordentlich gegen den Strich gewählt, um seine Interessen stärker in der Stadt zu vertreten. Es ist der einzige Stadtteil mit einem ÖDP-Ortsvorsteher und mit der ÖDP als stärkster Partei im Ortsbeirat. Die Leute stört es, dass das Geld nicht bei uns ankommt, obwohl wir hier viel Gewerbe haben, und damit viele nötige Maßnahmen nicht umgesetzt werden. Wenn wir eine eigenständige Ortsgemeinde wären, hätten wir da sicher mehr Möglichkeiten.

Vielen Dank, Herr Moseler für das Gespräch.

Das Interview führten Peter Kroh und Ralf Keinath. (mm)

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