„Ich möchte die Schaffung von Schottergärten notfalls unterbinden“

Am 1. September hat Janina Steinkrüger ihr neues Amt als Verkehrs- und Umweltdezernentin der Stadt Mainz angetreten. Kurz vor ihrem Einstand hat die Grünen-Politikern exklusiv mit Merkurist über ihre neue Aufgabe und ihre Ziele gesprochen.

„Ich möchte die Schaffung von Schottergärten notfalls unterbinden“

Als Nachfolgerin von Katrin Eder hat Janina Steinkrüger (beide Grüne) am 1. September ihre neue Stelle als Verkehrs- und Umweltdezernentin der Stadt Mainz begonnen (wir berichteten). Die ehemalige Büroleiterin des Dezernats „Umwelt und Frauen“ in Frankfurt wurde vom Stadtrat für acht Jahre gewählt. Welche Verkehrsthemen und Klimaschutzprojekte ihr wichtig sind, und wie sie die Stadt Mainz künftig sieht, hat Steinkrüger in einem exklusiven Merkurist-Interview kurz vor ihrem Amtsantritt erzählt. Dabei konfrontierten wir sie auch mit Fragen, die ihr uns vorher geschickt hattet.

Merkurist: Frau Steinkrüger, willkommen in Mainz! Sie waren bisher viele Jahre in Frankfurt tätig. Was fiel Ihnen besonders auf, als Sie nach Mainz kamen?

Janina Steinkrüger: Je mehr ich mich in die Themen einarbeite, desto erstaunter bin ich, wie viel in Mainz bereits sehr gut läuft. Einen Klimaschutzrat etwa gibt es hier schon seit 1994. Da dachte ich mir: Wow, es wäre schön, wenn es so etwas auch in Frankfurt geben würde. Das betrifft auch den Ausbau der Straßenbahn beziehungsweise der Mainzelbahn. Ich erinnere mich: Anfang der 2000er Jahre hat Daniel Cohn-Bendit in Frankfurt gesagt, wir müssen die Straßenbahn ausbauen. Wir haben ihn alle etwas belächelt, nach dem Motto: „Was erzählt der denn da eigentlich?“ Und dann kommt man nach Mainz und Mainz baut die Straßenbahn massiv aus. Viele Sachen, die von den Mainzern als selbstverständlich wahrgenommen werden, sind außerhalb sehr anerkannt. Bei den angestoßenen Planungsprozessen, die ich begleiten und zu Ende führen werde, stehe ich mit 100 Prozent Überzeugung dahinter. Das betrifft die Kaiserbrücke, den Umbau von Bonifaziusplatz und -straße mit den Aufenthaltsverbesserungen als auch den Mainzelbahn-Ausbau.

Und was sind Ihrer Ansicht nach die Probleme, die Mainz zu bewältigen hat?

Janina Steinkrüger: Ein großes Problem ist der motorisierte Individualverkehr in einer hochverdichteten Innenstadt mit wenig Platz und Fläche. Mainz gehört weiterhin zu den wachsenden Städten. Wir werden mehr Einwohner bekommen, genau wie die ganze Region wachsen wird. Da muss ein größeres Umdenken erfolgen. Ein Anspruch auf einen kostenlosen Parkplatz zum Beispiel ist irgendwann keine Selbstverständlichkeit mehr. Man muss viel mehr interkommunal denken und planen. Zum Beispiel, wie man die Rhein-Main-Region und das Umland besser vernetzen kann. Für den Pendlerverkehr muss es einen sinnhaften Park-and Ride-Verkehr geben, möglichst wohnortnah. Auch das Thema Bauen in der Stadt wird eine große Herausforderung werden.

Viele Mainzer kritisieren, dass es in den Stadtteilen zu wenig Parkplätze gibt. Wie lässt sich dieses Problem lösen?

Janina Steinkrüger: Viele Parkplätze sind nicht von den Menschen belegt, die dort wohnen, sondern die von außerhalb kommen. Deswegen ist ein naheliegender Ansatz, verstärkt am Anwohnerparken zu arbeiten. Das finde ich im Prinzip auch gut. Soweit ich weiß, sind auch noch viele Kapazitäten in den Parkhäusern frei. Die Frage ist: Wie kann ich die Leute dazu anregen, nur dann mit dem Auto nach Mainz zu kommen, wenn es unbedingt sein muss? Die Frage ist: Brauche ich noch ein eigenes Auto oder kann ich mir eines mit anderen teilen? Der Trend geht nämlich immer mehr zum Carsharing. Eine andere Frage, die sich jeder stellen muss, lautet: Ist es für mich vielleicht günstiger, den ÖPNV zu nutzen?

Was halten Sie dann von dem Vorschlag, den ÖPNV kostengünstiger zu machen?

Janina Steinkrüger: Was mir hier auffällt, ist das Wabensystem. Es ist sehr ungünstig, wenn die Fahrt von nur einer Station genauso viel kostet wie längere Strecken. Das liegt natürlich auch an dem Flickenteppich aus den verschiedenen Verkehrsverbünden in der Rhein-Main-Region. Da müsste man sich mit den einzelnen Verkehrsverbünden und Kommunen austauschen. Ich habe mit Begeisterung gelesen, dass sich meine Vorgängerin (Katrin Eder, die rheinland-pfälzische Staatssekretärin für Klimaschutz, Umwelt, Energie und Mobilität, Anm. der Redaktion) um den verbesserten Schienen-Pendelverkehr ins Rhein-Main-Gebiet kümmern möchte, auch über die Landesgrenzen hinaus.

Fahrradfahrer und Fußgänger sagen, der Platz für Parkplätze müsste sinnvoller genutzt werden. Was wollen Sie für die Fahrradfahrer und Fußgänger tun?

Janina Steinkrüger: Der motorisierte Individualverkehr ist einer der Haupt-Emittenten von CO2. Das ist auch in Mainz der Fall. Ein großes Thema, dem sich Mainz wie andere Städte in Europa in den kommenden Jahren stellen muss, ist: Wie schaffen wir die Anpassung an den Klimawandel? Wie schaffen wir es, die CO2-Emissionen deutlich zu verringern? Dazu gehört auch, sichere und durchgängige Fahrradwege zu schaffen sowie gute Abstellmöglichkeiten.

Ich plane erstmal von den Fußgängern aus. Denn das sind die schwächsten Verkehrsteilnehmer. Und es betrifft jeden. Auch die Autofahrer laufen letztlich nach Abstellen des Autos zu Fuß weiter. Man ‘erläuft’ sich eine Stadt. Es ist angenehmer, wenn man viel Platz hat, wenn man sich sicher fühlt, zum Beispiel ohne Radverkehr auf dem Fußgängerweg oder auch wenn man viele Möglichkeiten hat, sich hinzusetzen. Bei der Sondergenehmigung für die Außengastronomie während der Corona-Zeit haben viele Menschen gemerkt, was das für ein Gewinn ist. Straßenräume sind wieder belebt. Öffentlicher Raum in Mainz soll in erster Linie nicht den Autos gehören, sondern den Menschen, finde ich. Menschen sollen sich sicher im öffentlichen Raum treffen können. Verkehrssicherheit und Aufenthaltsqualität sind wichtig, weniger das Parken auf der Straße.

Werden Sie sich für die E-Mobilität einsetzen, etwa durch mehr Ladestationen?

Grundsätzlich kann es nicht das Ziel sein, dass man jedes Verbrennungsfahrzeug eins zu eins gegen E-Fahrzeuge austauscht. Das ist nicht die Lösung für die Verkehrswende. Eher in das Carsharing-Konzept investieren, den ÖPNV stärken, das ist wichtig. Dennoch müssen unabhängig von den gesetzlichen Vorschriften die Möglichkeiten gegeben sein, sein Auto aufzuladen. Das sollte bei allen Neubauplanungen immer mitgedacht werden – bei neuen Häusern, Parkplätzen, Straßen, Tiefgaragen und auch Supermärkten.

Nach Einführung der Tempo-30-Zone in der Innenstadt warten viele auf die intelligente Ampelschaltung. Wie kommen die Planungen hier voran?

Das Förderprogramm „Saubere Luft“ sieht vor, dass der Tempo-30-Verkehr relativ fließend sein soll. Die entsprechenden Maßnahmen sollen jetzt nach und nach umgesetzt werden. Die ersten 50 Ampeln werden bis Ende des Jahres erneuert, bis Ende 2022 sollen insgesamt 130 fertiggestellt sein.

Viele Mainzer wünschen sich eine weitere Brücke über den Rhein. Wie realistisch ist das und werden Sie sich dafür einsetzen?

Ich bin in erster Linie an Koalitionsverträge gebunden. Eine neue Brücke ist von der Stadt Wiesbaden im Hinblick auf den Kfz-Verkehr abgelehnt worden. Sie würde hauptsächlich dazu führen, dass in den Städten der Kfz-Verkehr ansteigt. Das ist auch nicht das erklärte Ziel der Stadt Mainz. Priorität haben die Brücken, die es bereits gibt. So wurden die Fördermittel zum Umbau der Kaiserbrücke für die Fahrradfahrer bewilligt. Auch gibt es Überlegungen zu Verbesserungen im Bereich der Theodor-Heuss-Brücke, wo es gerade für Fahrradfahrer und Fußgänger in Stoßzeiten ziemlich voll ist. Ebenso sehe ich Verbesserungsbedarf bei der Eisenbahnbrücke.

Was muss sich in Mainz noch ändern, damit die Stadt klimafreundlicher wird?

In Mainz stellt sich, wie in vielen anderen europäischen Städten auch, die Frage, wie wir auf die Veränderungen reagieren, die auf uns zukommen, etwa Hitzetage und Starkregen. Da liegt noch viel vor uns. Es stellen sich die Fragen: Wo können wir Flächen entsiegeln, damit Wasser im Erdboden versickern kann, wie kann Regenwasser zurückgehalten werden oder wie schaffen wir ein gutes Mikroklima? Ich möchte die Schaffung von weiteren Schottergärten anders regeln, notfalls unterbinden.

Manche muss man zu ihrem Glück zwingen. Es geht ja auch um die eigene Gesundheit und das Wohlbefinden der Hausbesitzer. Wenn man die Fenster öffnet, ist eine Rasenfläche gesünder als ein Backofen, der den ganzen Tag Wärme gespeichert hat und sie zurückgibt. In der Stadt gab es in der Vergangenheit leider einige Fehlplanungen. Tiefgaragen sollten in Gebäudekomplexen integriert sein, damit daneben noch bepflanzt werden kann. Anhand des Stadtklimamodells könnte man sich anschauen, welche besonders heißen Plätze noch begrünt werden können.

Ein großes Thema wird also sein: Wie schafft es Mainz, schon 2035 klimaneutral zu werden? Das Thema betrifft alle Bereiche. Wir können nicht weitermachen wie bisher. Energetisches Bauen ist wichtig, hier brauchen wir andere Rahmenbedingungen gerade für die Kommunen. Was können die städtischen Betriebe machen? Der Begriff Klimaschutz ist in den Köpfen immer mit Einschränkungen verbunden. Es wird aber vergessen, wie bereichernd es sein kann, bewusst zu genießen, gesünder zu leben, regionale Wertschöpfung zu erreichen und die Wirtschaft in der Region zu stärken. Hier gilt es, möglichst viele Mainzer:innen zu erreichen und mitzunehmen.

Das Interview führten Michael Meister und Sandra Werner.

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